Heiko Mell

Sie ermuntern zum Lügen

Seit Jahren verfolge ich mit Interesse Ihre Karriereberatung in den VDI nachrichten. Obwohl ich mittlerweile selbstständig bin, sind Ihre Beiträge lehrreich. Ich schätze Ihren klaren Stil und teile zum größten Teil Ihre Ansichten und die Werte, die Sie vertreten.

Doch es ist mir schon mehrmals und jetzt wieder bei der 2.207. Frage aufgefallen, dass Sie Leute zum Lügen ermutigen. Dabei winden Sie sich und schreiben verschämt rechtfertigend, dass Sie das nicht gerne machen und dass man eigentlich stets die volle Wahrheit sagen soll.

Als Christ kann ich das nicht akzeptieren. Lügen ist Sünde und eine Geschäftsbeziehung oder Arbeit, die darauf basiert, kann auf Dauer nicht gut gehen. Auch wenn es heutzutage leider üblich ist, gibt es trotzdem Ausnahmen und man ist nicht generell „draußen“, wenn man die volle Wahrheit sagt.

Antwort:

Ich lasse hier den Bezug auf den konkreten Fall einmal bewusst weg. Wir brauchen ihn nicht – und ich möchte nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf den Einsender und seine von ihm inzwischen gefundene „Erklärung“ ziehen. Es geht ja ums Prinzip.

Erste Aussage von mir: Sie haben recht, was den Tatbestand angeht. Gelegentlich sehe ich Einsender in extremen Notlagen – zumeist unverschuldeten -, die bei wahrheitsgemäßen Angaben im Regelfall keine Chance auf eine Einstellung hätten.

Beschäftigen wir uns einmal damit, warum das so ist:

Der Standard-Entscheidungsträger in Bewerbungsangelegenheiten ist nicht souverän, sondern selbst Angestellter und damit gehalten, Bedrohungen seiner eigenen Karriere oder beruflichen Existenz möglichst zu vermeiden. Entscheidungen, die er trifft, können sich zwar gelegentlich als falsch oder unglücklich erweisen – aber dann muss er nachweisen können, es „damals“ (bei der Einstellung) nicht besser gewusst zu haben. Der schlimmste Vorwurf, der ihm nach Fehlentscheidungen gemacht werden kann, lautet etwa: „Wie konnten Sie nur, das hätte man doch vorhersagen können, das Risiko lag doch klar auf der Hand!“

Trifft dieser Entscheidungsträger eine gewagte Festlegung und ist damit erfolgreich, bekommt er kein Sonderlob. Dass er richtig liegt mit seiner Wahl aus verschiedenen Möglichkeiten, ist nur selbstverständlich. Geht die Geschichte aber schief, macht man ihm vermutlich Vorwürfe. Wie also wird er sich entscheiden, wenn ihm ein möglicherweise risikobehafteter Bewerber auf den Tisch kommt? Er wählt einen Mitbewerber aus, bei dem über spezielle Risiken nichts bekannt(!) ist. Dabei geht es dem Entscheidungsträger gar nicht darum, etwa zu wissen, dass bei einem Bewerber „nichts ist“ – diese Sicherheit ist in jenem Prozess nicht zu erlangen. Es reicht ihm, wenn er nichts weiß – und nach Lage der Dinge auch nichts gewusst oder auch nur vermutet haben muss.

Ich habe mehr als 15.000 Vorstellungsgespräche mit Managern und Nachwuchskräften geführt. 15.000 Menschen haben mir etwas erzählt über ihre mittel- und langfristigen Pläne, über ihr Verhältnis zum Chef, über ihre Zielerfüllungsquote und, und, und. Das meiste davon kann ich nicht kontrollieren, beim besten Willen nicht. Ja meinen Sie denn, ich glaube das alles, was mir da erzählt wird? Ich bin doch nicht naiv. Wenn die erzählte „Geschichte“ nur gut ist, glaubhaft vorgetragen wird und der Kandidat selbst glaubwürdig auftritt, bin ich doch schon weitgehend zufrieden. Natürlich habe ich meine Erfahrungen, bin ich durchaus anspruchsvoll: Die verschiedenen Details, die man mir bietet, müssen schon zueinander, zu den vorgelegten Dokumenten und zum Persönlichkeitstyp passen. Tun sie das, ist es weitgehend in Ordnung. Ich kann ja nicht gut ein Heer von Privatdetektiven mit Hintergrundrecherchen beauftragen oder – bei ungekündigtem Arbeitsverhältnis – den heutigen Chef des Kandidaten anrufen. Ich bin, wie die anderen Einstell-Entscheidungsträger auch, zufrieden, wenn ich keinen Anhaltspunkt für „Probleme“ finde oder gar geliefert bekomme.

Wie viele Kandidaten werden mich (und andere) in diesem Prozess belogen haben, wenn ich nach beruflichen Zukunftsplänen, Motiven für das Ausscheiden beim vorletzten Arbeitgeber oder dem Verhältnis zum heutigen Chef gefragt hatte? Ich weiß es nicht – und, ehrlich gesagt, ich möchte es auch gar nicht wissen. Kommt jemand im Gespräch und vertraut mir etwas Kritisches offen an („mein Chef hat mich zuletzt vor allen Mitarbeitern als inkompetent bezeichnet“), habe ich(!) ein Problem. Denn jetzt weiß ich etwas, das ich nicht mehr verschweigen darf und in meinen Bericht schreiben muss. Liest es der (angestellte) Entscheidungsträger, setzt oben geschilderter Denk- und Handlungsprozess ein, der Bewerber ist „draußen“! Und wird vielleicht durch einen Mitbewerber ersetzt, dem sein Chef noch viel Schlimmeres an den Kopf geworfen hat, der aber taktisch klug vorging und das nicht erzählt hat.

So ist das System nun einmal aufgebaut, ich informiere über die Details darin, über die Art, wie es funktioniert. Was nun soll, darf, muss ich einem Ratsuchenden mit einem erkennbaren, massiven Problem sagen? „Üb immer Treu und Redlichkeit – aber in der sicheren Erwartung, dass deine Mitbewerber es nicht tun werden?

„Ich achte, sehr geehrter Einsender, Menschen mit Prinzipien. Aber wir leben in einem kapitalistischen, auf Gewinnmaximierung ausgerichteten System. Niemand baut eine Kapitalgesellschaft auf, um „Leute in Amt und Brot“ zu bringen. Im Gegenteil, dass man Mitarbeiter braucht, um Geld zu verdienen, gilt eigentlich (es gibt wohl Ausnahmen) als eher ärgerliche Begleiterscheinung.

Und ich weiß etwa ebenso viel über die Formulierung von Stellenanzeigen wie über Bewerber. Dort werden auch unangenehme Wahrheiten unterdrückt, maßlose Behauptungen aufgestellt, Fakten geschönt, nicht so ganz stimmende Aussagen getroffen. Nicht in jeder, aber etwa ebenso oft wie in Bewerbungen auch. Wie ich immer sage: Beide Parteien sind einander würdig.

Nun kann man durchaus an jeden einzelnen Mitwirkenden innerhalb des Systems die Forderung richten, er möge dort, wo er steht, höchsten moralischen, beispielsweise christlichen, Grundsätzen gerecht werden. Aber, seien wir ehrlich, gemessen am Ist-Zustand wäre das bereits der Versuch einer Systemveränderung. Wobei noch nicht einmal sicher wäre – vorsichtig gesagt -, ob wir damit dem Ziel Nr. 1 unseres Wirtschaftssystems im internationalen Wettbewerb näher kämen. Aber das muss mich hier nicht beschäftigen: Diese Serie gehorcht dem Ziel, das System zu interpretieren, nicht jedoch, es zu verändern (flammende Aufrufe zu solchen vermeintlichen Verbesserungen hätte auch niemand über fast 25 Jahre hinweg lesen wollen).

Meine Antwort, geehrter Einsender, hat nicht zum Ziel, Sie von der Richtigkeit meines Tuns zu überzeugen – das werde ich nicht schaffen. Aber ich will den anderen Lesern erläutern, warum ich in komplexen Situationen bestimmte Ratschläge gebe.

Und meine Hinweise in solchen Fällen, man solle eigentlich stets die Wahrheit sagen, erfolgen ganz bewusst: Ich rufe die Grundregel ins Gedächtnis, zeige im Ausnahmefall einen immerhin denkbaren Ausweg auf, sage dem Fragesteller damit aber auch: Du trägst die Verantwortung; wenn du die Regel überschreitest, ist es dein Risiko.

Kurzantwort:

Verschiedene „geschäftsübliche“ Verhaltensweisen innerhalb unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems genügen höheren moralischen, z. B. auf christlichen Überzeugungen aufbauenden Ansprüchen nicht.

Frage-Nr.: 2214
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-04-30

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