Heiko Mell

Wie soll ich solche Unterlagen beurteilen?

Ich wende mich mit einem vielleicht etwas ungewöhnlichen Fall an Sie. Ich bin erst seit drei Jahren in der …-Entwicklung bei … (folgt der Name eines deutschen Top-Konzerns, H. Mell) tätig. Es ist mein erster Job, ich bin noch recht jung und habe kaum Erfahrung mit dem Lesen von Bewerbungen.

Nun wollte jemand etwas von mir – und zwar einen Praktikumsplatz. Ich hatte beigefügte Bewerbung auf den Tisch bekommen, einmal durchgelesen und war spontan der Meinung, dass es sich um einen überheblichen und viel zu sehr von sich überzeugten Kandidaten handelt.

Ohne ihn zu kennen, behaupte ich, dass er sich keine Gedanken darüber gemacht hat, wie die Unterlagen auf den Empfänger wirken könnten. Er scheint sich mehr über das Design Gedanken gemacht zu machen.

Die Unterlagen wurden noch von einigen Kollegen studiert und es ergab sich eine Diskussion, ob man – wie er – die eigene Einschätzung seiner Fähigkeiten in der hier vorliegenden Form darlegen soll. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man so etwas nicht tut. Man lässt Zeugnisse für sich sprechen. Okay, das Praktikumszeugnis ist sehr ordentlich. Aber welches Praktikumszeugnis ist das nicht? Und was für eine Firma ist das? Hat man dort eventuell sehr viel niedrigere Ansprüche als wir sie bei uns haben?

Außerdem verträgt sich die Aussage hinsichtlich seiner Arbeitsqualität („… Aufgaben erledige ich stets sehr sorgfältig, zuverlässig und in guter Qualität. Mit mir haben Sie einen sehr teamfähigen und verantwortungsbewussten Mitarbeiter für bestmögliche Ergebnisse in Ihrem Unternehmen.“) nicht mit dem Notenspiegel des Hauptstudiums. Das Vordiplom werte ich nicht so kritisch, da es bei mir ähnlich aussah (2,6). Allerdings habe ich mich im Hauptstudium massiv verbessert (1,4).

Obwohl wir dringend gute Praktikanten brauchen und denen im Anschluss sogar eine Diplomarbeit anbieten könnten, hatte ich ernsthaft überlegt, ob ich mir wirklich die Zeit für ein Gespräch mit diesem Bewerber nehmen sollte. Übertreibe ich mit meinen Bedenken?

Inzwischen haben wir unsere Entscheidung getroffen. Aber wie beurteilen Sie diese Bewerbung?

Antwort:

Mir liegt die Bewerbung in anonymisierter Form vor. Schon bevor wir in die Details gehen, können wir dem Fall einige interessante Informationen entnehmen (dies ist „nur“ die Bemühung um einen Praktikumsplatz, aber auch bei „richtigen“ Positionen läuft es nach vergleichbaren Mustern):

1. Früher oder später landet eine Bewerbung auf dem Tisch des „Fachvorgesetzten“. Das ist der Entscheidungsträger, der nach einer Einstellung der Vorgesetzte des Kandidaten würde. Er ist ein Mensch aus der Praxis, der in Sachen Bewerbungsanalyse mehr oder weniger Erfahrung und kaum je eine entsprechende Ausbildung oder auch nur Schulung hat. In 99,9 % seiner Arbeitszeit macht er etwas anderes. Ach und noch etwas: Alle die „schlauen“ Bücher über die angeblich optimale Bewerbungstechnik hat er nie gelesen und will er auch nicht lesen. Gesunder Menschenverstand und eigene Erlebnisse bzw. die (unbekannt bleibenden) Besonderheiten seines eigenen Werdeganges haben seine Einstellung zu diesen Dingen geprägt.

Die so oft beschworene Personalabteilung bietet den Fachabteilungen allgemeinen Service, gibt pauschale Richtlinien, hilft im Bedarfsfalle – entscheidet aber nicht über die einzelne Bewerbung. Das ist Industriestandard.Dieser Bewerber hat gemacht, was alle machen (bis auf die paar anderen, die weiter denken und schon dadurch einen Vorteil haben): Er hat einen früheren „Arbeitgeber“ gehabt und den benennt er im Lebenslauf. Natürlich, ist ja wohl vorgeschrieben. Macht man so. Also steht da treu und brav: „Von … bis … Praxissemester bei Firma Max Müller GmbH & Co. KG.“ Und selbstverständlich fragt sich der Leser im Milliardenkonzern, ob das denn ein adäquates Unternehmen ist – ja, er wäre schon froh, wenn man ihm überhaupt sagen würde, ob die 5 oder 50.000 Mitarbeiter haben und ob die Zuckerrüben waschen oder Lenkraketen konstruieren. Oder so.

Aber (natürlich, natürlich): „… mit mir haben Sie einen Mitarbeiter für bestmögliche Ergebnisse.“ Bis auf diese winzigen Details.

Ich benehme mich wie ein Lehrer? Gutes Beispiel, wirklich. Zwei davon, beide auf Gymnasialniveau, hat der Kandidat als Eltern, sagt er. Hätte er nicht sagen müssen, hat er aber.

Ergebnis: Der „Brotkorb“ hängt, was Schule, Noten etc. angeht, eine Stufe höher. Es ist kein Beruf denkbar, der mehr über schulische Leistungen, den Wert guter Noten usw. weiß und dem Kind mehr an Hilfestellung bis zum Abitur geben kann. Also ist das Abitur das, was bei optimalem Druck und maximaler Förderung aus dem Kind herauszuholen war.

Wie das Resultat dieser Mühen aussieht, erfahren wir nicht. Von der Abiturnote ist nicht die Rede, ein Zeugnis liegt nicht bei. Aber wir können Schlüsse ziehen: FH-Studium, der vorläufige Notenspiegel des Hauptexamens enthält achtzehn Noten, deren Schnitt liegt bei etwa 2,7. Das lässt auf ein 3,x-Abitur schließen. Und man sieht: Der Fachvorgesetzte macht instinktiv seine eigenen 1,4 im Examen zum Maßstab. In einem Top-Konzern ist nun aber mal mit Leuten zu rechnen, die Top-Noten haben. Der Anspruch des Hauses ist entsprechend hoch, der Sog des Namens erlaubt die Auswahl.

Der vorgelegte Bewerbungsaufbau ist unangemessen verspielt, lauter unmotivierte Striche, Kästchen und Designelemente stören den Charakter eines seriösen Geschäftsbriefes. Und „Volleyball“ sowie „Snowboard“ gehören nicht vor „Catia“ und „Maple“. Das Foto mit weit geöffnetem kariertem Freizeithemd hat Feierabendcharakter.

Das Anschreiben ist eine der üblichen Problemlösungen. Zusätzlich zu den bereits oben zitierten Stellen finden sich noch Aussagen wie: „Ich wäre sehr offen für eine Position mit beruflicher Verantwortung. …“ das ist irgendwie sinnfrei – und Verantwortung trägt ein Praktikant ohnehin nicht, schon gar nicht in einem solchen Konzern. Und: Kein seriöser Bewerbungsempfänger glaubt einer Selbstbeweihräucherung (er nimmt sie höchstens als Indiz für kritisch zu sehende Eigenschaften).

Meine Beurteilung: Das alles ist, gemessen am heutigen Standard, solider Durchschnitt. Ich glaube, dass dieser Kandidat seinen Weg in der Praxis machen wird. Bevorzugt sehe ich diesen Weg im Mittelstand, wo er wohl auch sein erstes Praxissemester mit uneingeschränkt gutem Erfolg absolviert hat. Ich meine sogar, Anzeichen für eine spätere Eignung für Managementfunktionen zu erkennen. Nur der Großkonzern ist nicht seine Welt. Die völlig andere elterliche Prägung, die er als Kind erfuhr, entschuldigt ihn etwas – aber die andere Seite dieser Medaille, die Ausrichtung auf schulische Leistungen, hat auch keine besonderen Resultate gezeigt. Er hätte sich ein bisschen mehr kümmern müssen um Informationen über die Welt der Großindustrie „da draußen“. Wo öfter einmal Entscheidungsträger sitzen, die sich im Hauptexamen auf 1,4 hochgearbeitet haben, beispielsweise. Und die eher keine albern aussehenden grafischen Symbole auf der Bewerbung (analog etwa einer Maurerkelle beim Maurer) mögen. (Was nicht bedeutet, dass es solche anspruchsvollen Entscheidungsträger im Mittelstand nicht auch gäbe. Aber dort sind die Anforderungen nicht so pauschal standardisiert; man ist es gewohnt, in Personalfragen mehr Kompromisse einzugehen, weniger auf „Formalien“ zu achten und auf verborgene Qualitäten zu hoffen.)

Kurzantwort:

Über Bewerbungen entscheiden vor allem die potenziellen Fachvorgesetzten. Das sind eher pragmatisch ausgerichtete Führungskräfte, die meist keine systematische Ausbildung dafür haben, aber viel gesunden Menschenverstand mitbringen. Achtung: Die weitaus meisten davon haben nie gelesen, was in Bewerbungsratgebern empfohlen wird! (Wenn ich könnte, ließe ich den letzten Satz rot drucken.)

Frage-Nr.: 2203
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-03-26

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