Heiko Mell

Wenn ein Rennpferd einen Heuwagen ziehen soll

Zum Ende meiner Elternzeit muss ich (w) mich neu orientieren. Meine Stelle wurde – wie viele andere am Standort – längst abgebaut. Eine Aufgabe für mich ist nicht vorhanden. Mir wurde ein Aufhebungsvertrag angeboten. Ob ich ihn annehme oder nicht, ich muss mich um eine neue Stelle bemühen.

Ich bin nicht der Traum der Arbeitgeber. Als dreifache Mutter habe ich 4,5 Jahre ausgesetzt. Die Kinder sind klein: zwei, vier und sieben Jahre alt. Ich bin standortgebunden und auf flexible Arbeitszeiten angewiesen. Für mich sprechen die hohe Qualifikation, die guten Arbeitszeugnisse und die jetzt abgeschlossene Familienplanung. Auch habe ich bereits als Mutter – damals nur eines Kindes – gearbeitet und das gut gemeistert. In der aktuellen Situation strebe ich keine Karriere an. Dennoch möchte ich eine sinnvolle Aufgabe bekommen. Ich bin überzeugt, dass ich sie meistern werde.

1. Wie kann ich meine Situation im Bewerbungsschreiben klar formulieren, ohne mir eine Anstellung zu verbauen?

2. Mein aktuelles Gehalt liegt bei … EUR/Jahr bei 35 h/Woche. Was wäre für mich bei einer Neuorientierung realistisch?

Antwort:

Bevor wir versuchen können, das Problem zu lösen, müssen wir es erst einmal klar umreißen. Dann müssen wir überlegen, wie viel davon dem Bewerbungsleser offenbart werden muss, was er beim Lesen denkt und wie er die ganze Geschichte beurteilt. Und dann erst können wir überlegen, wie wir „problemlösend“ argumentieren.

Oder kürzer: Erst einmal muss ich alles verstehen. Das schließt die Drohung ein: Was ich nicht verstehe, verstehen die anderen Leser Ihrer Bewerbung auch nicht. Und wie das so ist im Leben: Die drei Kinder und die Elternzeit sind leider nur ein Teil Ihres Problems.

Fangen wir irgendwo an: Sie sind welterfahren, kritisch und auf dem Weg vom Maximalisten zum Optimalisten. Ihre Grundhaltung ist ausgeprägt optimistisch, aber in Details sind Sie realistisch: Sie glauben es erst, wenn Sie es sehen. Und so weiter und so weiter – genauer gesagt, fünfzehn andere Punkte dieser Art gibt es noch. Bevor sich Leser über meine Fähigkeit zur Ferndiagnose wundern: Das sehe ich alles auf einem von Ihnen beigefügten Blatt „Eigeneinschätzung“.

Bitte vergraben Sie das. Tief und endgültig. Kein vernünftiger Mensch will das lesen, kein Bewerbungsbeurteiler gibt etwas auf Selbstbeurteilungen der Kandidaten – es sei denn, er will aus der vollmundigen Darstellung der Stärken auf Schwächen schließen. Bei der Gelegenheit: „vom Maximalisten zum Optimalisten“ ist in dieser Form in diesem Umfeld nicht gebräuchlich, es klingt ungewöhnlich, man muss zu lange darüber nachdenken, die Begriffe sind unvertraut, vorsichtig gesagt.

Sie sind Ende 30, in einem ehemaligen Ostblockland geboren, dort haben Sie das Abitur gemacht. Dann kommt eine etwas schwer nachvollziehbare Zeit mit diversen Auslandsaufenthalten und -tätigkeiten, in der aber das Studium zum Diplom-Wirtschaftsingenieur an einer deutschen TU der Kern gewesen ist. Bei dessen Abschluss waren Sie 25, die Note kennen wir nicht (schade).

Dann folgen so etwa drei Jahre (Sie lassen die Monate im Lebenslauf leider weg) bei einem namhaften deutschen Großunternehmen: Ein Jahr Trainee, die anderen zwei Jahre Qualitätsmanagementbeauftragte mit Sonderaufgaben am Standort. Das Zeugnis darüber kennen wir leider auch nicht.

Nach deutschem Standard ungewöhnlich kommt dann die Rückkehr für zwei Jahre an Ihre „alte“ Hochschule als wissenschaftliche Mitarbeiterin eines eher nichttechnischen Lehrstuhls. Ziel unklar, eigentlich könnte es nur um eine Promotion gegangen sein, dafür aber war die Zeit zu kurz, ein Resultat wird nicht erwähnt, der Begriff „Promotion“ kommt nicht vor. Bleibt ein großes(!) Fragezeichen.

Dann kommen sechs Jahre bei einem deutschen Großkonzern an einem Standort irgendwo in Deutschland. Dort geben Sie – leider – keine gängige Positionsbezeichnung (wie etwa „Konstrukteur“) an, aber es geht um Aufgaben im Qualitätsmanagement und um die Leitung von Projekten in diesem Umfeld. Und von diesen sechs Jahren gehen vermutlich die eingangs erwähnten 4,5 Jahre Elternzeit ab.

Sie legen mir das Muster eines Bewerbungsanschreibens bei. Dort waren Sie sehr kreativ: Das Bild zerfällt in eine linke Hälfte nur mit fettgedruckten Schlagworten (wie „Projektkoordinator“ oder „Vermittler zwischen zwei Welten“) und eine rechte mit extrem allgemeinem Text („Meine Rahmen sind klar definiert und bieten hinreichenden Raum zum Einsatz meiner Fähigkeiten in flexibler Arbeitszeit am Standort“). Von Ihren eigentlichen Problemen ist konkret keine Rede, niemand versteht, was das soll.

Kaum jemals ist mir der Hinweis wichtiger gewesen als hier: Ich will Sie nicht kritisieren, ich will Ihnen helfen. Aber die Darstellung in der Zeitung für viele tausend sachlich nicht betroffene Leser hat ihren Preis. Und Sie bitten mich an anderer Stelle ausdrücklich um Korrekturen sprachlicher Art.

Sie sind hier nicht geboren, nicht hier aufgewachsen, dieses ist nicht das Ihnen „von Kindesbeinen an“ vertraute System, Deutsch ist nicht Ihre Muttersprache. Sie schreiben irgendwo: „In unserer Familie werden tagtäglich vier Sprachen benutzt.“ Das ist vermutlich toll (für mich wäre es ein Albtraum), aber da besteht natürlich immer die Gefahr, dass sich das – begrenzte – Aufnahmevermögen auf vier Ziele verteilt. Ob dann noch Kapazitäten bleiben, um ein System mit Sprache und Gepflogenheiten(!) ganz in sich aufzunehmen, bezweifle ich.

Ich will sowohl Ihre bisherige Leistung anerkennen, sich in Deutschland beruflich behauptet zu haben, als aber auch darauf hinweisen, dass weder Ihre „Eigeneinschätzung“ in dieser Form, noch die optische und inhaltliche Gestaltung des Anschreibens dem hier üblichen Standard entsprechen.

Meine Vorschläge:

1. Definieren Sie Ihr jetziges Bewerbungsziel, umreißen Sie die Bandbreite möglicher und noch akzeptabler Zielpositionen auf der Basis Ihrer derzeitigen Möglichkeiten und unter Anlegung realistischer Maßstäbe. Beispiel: Sachbearbeitende, auf mittlerem Anspruchsniveau angesiedelte Tätigkeit im Qualitätswesen eines Industriebetriebes, mit diesen und jenen Einschränkungen beim zeitlichen Einsatz.

Sie könnten zweifelsfrei „mehr“, aber Standortgebundenheit und familiär bedingte zeitliche Einschränkungen stehen dem entgegen. Ich halte Sie, obwohl ich keine Noten kenne, für einen hochintelligenten Menschen – mit allen Problemen eines solchen! Während durchschnittlich begabte Leute generell machen, was man so macht und wie man es macht, neigen die hochintelligenten zu kreativen Sonderwegen – und sei es bei der Gestaltung von Bewerbungen. Wenn diese kreativen Zeitgenossen dann aber gezwungen sind, Durchschnitts-Jobs anzunehmen, drohen Konflikte (so als würde man ein Vollblut-Rennpferd vor einen Heuwagen spannen; will das Rennpferd den Heuwagen-Job, muss es sich bitte wie ein ganz normales Arbeitspferd benehmen und auf die permanente Demonstration ungenutzt bleibender Fähigkeiten verzichten).

2. Die Zielposition lt. 1 ist jetzt der Maßstab. An diesem ausgerichtet, überarbeiten Sie erst einmal Ihren Lebenslauf. Dazu gehört auch, eventuell jetzt nicht mehr passende Details in der Bedeutung herunterzufahren oder wegzulassen. Wenn Sie in Zukunft keine Chance auf Übernahme einer Projektleitung sehen, dann haben Sie auch vorher besser nur in Projekten mitgearbeitet. Wenn Sie in Zukunft nicht damit rechnen, Aufgaben im Bereich Wissensmanagement übertragen zu bekommen, dann rühmen Sie sich auch besser nicht entsprechender Tätigkeiten „in wesentlichen Konzernbereichen“. Dass eventuell Ihre Zeugnisse einige der hier zur Streichung vorgeschlagenen Begriffe enthalten (und damit „mehr“ angeben als der Lebenslauf) wäre das kleinere Übel.

Ganz wichtig ist auch, dass zu der aus deutscher Sicht völlig unverständlichen zweijährigen Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin eine Erklärung unter der entsprechenden Lebenslaufdarstellung folgt. Z. B. etwas in dieser Art: „(Ich nahm ein Promotions-Angebot der Universität an, zu der es aus meinem früheren Studium noch Kontakte gab. Wegen eines dann aus familiären Gründen erforderlich werdenden Umzugs in eine andere Region habe ich das Vorhaben abgebrochen und aufgegeben.)“

Unter die Darstellung der heutigen/letzten Tätigkeit schreiben Sie etwa: „(In den letzten Jahren davon habe ich Elternzeit in Anspruch genommen. Jetzt bei meiner beabsichtigten Rückkehr besteht meine frühere Stelle wie viele andere nicht mehr, der Arbeitgeber kann mir nur noch einen Aufhebungsvertrag anbieten.)“

3. Ich gebe ungern Volltext-Vorlagen für Anschreiben. Aber in Ihrem Fall riskiere ich eine Ausnahme:“Sehr geehrte…,Ihre Ausschreibung habe ich mit großem Interesse gelesen.

Ich bin Dipl.-Wirtschaftsingenieurin (TU …) und habe mehrjährige praktische Erfahrungen im Qualitätsmanagement zweier namhafter Unternehmen sammeln können. Dabei standen … im Mittelpunkt (Anmerkung von mir: Hier gilt es, solche Aufgabendetails zu schildern, die sich mit denen in der ausgeschriebenen Position möglichst decken oder wenigstens ähnlich sind; das „Rennpferd“ aus obigem Beispiel soll nicht mit Rennsiegen protzen, sondern mit Fällen, in denen es Heuwagen gezogen hat).

In den letzten Jahren hatte ich meine Elternzeit in Anspruch genommen. Jetzt ist meine Familienplanung abgeschlossen, ich suche den Wiedereinstieg in meinen Beruf. Meine Familie und ich sind an diesen Standort gebunden, ich strebe ein langfristiges Engagement an. Der bisherige Arbeitgeber hat meine frühere Position wie viele andere inzwischen gestrichen und bietet mir nur noch einen Aufhebungsvertrag an.

Die tägliche Betreuung meiner Kinder ist geregelt. Ich könnte etwa zwischen … und … Uhr mit vollem, nach Aussagen meiner bisherigen Vorgesetzten stets überdurchschnittlichem Engagement zur Verfügung stehen (Anmerkung von mir: Der Hinweis auf die sichergestellte Betreuung, die es hoffentlich gibt, ist sehr wichtig. Und es ist unbedingt erforderlich, dass Sie sagen, was Sie zeitlich wollen und können. Ihre bisherigen Aussagen zur gesuchten ‚flexiblen Arbeitszeit“ klingen gefährlich nebulös, so als wollten Sie kommen und gehen, wann Sie wollen – das geht aber nicht, klare vorherige Absprachen über die Arbeitszeit sind unabdingbar. Dass eine Mutter wegen eines kranken Kindes zu Hause bleibt, versteht menschlich jeder; den Chef stört es vermutlich dennoch).

Ich werde mich schnell einarbeiten und freue mich auf eine Chance, mich wieder beruflich einbringen zu können.

Mein letztes Einkommen in Vollzeit betrug … EUR/Jahr, für mich steht jetzt aber vor allem die Möglichkeit zum Wiedereinstieg im Vordergrund. Mir ist bewusst, dass ich wegen der familiär bedingten Einschränkungen auch in diesem Bereich flexibel sein muss.

Zu einem Vorstellungsgespräch stehe ich gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen“Und wenn Sie keine passenden Stellenanzeigen in der Region finden, können Sie Initiativbewerbungen an Firmen schreiben. Im Betreff über der Anrede schreiben Sie etwa:

„Bewerbung um eine Anstellung im Qualitätswesen“

Der erste Satz könnte lauten:“… nach Beendigung meiner Elternzeit stellt sich leider heraus, dass mein Arbeitgeber meine und diverse andere Stellen längst abgebaut hat und mir nur noch einen Aufhebungsvertrag anbieten kann; daher bewerbe ich mich in Ihrem Hause.

Ich bin Dipl.-… …“ (Der Rest wie weiter oben, jedoch ohne den dann „doppelten“ Hinweis auf die gestrichene Stelle.)

4. Was das Geld angeht, empfehle ich Zurückhaltung. Die Kombination von Standortgebundenheit, zeitlicher Einschränkung und 4,5 Jahre Ausfall beruflicher Tätigkeit reduzieren Ihre Chancen drastisch, überhaupt einen Job zu bekommen. Erschweren Sie nichts, indem Sie Gehaltsforderungen ins Spiel bringen.

5. Wenn es denn klappt, was ich von Herzen wünsche, haben Sie Mitleid mit dem „Kutscher“ (Chef), den Sie dann bekommen. So ein Rennpferd vor dem Heuwagen im Zaum zu halten, ist für ihn eine große Herausforderung. Und wenn man dann noch das Temperament bedenkt, das den Frauen Ihres Herkunftslandes nachgesagt wird …Ich hoffe, Sie haben außerdem auch noch Humor.

Und liebe Leserinnen, die Sie eventuell ebenfalls den Wiedereinstieg nach Elternzeiten planen: So einmalig ist dieser Fall eigentlich gar nicht. Nur die Sache mit dem Pferd, die habe ich mir speziell für diese Einsenderin ausgedacht. Mal sehen, was sie davon hält.

PS: Es geht mich ja nichts an, aber ich kann nicht anders. Nach meinen langjährigen Beobachtungen gelingt ehemaligen Ausländern die vollständige Integration in ein neues Land am besten, wenn sie sich auch privat in der Familie der Landessprache bedienen. Nur wer stets spricht wie sein Umfeld, kann überhaupt hoffen, eines Tages auch dessen Denken zu verstehen. Sofern er das überhaupt will.

Kurzantwort:

Wer – z. B. aus familiären Gründen – gezwungen ist, sich unter Wert zu verkaufen, muss dabei ebenso viel Aufwand treiben wie der Ehrgeizige, der den Verkauf über Wert versucht.

Frage-Nr.: 2201
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-03-12

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