Heiko Mell

Seit zehn Wochen ohne Antwort!

Ich habe vor kurzem mein E-Technik-Studium abgeschlossen und bin seit über zehn Wochen dabei, mich zu bewerben. Leider ist bis heute noch keine positive Rückmeldung einer Firma angekommen. Nein, die Adresse stimmt! So ganz verstehe ich es nicht, ich habe mir die Informationen auf www.ingenieurkarriere.de und auch die auf Ihrer Seite durchgelesen und meiner Meinung nach auch in meinen Bewerbungen umgesetzt. Mache ich was falsch oder ist gar mein Diplomarbeitsthema zu speziell? Oder bin ich zu ungeduldig?

Antwort:

Schauen wir einmal, was Sie so angerichtet haben, ich werte die Details so, wie sie mir vorliegen:

Blättert man in Ihren Unterlagen, stößt man auf ein Fachhochschulreife-Zeugnis. Mit 3,6. 3,6! – Wissen Sie, was das bedeutet? Vermutlich ist das in dieser Republik das denkbar schlechteste Ergebnis überhaupt. Ich schließe das daraus, dass man 3,7 niemals sieht. Dazu haben zwei mangelhafte und vier ausreichende Noten beigetragen. Sport aber war gut.

Was Sie damit machen sollen? Vergraben, tief und endgültig. Eine Fachhochschulreife müssen Sie haben, sonst hätte man Sie gar nicht auf die FH gelassen. Und schlechter als Ihre geht nicht, also verschenken Sie durch das Vergraben nichts. Aber Sie ersparen dem Leser ein seine Halswirbel unnötig belastendes Kopfschütteln.

Nein, ich greife hier niemanden an, dem keine Begabung mitgegeben wurde. Denn die Diplomprüfung ist „gut“! Mit der fast obligatorisch sehr guten Diplomarbeit, aber immerhin! Nur noch eine ausreichende Note steht da. Aber es gibt vier sehr gute und sechs gute Noten, das ist doch schon etwas.

Wenn es das Examen denn bloß gäbe. Im zentralen Kern jeder Bewerbung, dem Lebenslauf, gibt es nämlich keines! Dort studieren Sie immer noch unverdrossen-fröhlich vor sich hin (Datum Lebenslauf: 4.11.2007, Datum Examenszeugnis: 11.10.2007). Es heißt dort: „Seit 09/2002 Studium der …“ Nix Ende, nix Examen, nix fertig. Was soll man dazu sagen? Oder vielleicht dieses: Das Wort „seit“ bezeichnet in der deutschen Sprache einen Vorgang, der in der Vergangenheit begann und immer noch andauert.

Viele Bewerbungsleser schauen sich die Lebensläufe zuerst an – um sich dem häufig als unbefriedigend empfundenen Geschwafel in den Anschreiben nur bei jenen 10 % der Zuschriften auszusetzen, in denen dies lt. Lebenslauf gerechtfertigt ist. Aus Ihrem Kerndokument erkennt man: Studiert seit zehn Semestern vor sich hin (für eine FH ist das schon zu lang), Ende nicht absehbar. Und wenn der Leser dann noch lustlos durch die Zeugnisse blättert und zufällig auf die hier hinreichend besprochene Fachhochschulreife stößt, dann „weiß“ er: Das wird nie etwas!

Muss ich das herausarbeiten, kann man das als Jungakademiker nicht selbst herausfinden, ist das etwa eine Geheimwissenschaft? Ist E-Technik nicht auch ein klein bisschen Logik und gesunder Menschenverstand? Was lehrt man Sie da eigentlich „seit“ vielen Jahren?

Werfen wir einen Blick auf das Anschreiben – sofern das nach dem enttäuschenden Lebenslauf überhaupt gelesen wird. Apropos enttäuschender Lebenslauf: Die Anzeige sprach u. a. sowohl im die Aufgabe beschreibenden Text als auch im Anforderungsprofil von sechzehn speziellen Fachgebieten, Programmiersprachen etc. Ich unterstelle gern, dass Ihnen diverse davon vertraut sind – aber im Lebenslauf steht nichts davon. Kein Leser dieses Dokumentes darf hoffen, Sie verstünden etwas vom fraglichen Thema.

Also das Anschreiben: Es geht um einen Job, in dessen Bezeichnung es etwa heißt „… Embedded Felix“. Ich weiß nicht, was das ist, die Leute aus der Personalabteilung wissen es nicht, aber wir können lesen. Zur Erinnerung: Nix war mit Felix im Lebenslauf.

Sie schreiben, dass Sie sich bewerben, wo Sie das Inserat gelesen haben und wie es um Ihr Studium steht. Dann steht etwas über die Diplomarbeit (kein Felix), es kommen „Treiber“ und „Applikationen“ vor. Dann folgen lauter hochkomplex aussehende Fachbegriffe, die dem Leser (Personalabteilung) nichts sagen. Dann geben Sie so ganz nebenbei an, dort käme als Betriebssystem ein spezieller Felix-Kernel(!) zum Einsatz. Jetzt sind wir schon in der zweiten Texthälfte. Niemand weiß, ob der Leser bis hierher durchgehalten hat. Außerdem können weder die Personalabteilung, noch ich aus dieser Formulierung entnehmen, ob Sie nun Felix-Spezialist sind oder nicht. „… kommt zum Einsatz“ heißt ja noch nichts. Dann folgen neue Fachbegriffe, bei manchen erkenne ich Deckungsgleichheit mit Begriffen aus dem Anzeigentext.Und dann, ganz unten im vorletzten Satz, kurz bevor Sie sagen, worüber Sie sich freuen würden, steht verschämt: „Das System Felix nutze ich privat seit über sechs Jahren.“

Ich bezweifle, dass das noch jemand liest! Der eigentliche Witz der Geschichte: Ihre – sehr gut beurteilte – Diplomarbeit betraf einen „Felix-Treiber und …“ Das findet nur, wer auf dem Examenszeugnis danach sucht. Es hätte, wie der private Gebrauch von Felix und die Aufzählung jener Ihrer Kenntnisse, die sich mit der Anzeige decken, ganz oben in das Anschreiben und in den Lebenslauf(!) gehört. Sagen Sie nicht, Bewerbungstechnik sei ein hochkomplexes Fachwissen, nur Spezialisten vertraut. Ich z. B. schreibe an dieser Stelle darüber, seit Sie vier Jahre alt waren (erwarte aber nicht, dass dies zum Gegenstand von Kindergartenprogrammen gehört). Seit vielen, vielen Jahren stehen diese Beiträge nicht nur in der Zeitung (VDI nachrichten als Print-Medium), sondern sind im Internet frei zugänglich. Und Sie haben u. a. Datenverarbeitung studiert.

Ich wünsche Ihnen dennoch viel Glück bei der Stellensuche. Und ärgern Sie sich mindestens so sehr über sich wie über mich. Übrigens gehe ich – und da weiß ich viele Fachleute hinter mir – davon aus, mich noch sehr zurückhaltend ausgedrückt zu haben. In der Praxis – und wenn der Bewerber nicht zuhört – fallen über solche „Machwerke“ ziemlich drastische Bemerkungen.

Und falls Sie, liebe Leser, sich fragen, was Sie alles nicht wissen: „Felix“ habe ich aus Gründen der Diskretion erfunden.

Kurzantwort:

Der Lebenslauf ist der zentrale harte Kern einer Bewerbung. Er muss aktuell sein, die Tatsachen korrekt wiedergeben – und die wesentlichen Qualifikationsdetails enthalten. Überspitzt: Was dort nicht steht, ist oft als werbendes Argument verloren (weil der Rest der Unterlagen vielleicht gar nicht mehr gelesen wird).

Frage-Nr.: 2184
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-01-09

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