Heiko Mell

Selbstbezahlte Tests beilegen?

Aufgrund des bei mir nicht mehr weit entfernten Abschlusses des Studiums habe ich den „Karriere-Test“ des XY-Instituts durchgeführt. Er sollte mir einen Einblick in die Assessmentcenter-Testbögen geben, die anscheinend immer häufiger bei großen Firmen genutzt werden.

Nun bietet dieses Institut zusätzlich eine zertifizierte Auswertung des Tests an, in der die Stärken und Schwächen kurz zusammengefasst werden. Diese solle man seinen Bewerbungen beilegen, da dies für die Bewerbungsempfänger besonders interessant sei.

Ist dies wirklich für den Bewerbungsempfänger von Bedeutung, so dass man bessere Chancen im Auswahlverfahren hat? Vermutet der Personalchef nicht eher eine Manipulation in Richtung besserer Ergebnisse? Würden Sie empfehlen, dieses Zertifikat einer Bewerbung anzuhängen?

Antwort:

„Mein letzter Freund meinte zwar, ich sei gelegentlich eine ziemlich nervende Quasseltante, aber das beigefügte Gutachten des Facharztes für Orthopädie bescheinigt mir Beine von makelloser Bauart und ungewöhnlicher Länge, die Auswertung der Zeitschrift Paula zeigt, dass meine Maße dem männlichen Schönheitsideal zu 97,5 % entsprechen. Anbei noch mein Arbeitsvertrag und die letzten Bankauszüge.“ So schrieb Andrea B. aus C. auf eine Heiratsanzeige.

Was nun denkt der sehnsüchtig wartende Herbert D. aus E., wenn er das gelesen hat? „Sie nervt und wird mich zu Tode quatschen.“ Figur, berufliche Anstellung, Kontostand – alles wird demgegenüber unwichtig.

Denn: „Gutes über andere will der Mensch bewiesen sehen, Schlechtes glaubt er sofort“ (Mell). Das ist „menschlich“ und spielt eine besondere Rolle wegen der sonst üblichen Gepflogenheiten des Bewerbungsprozesses: Alle anderen Kandidaten schreiben nur das Beste über sich; ihre Erfolge sind beispielhaft, ihre Vorzüge legendär, ihre Arbeitszeugnisse enthalten schon deshalb nichts Negatives, weil das nicht erlaubt ist.

In diesem Umfeld bewegt sich der Bewerbungsleser. Nicht dass er das alles glauben würde, was da gelobt wird, aber Zweifel muss er selbst begründen, Risiken selbst erkennen, Schwächen selbst herausfinden – zumeist gegen den tapferen Widerstand des Kandidaten. Da fällt jede von Ihnen als Bewerber eigenhändig präsentierte Schwäche natürlich sofort auf! Der Leser wäre Ihnen sehr dankbar für die Information – würde sich aber doch lieber dem Mitbewerber zuwenden, von dessen Schwächen er nichts Konkretes weiß. Daher kann ein einziger Hinweis in einem solchen Gutachten ungeheuren Schaden anrichten! Ein paar Lobeshymnen auf der anderen Seite, mehrere besonders herausgestellte Stärken wiegen das überhaupt nicht auf. Das Prinzip gilt übrigens auch für beigefügte interne Mitarbeiterbeurteilungen aus einem laufenden Arbeitsverhältnis: An den erkennbar werdenden Schwächen bleibt das Auge des Betrachters hängen, die Stärken könnten ja geschönt sein.

Also, erste Teilantwort: Nie ohne Not etwas beifügen, aus dem auch Nachteiliges hervorgeht!

Die zweite ist einfacher: Im positiven Bereich haben vom Bewerber selbst bezahlte Gutachten keinerlei Wert, helfen ihm nicht weiter. Er könnte ja zwanzig Gutachten einholen und das mit dem besten Resultat auswählen. Vielleicht, so der Pauschalverdacht, ist ja auch das Institut ein wenig bestechlich und haut dem zahlenden Kunden nicht seine wirklichen Schwächen um die Ohren.

Kurzantwort:

Im Zusammenhang mit Bewerbungen interessieren nur Beurteilungen des Kandidaten durch Personen, die im Laufe des Werdeganges dafür „zuständig“ waren (Lehrer, Professoren, Arbeitgeber), nicht durch Institutionen, die der Bewerber selbst bezahlt hat.

Frage-Nr.: 2160
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-09-28

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