Heiko Mell

Aus Rücksicht auf die Eltern?

Inwieweit interessieren im Lebenslauf die Eltern? Oder allgemeiner gefragt: Wie detailliert würden Sie Informationen zu Ihrer Familie im Lebenslauf angeben?

Bei einer erfolgreichen Bewerbung für ein Praktikum, in der ich detaillierte Angaben zu meiner Familie gemacht hatte, habe ich sehr positive Erfahrungen damit gemacht. Zumindest betonte mein Betreuer in diesem Unternehmen immer wieder die Nähe der Tätigkeit meiner Eltern zu meinem Tun im Praktikum. Auch setzte er bei mir ein ebenso hohes Bildungsniveau voraus, wie er es von meinen Eltern (beide promovierte Kernphysiker) erwarten konnte.

War dies nun Zufall, oder zieht der Leser eines Lebenslaufs auf der Basis der Angaben zur Familie Rückschlüsse auf den Bewerber – insbesondere wenn der noch keine Berufserfahrungen hat? Oder ist diese Angabe völlig überflüssig, da der Bewerber nur leisten kann, was er selbst kann und nicht das, was seine Eltern einmal gelernt hatten?

Antwort:

Einige Kernaussagen, die das Thema eingrenzen:

1. Selbstverständlich hat das Elternhaus prägenden Einfluss auf die Entwicklung des Kindes. Das beginnt mit den Erbanlagen, umfasst allgemeine Erziehung und Persönlichkeitsentwicklung und geht bis in Details zur Schulbildung und natürlich zum Studium. Dies alles ist aber so komplex, dass das Ziehen von Schlüssen aus dem einen Faktor „Berufe der Eltern“ sehr kritisch ist. Beispiel: Drei Söhne aus einem Elternhaus können sich völlig verschieden entwickeln – die Skala umfasst innerhalb dieses Geschwisterfeldes höchst unterschiedliche Extreme vom Medizinprofessor bis zum Aussteiger.

2. Als Bewerbungsempfänger möchte man grundsätzlich den familiären Hintergrund des Kandidaten schon kennen – und wären es wenigstens die Berufe der Eltern. In mindestens vier Fällen ließen sich Aussagen daraus ableiten:

2.1 Der Sohn zweier promovierter Kernphysiker, der am Gymnasium scheitert, steht unter dringendem Verdacht, dumm oder faul zu sein. Denn die Eltern wussten um den Wert einer guten (Aus-)Bildung und haben mit Sicherheit alles getan, um aus ihrem Kind notfalls 120 % dessen herauszuholen, was in ihm steckte.

2.2 Der Sohn zweier Hilfsarbeiter, der schlechtere Noten erzielt, würde deutlich milder beurteilt: Die Eltern konnten ihm in keiner Phase helfen, weder in Mathematik, noch im Deutschaufsatz. Sie wussten vermutlich auch nichts über Leistungskurse, den besonderen Wert von Hausaufgaben oder später von Studienfächern und optimaler -dauer. Vom nicht möglichen hilfreichen Einsatz von Geld für Nachhilfe, Schüleraustausch ins Ausland und sorgenarmes Studieren ganz zu schweigen.

2.3 Wenn schon die Eltern waren, was der Nachwuchs geworden ist oder noch werden will, vermittelt das ein grundsätzlich beruhigendes Gefühl, zumindest bei einer Reihe von Tätigkeiten. Beispiele: Vertriebsingenieur („schon meine Mutter war im Vertrieb“ – er kennt das Ausrichten großer Teile auch des Privatlebens auf die Ansprüche von Kunden), Vorstandsassistent („auch mein Vater war Vorstand“ – er kann mit Messer und Gabel essen, da haben anspruchsvolle Gäste im Hause verkehrt, er weiß um den Wert von Verbindungen und Beziehungen, kann Doktoren, Professoren und zur Not auch einen Adligen korrekt anreden, weiß mit Ehefrauen gekonnt umzugehen).

2.4 Das Kind aus einfachem nichtakademischen Elternhaus, das brillante Resultate beim Abitur, beim Examen und bei der Promotion vorweisen kann, hat eine besonders anerkennenswerte Leistung vollbracht. Sie steht für den „Verdacht“ auf Zähigkeit, Stehvermögen, Ehrgeiz (eine positive Eigenschaft!), Eigenmotivation.

3. Die ganze Geschichte kann sich als „Rohrkrepierer“ erweisen, oder der Schuss kann sogar nach hinten losgehen:

3.1 Wenn das „Kind“ selbst verhältnismäßig wenig erreicht hat, aber mit „Super“-Eltern renommiert, schadet es sich selbst. Mir ist ein Fall im Gedächtnis geblieben, in dem ein FH-Absolvent mit 3,x sich zweier promovierter Eltern, eines Bruders mit Uni-Abschluss und eines Professors in der engeren Familie rühmte und dann noch schrieb „Schwester mit promoviertem Rechtsanwalt verheiratet“. Hätte er doch bloß zu diesem Thema geschwiegen!

3.2 Die „offene Flanke“ beim gesamten strategischen Ansatz „Ich versuche, meine Bewerbungschancen durch Angaben zum Elternhaus zu verbessern“, ist die unbekannte Person des die Bewerbung lesenden Entscheidungsträgers. Der kann sozialer Aufsteiger sein oder ein Snob, der Aufsteiger nicht mag. Der kann jeden Versuch hassen, mit einem „guten“ Elternhaus zu renommieren, weil er selbst sich mühsam durchbeißen musste oder, oder, oder.

Daher bergen die Angaben zum Elternhaus/familiären Umfeld auch dann Risiken, wenn sie nach den obigen Punkten eigentlich förderlich sein sollten. Unterschätzen Sie niemals den Neidfaktor, den Herkunftskomplex oder das Minderwertigkeitsgefühl.

4. Die Lösung für die Praxis, mit der Sie gut leben können:

Man macht in Bewerbungen üblicherweise gar keine Angaben zum Beruf der Eltern, zum Grundbesitz der Familie oder zum sozialen Status der Geschwister. Wer sich daran hält, macht erst einmal nichts falsch, riskiert keine Minuspunkte deswegen.

Nur in seltenen, sehr speziellen Ausnahmefällen und bei ganz bestimmten Zielpositionen könnte es ratsam sein, von dieser Regel einmal abzuweichen. Aber Achtung: Weder besonders toll ausgebildete oder sozial hochgestellte Eltern sind pauschal etwa „besser“ für den Bewerber – es kommt auf die Umstände des Einzelfalls an.

Kurzantwort:

Irgendwelche Angaben zu Eltern oder zum familiären Umfeld gehören grundsätzlich nicht in Bewerbungen. In seltenen Einzelfällen kann die Angabe des Berufs der Eltern einmal förderlich sein, sie birgt aber stets auch Risiken.

Frage-Nr.: 2147
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-08-03

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