Heiko Mell

Ingenieur im Kiosk

Ich habe vor vier Jahren mein Studium Wirtschaftsingenieurwesen – Maschinenbau (FH) abgeschlossen. In den ersten Jahren danach habe ich sehr viele Bewerbungen abgeschickt, leider ohne Erfolg.

Ich arbeite seitdem hier und da. Ich frage mich, warum ich überhaupt studiert habe. Bewerbungsseminare und andere Hilfen habe ich alle wahrgenommen. Irgendwie wollte es nicht klappen. Ich finde es sehr traurig, dass ein Diplomingenieur im Kiosk arbeiten muss, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Können Sie mir einige Tipps geben, wie ich zurück zu dem finde, was ich studiert hatte?

Antwort:

Als Erklärung für die anderen Leser: Mehr Informationen habe ich nicht. Wie soll jemand auf der dünnen Basis einen konkreten Rat geben? Eine komplette Bewerbung mit Beschreibung der Position (Anzeige) und allen von Ihnen eingesandten Unterlagen hätten Sie mindestens beifügen müssen. Und, auch das ganz offen, als Akademiker hätten Sie das wissen können. Zusätzliche Fakten: Sie tragen einen Namen, bei dem ich nicht erkennen kann, was Vor- und was Nachname ist, auch ist mir beispielsweise kein Rückschluss auf das Geschlecht möglich (das man u. a. braucht, um sich in der Korrespondenz für die Anrede entscheiden zu können). Nun, vielleicht hatten Sie ja den Bewerbungen ein Foto beigefügt. Ihre Zuschrift habe ich auch sprachlich glätten müssen.

Aber: Aus Ihren Bewerbungsunterlagen hätte ich ohnehin kaum erfolgsgarantierende Empfehlungen ableiten können. Mit ziemlicher Sicherheit jedoch hätte ich die Gründe für die damaligen Absagen erkannt. Diese können in unabänderlichen Fakten (z. B. zu schlechtes Examen nach zu langem Studium) ebenso liegen wie in falschen Zielpositionen oder Fehlern in der Bewerbungstechnik.

Es ist nur so, dass Sie Ihre Frage etwa 3,5 Jahre zu spät stellen. Sie hatten, warum auch immer, schon damals als frischgebackener Ingenieur keinen Erfolg. Als alles bestimmendes Argument kommt jetzt hinzu: Ihr Studienwissen ist durch die vergangenen vier Jahre veraltet, verschüttet, „tot“. Eine Ingenieur-Qualifikation besteht nur noch auf dem Papier, nicht mehr nach den Ansprüchen der Praxis. Beispiel: Jemand hat vor vier Jahren seinen Führerschein gemacht, aber seitdem keine Fahrpraxis gesammelt, er hat am Verkehr nur als Fußgänger teilgenommen. Möchten Sie sich zu ihm ins Auto setzen, wenn er jetzt plötzlich erstmals fahren dürfte?

Nein, ich glaube, in einer Neuauflage Ihrer schon damals erfolglosen Bewerbungen liegt jetzt auch dann keine Lösung, wenn Sie schrieben „wie ein junger Gott“.

Als hart klingendes, aber praxisnahes Argument: Jeder potenzielle Arbeitgeber, der jetzt Ihre Bewerbung sieht, beißt sich an den verstrichenen Hilfsarbeiter-Jahren seit Ihrem Examen fest. Sein Argument: „In den vier Jahren haben Hunderte von Firmen alles geprüft und sich negativ entschieden, das muss ich jetzt gar nicht mehr lesen.“ Das war es dann.

Ich sehe zwei Möglichkeiten für Sie:

a) Sie fangen in einem nicht zu kleinen (z. B. mehrere 100 Mitarbeiter umfassenden) Unternehmen ganz unten an, z. B. als Lager- oder Versandmitarbeiter, vielleicht über ein Zeitarbeitsunternehmen. Es könnte sogar empfehlenswert sein, den erreichten akademischen Grad („Dipl.-Wirtsch.-Ing. FH“) nicht zu erwähnen, den erfolgreichen Studienabschluss nicht anzugeben und die gesamten Examenszeugnisse nebst Diplom-Urkunde nicht beizufügen. Erwecken Sie – auch im Gespräch – ruhig den Eindruck, Sie hätten das Studium ohne Abschluss abgebrochen. Das passt besser zu diesem angeratenen Einstieg.

Natürlich muss ich darauf hinweisen, dass Sie immer nur die Wahrheit sagen müssen und im Bewerbungsprozess nicht lügen sollen. Aber Sie begehen das Delikt der Tiefstapelei – verurteilte Tiefstapler kenne ich keinen. Und die Schlagzeile in der Boulevard-Presse „Lagerarbeiter gefeuert, weil er ein FH-Diplom verschwiegen hatte“, möchte ich erst einmal sehen. Das wäre ein kleines Risiko – aber es wäre eine Chance, die Sie sonst vermutlich nicht bekämen. Man setzt nicht gern gut ausgebildete Leute für niedere Arbeiten ein, das riecht nach Ärger.

Ziel dieser Lösungsvariante ist nicht der Lagerarbeiter, der soll nur Einstieg sein. Sind Sie erst dort, geben Sie vier Wochen lang den willigen, engagierten, überdurchschnittlichen Lagerarbeiter. Bis sich Ihre Vorgesetzten an Sie, Ihre unbedingte Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft gewöhnt haben. Dann aber zeigen Sie ganz allmählich, was in Ihnen steckt: Sie verstehen die EDV dort, dass es eine Freude ist, Sie regen Verbesserungen an, übernehmen selbstverständlich Verantwortung – Sie qualifizieren sich, Sie profilieren sich. So nach etwa einem Jahr dürften Ihre Chefs gar nicht mehr wissen, wie sie ohne Sie auskommen sollten (bzw. früher ausgekommen sind). Aber Vorsicht: Sie sollen Ihren Vorgesetzten imponieren, nicht jedoch „klüger“ sein als die es sind.

Irgendwann (nicht am ersten Tag, nicht im ersten Monat und nicht im ersten Quartal!) erkennt jemand Ihre Talente (wenn das nicht der Fall ist, hätten Sie besser gar nicht studiert), es steht eine Beförderung an. Und wenn Sie dann z. B. stellvertretender Lagerleiter sind, legen Sie offiziell ein „Geständnis“ ab und zeigen Ihre Examensdokumente. Und dann tun die dort etwas für Sie – oder Sie bewerben sich extern z. B. als Leiter Lager + Versand, auf der Basis einer erfolgreichen Tätigkeit als Stellvertreter eines solchen Positionsinhabers in einem vergleichbaren Unternehmen. Oder als Sachbearbeiter in der Versand-/Logistikplanung oder -disposition.

Und wenn das alles klappt (eine Garantie gibt es nicht), dann wären Sie in etwa wieder drin in Ihrer ausbildungsgerechten Laufbahn. Aber durch das Tal müssten Sie durch.

b) Sie machen „arbeitsmäßig“ noch eine Weile weiter wie bisher (Kiosk) und erwerben in Abendkursen oder im Fernstudium eine neue Ausbildungsqualifikation (irgendetwas zwischen Industriekaufmann und einer anderen Ingenieurqualifikation). Und wenn Sie das haben, bewerben Sie sich damit neu. Als Anfänger in der neuen Richtung, darauf bauen Sie dann eine neue Laufbahn auf.

Ich wünsche Ihnen viel Glück auf diesem schwierigen Weg.

Kurzantwort:

Wenn es mehrere Jahre lang nach Abschluss eines Studiums nicht gelang, eine adäquate Anstellung zu finden und man sich mit fachfremden Hilfsarbeiten durchgeschlagen hat, ist diese Studien-Qualifikation „tot“. Sie lässt sich praktisch nicht mehr erfolgreich in Bewerbungen vermarkten. Es müssen dann Alternativlösungen entwickelt werden.

Frage-Nr.: 2140
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-07-13

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