Heiko Mell

So war das nicht gemeint

Ich habe mich in eine nicht einfache Lage hinsichtlich eines Stellenangebots hineinmanövriert:

Seit zwei Jahren mache ich im Anschluss an mein Studium meine Doktorarbeit an der TH … im Bereich X, einem besonders zukunftsorientierten Gebiet, in dem allerdings die tätigen Firmen (noch) eine gut überschaubare Gruppe sind. Mit der Doktorarbeit bin ich in acht bis zwölf Monaten fertig, mein Arbeitsvertrag am Institut läuft noch ca. ein Jahr. Mein Karriereziel ist eine leitende Stellung auf meinem Spezialgebiet bzw. in verwandten Gebieten. Auch an einer späteren selbstständigen unternehmerischen Tätigkeit bin ich interessiert.Vor einigen Wochen habe ich mich um eine groß ausgeschriebene Position als Entwicklungsleiter in diesem Fachbereich beworben. Die Stelle beinhaltete auch die disziplinarische Führung von einigen Mitarbeitern (ich weiß sehr wohl, dass es nicht der normale Weg ist, als frisch promovierter Ingenieur eine solche Stelle zu bekommen).

Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Allerdings nicht für die Stelle, um die ich mich beworben hatte (Entwicklungsleiter), sondern für eine andere Tätigkeit (ich wusste davon vor dem Gespräch nichts), die noch gar nicht genauer definiert war. Kürzlich wurde mir die Stellenbeschreibung nachgesandt. Auch diese Stelle (Projektleiter) reizt mich sehr. Ich will jedoch vor einer Festlegung noch weitere Angebote einholen. Also möchte ich mich jetzt noch nicht entscheiden, da ich mit dem Einholen weiterer Angebote mit Rücksicht auf meinen Promotionsabschluss noch ca. sechs Monate warten müsste.

Die Entwicklungsleiterstelle hätte ich sofort genommen, da so eine Chance für einen Absolventen einmalig wäre. Die Firma erwartet jetzt im Hinblick auf die Projektleiterstelle eine Aussage, um das weitere Vorgehen in einem zweiten persönlichen Gespräch abzustimmen.

Wie kann ich jetzt am besten diesem Unternehmen kommunizieren, dass ich zwar sehr interessiert bin, aber noch sechs Monate warten möchte, bis ich mich beruflich festlege?

Antwort:

Sagen wir erst einmal mit einfachen Worten, was passiert ist – und wie die zutreffenden Regeln lauten:

Zunächst wartet niemand ein Jahr bis zum Dienstantritt eines Bewerbers – auf Vorstandsebene mag das manchmal vorkommen, bei Berufseinsteigern nicht. Sie nun haben ein (aus Ihrer Sicht) Traumangebot in der Zeitung gesehen – wissend, dass Sie dafür eigentlich noch zu unerfahren sind (es hat ja auch nicht geklappt). Aber es ist doch so: Hätte man Sie akzeptiert, hätten Sie ja wohl zum Ausgleich für die Traumposition und zur Sicherstellung eines vernünftig frühen Dienstantritts (drei bis sechs Monate in der Zukunft) Ihr Promotionsprojekt platzen lassen oder nebenberuflich zu Ende führen müssen. Letzteres hätte sicher dem Unternehmen nicht gefallen. Nun, dieser Entscheidung sind Sie enthoben, die Position bekommen Sie nicht.

Bleibt der Projektleiterjob. Seinetwegen dürfen Sie das Promotionsprojekt keinesfalls abbrechen – und für den Dienstantritt in einem Jahr stellt nach meinen Erfahrungen niemand einen Berufseinsteiger für eine Projektaufgabe ein. Natürlich sind in einer sehr engen, sehr stark wachsenden Branche auch einmal Ausnahmen möglich, man kann nie etwas völlig ausschließen. Aber jedes Unternehmen weiß: Freude an Ihrer so weit vor Dienstantritt liegenden Vertragsunterzeichnung hätte man dort nicht! Denn gerade der noch nicht so festgelegte, nach allen Seiten offene Berufsanfänger würde jenes Jahr nutzen, um – aktiv oder von außen angestoßen, vermutlich aber aktiv – nach Alternativen zu suchen bzw. solche zu prüfen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Sie noch vor Dienstantritt und trotz Vertragsunterzeichnung erklärt hätten, Sie kämen jetzt doch nicht, wäre hoch (bei der Traumposition Entwicklungsleiter wäre diese Gefahr wegen der weit schwieriger zu bekommenden Alternativangebote gering gewesen).

Also stellt sich hier zunächst die Frage: Hat dieser mögliche Arbeitgeber ganz eindeutig und präzise die Information, dass Sie erst in ca. einem Jahr anfangen könnten? Oder ist das den Leuten dort gerade im Gespräch über die zweite Position bloß nicht aufgefallen? Sollte der geringste Zweifel in dieser Hinsicht bestehen, klärt sich vielleicht alles, wenn Sie diesbezüglich Klarheit schaffen.

Meine Empfehlung: Ich finde es nicht so furchtbar interessant, bei einem Unternehmen, gegenüber dem Sie sich mit einer Bewerbung um eine „Superposition“ weit aus dem Fenster gelehnt hatten, für die Sie gar nicht hinreichend qualifiziert waren und bei der Sie gescheitert sind, jetzt eine sehr deutlich tiefer angesiedelte – attraktive – Standardposition anzunehmen. Irgendjemand wird sich immer daran erinnern: Eigentlich wollte der damals Entwicklungsleiter werden, wir haben ihn aber erfolgreich „heruntergehandelt“. Schließlich wird ja nun jemand anderes Entwicklungsleiter. Sollte der dann Ihr Vorgesetzter werden, wäre das eine besonders unglückliche Konstellation: Schließlich hätten Sie ja schriftlich dokumentiert, dass Sie seinen Job haben wollten (was er erfahren wird!). Das bedeutet nicht, dass Sie zu diesem Unternehmen jetzt gar nicht mehr gehen können, aber Ihr „Traumarbeitgeber“ ist das nun auch nicht mehr, jedenfalls in der nächsten Zeit.

Ich würde denen jetzt sagen oder schreiben:

Danke für die freundliche Aufnahme und das Interesse an Ihnen sowie für das Angebot, Sie für die Projektleiteraufgabe in Erwägung zu ziehen. Das sei eine sehr reizvolle Aufgabe, die Sie sich als Einstieg gut vorstellen könnten. Auch das Unternehmen fänden Sie attraktiv. Aber: Sie seien ja noch mitten im Promotionsvorhaben, ein Dienstantritt käme nach derzeitigem Stand etwa zum 1.X.200Y in Frage. Für die – aus Ihrer Sicht – Ausnahmeposition Entwicklungsleiter hätten Sie ggf. auch ungewöhnliche Schritte Ihrerseits in Erwägung gezogen, aber für die – durchaus ansprechende – Projektaufgabe würden Sie das genannte Eintrittdatum nennen müssen. Sie bäten um Verständnis, möchten aber aus Ihrer Sicht eine so frühe Festlegung noch nicht vornehmen. Sie seien ja eigentlich noch gar nicht im Bewerbungsprozess begriffen, sondern hätten nur wegen der Ausnahmechance „Entwicklungsleiter“ geschrieben. Sie wären dankbar, wenn Sie so in sechs Monaten noch einmal nachfragen dürften – dann sei ja auch ein baldiger Dienstantritt möglich.

Das müsste dort akzeptiert werden. Den Hinweis auf die Ausnahmeposition Entwicklungsleiter brauchen Sie zur Erklärung. Sonst denkt man dort: Erst bewirbt er sich – und wenn wir ihn haben wollen, sagt er ätsch, er sei ja noch gar nicht so weit.

Kurzantwort:

Wer sich als Berufseinsteiger um eine Position bemüht, die er aus mehreren Gründen eigentlich gar nicht bekommen kann (und die er zeitlich jetzt auch noch gar nicht antreten könnte), richtet leicht Chaos im weiteren Bewerbungsprozess an.

Frage-Nr.: 2138
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-07-06

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