Heiko Mell

Man muss sich sehr viel Mühe geben

Mein Mann hat seine Arbeitsstelle gewechselt. Wenn nun Bekannte nachfragen, wie das mit der Bewerbung gelaufen ist, schildern wir den Ablauf.

Mein Mann hatte sich ursprünglich um eine andere Stelle bei diesem neuen Arbeitgeber beworben, war aber knapp gescheitert, also nur der zweit- oder drittbeste für jene Position gewesen. Immerhin hatte die Firma aber seine Bewerbungsmappe dabehalten.

Dann hatte er einige Monate später eine andere Stellenausschreibung derselben Firma gesehen und eine kurze dreizeilige E-Mail an den Personalleiter geschrieben, sein Interesse an dieser neuen Stelle bekundet und auf die noch im Hause befindliche Bewerbungsmappe hingewiesen. Kurz darauf kam die Einladung zum Vorstellungsgespräch – und er hat die Stelle bekommen.

Bis dahin sind alle Zuhörer mit dem, was wir berichten, einverstanden. Wenn ich dann aber noch wahrheitsgemäß anfüge: „… und an jenem E-Mail-Dreizeiler haben wir zwei Stunden gesessen und gefeilt“, begegnet mir doch mehr Befremdung als wissendes Nicken. Es ist anscheinend wirklich wenig bekannt oder akzeptiert, dass man so viel Zeit aufwenden muss, um etwas Vernünftiges zu produzieren – das natürlich dennoch relativ locker klingen soll.

Ebenso stelle ich immer wieder fest, dass es Befremden hervorruft, wenn ich behaupte, dass man im Grunde als berufstätiger Mensch nur eine(!) ordentliche Bewerbung pro Woche schreiben kann. Es sind einfach zwei bis drei Abende dafür erforderlich. Das ist aber noch wenig bekannt. Sonst könnte man nicht immer wieder auf Menschen treffen, die „trotz“ 150 Bewerbungen nur Absagen bekommen.

Ihre Karriereberatung lese ich gerne und lerne viel daraus.

Antwort:

Das Thema hat nicht nur sehr viele Facetten – an mindestens einer davon kann man regelrecht irrewerden. Beginnen wir also damit:

1. Ich versuche, Menschen zu helfen, die sich bewerben. Wie jeder bei seinem Tun, wäre auch ich dabei gern erfolgreich. Wenn mir etwa 10 % meiner Leser folgen und meine Empfehlungen umsetzen, haben sie etwas davon: Ihre Chancen, zufrieden stellende Positionen zu erringen, steigen deutlich an.

Würden mir allerdings 100 % aller Bewerber aus einem Fachgebiet folgen, hätten sie und hätte damit auch ich keinen Erfolg mehr: Alle fänden sich statistisch gesehen in der Ausgangssituation wieder, allerdings auf höherem Niveau. Denn wie Sie es auch drehen und wenden: Auf 100 Bewerbungen um eine Position folgen irgendwann 99 Absagen – gleichgültig, wie gut die Zuschriften waren.

Ich bin also besonders erfolgreich mit meinen Bemühungen, wenn der größere Teil meiner Leser kopfschüttelnd nicht so vorgeht, wie ich es seit Jahren empfehle. Ich werde mich also weiterhin entsprechend bemühen.

2. Menschen, die ein Ziel haben, sind grundsätzlich durchaus bereit, entsprechende Mühe walten zu lassen. Ob es darum geht, Karten für ein bestimmtes Fußballspiel oder Pop-Konzert zu ergattern, den Auto-Händler mit dem höchsten Rabatt herauszufinden oder stundenlang im Internet nach dem preiswertesten Urlaubsangebot zu suchen – da wird teilweise erheblicher Aufwand getrieben. Dabei sind Ziele dieser Art vergleichsweise banal.

An der nächsten Bewerbungsaktion jedoch hängen- der Erfolg der darauf folgenden späteren beruflichen Schritte, also der gesamten Laufbahnplanung,- die private Existenz der Familie in den nächsten fünf oder mehr Jahren,- die berufliche Zufriedenheit, die bei Akademikern generell den gleichen Stellenwert einnimmt wie die private (mit individuellen Ausreißern).

Dennoch neigen die Menschen dazu, ausgerechnet bei Bewerbungen möglichst jeden Aufwand zu scheuen. Haben sie einen neuen Job, leisten sie in diesem oft erhebliche unbezahlte Überstunden – aber die Bewerbung darf nicht viel mehr als einen Knopfdruck erfordern.

Ich weiß, dass dies so ist, habe aber noch keine Erklärung gefunden, warum so gedacht und gehandelt wird.

3. Nehmen wir das finanzielle Argument:

Ein sich bewerbender Akademiker verursacht seinem Arbeitgeber in fünf Jahren durchschnittlicher Betriebszugehörigkeit für Gehalt, Sozialanteile, Raum/Arbeitsplatz und Ausstattung/Material Kosten von etwa einer halben bis einer Million Euro. Dieses Geld muss das Unternehmen ausgeben, wenn es auf sein (Bewerbungs-)Angebot eingeht.

Was meinen Sie, was ein Lieferant von Maschinen oder Dienstleistungen bei seinen Angeboten für einen Aufwand treiben muss, bis er letztlich aus demselben Unternehmen einen Auftrag über eine vergleichbare Summe herausholt? Die Idee, er nähme etwa ein Angebot an Müller & Sohn, ändere nur den Namen und das Datum und sende es frohgemut an Schulze & Tochter, ist lächerlich!

4. Ich bin ein Freund von Beispielen:

a) Ein Bewerber bat mich um Durchsicht seines Anschreibens. Er war seit sechs Wochen arbeitslos. Im Hinblick auf sein bisher einziges Arbeitsverhältnis hatte er geschrieben:

„Ich bin Dipl.-Ingenieur und … Jahre im … bei … als … tätig gewesen.“

Das bringt beim Leser sofort Alarmlämpchen zum Glühen: Noch bevor sich die positive Information, was dieser Kandidat so alles kann, beim Leser festsetzt, liest er schon im ersten entscheidenden Satz „tätig gewesen“ – also jetzt nicht mehr, also arbeitslos. Natürlich geht das spätestens aus dem Lebenslauf ohnehin hervor. Aber es gilt das Prinzip, den Bewerbungsempfänger erst mit positiven Argumenten zu beeindrucken, bevor man mit Handikaps herausrückt. So wie man Fischen beim Angeln die Geschichte durch einen interessanten Köder schmackhaft macht – wer sofort und zuerst mit dem deutlich sichtbaren Haken wedelt, wird den „Fisch“ nicht begeistern können.

Die Angelegenheit ist schon einige Optimierungsbemühungen wert. Wir fanden als Lösung:

„Ich bin Dipl.-Ingenieur und bringe x Jahre Praxis aus … als … mit.“ Das enthält eine rein positive Aussage zur Qualifikation und erregt an der Stelle keinerlei Verdacht (zunächst muss dem Fisch der Köder schmecken, erst dann darf er merken, dass die Sache einen Haken hat).

b) Sehr gern „genommen“ wird beispielsweise folgende aus der Stellenanzeige abgeleitete Einleitung des Anschreibens:

„Sie suchen einen Projektleiter. Der muss sich auszeichnen durch … und soll vor allem …aufgaben lösen. Außerdem soll er …“

Das analysiert man vor dem Absenden noch einmal sorgfältig und versetzt sich dabei in die Rolle des Lesers. Dabei ergibt sich, dass die hier gegebene Information zwar völlig korrekt, aber absolut blödsinnig ist, weil der Empfänger sie schon längst hat (er weiß ja, was er sucht). Also wird die Formulierung in der Korrekturphase als überflüssig eingestuft und gestrichen. Stattdessen wird lieber etwas gesagt, womit sich der Bewerber qualifiziert – eine für den Leser neue, interessante Information.

c) Chefs mögen eher nicht, wenn man nicht tut, was sie sagen und ihnen nicht gibt, was sie wollen. Darf ich das einmal so banal sagen? Trösten Sie sich, es liegt zwar viel Lebenserfahrung darin, eigentlich ist es sogar ein zentrales Erfolgsgeheimnis, aber gegen keine Regel wird lieber verstoßen.

Und wenn nun dieser künftige Chef in seinem Inserat darum bittet, man möge in der Bewerbung etwas zum Gehalt sagen – dann kann es nicht originell sein zu schreiben, dass man genau das jetzt nicht tun werde, sondern eventuell später darüber reden wolle. Wenn der Leser diese Zuschrift als 47. in die Hand bekommt, einige der Qualifikationsdetails sehr kritisch registriert hat und dann feststellt, dass „der auch wieder nicht getan hat, was ich ausdrücklich erbeten hatte“ – dann ist das ein ziemlich schlechter Einstieg, vorsichtig gesagt.

d) Irgendwo scheint jemand geschrieben zu haben, dass man in der Bewerbung auch die inserierende Firma loben und ihr schmeicheln soll. Das geschieht oft spontan so:

„Die XY AG ist ein bedeutendes Unternehmen mit sehr erfolgreicher Geschäftspolitik und fortschrittlicher Unternehmensstruktur. Insbesondere steht bei Ihnen der Mensch im Mittelpunkt, was ich sehr schätze. Daher bewerbe ich mich gezielt bei Ihnen.“

Das ist viel „Schmalz“, das enthält vor allem die – durchaus als anmaßend einzustufende – Bewertung des Konzerns durch einen einzelnen Außenstehenden, der noch dazu auf irgendwelche PR-Sprüche hereingefallen ist, die er gar nicht beurteilen kann („fortschrittliche Unternehmenskultur“).

Wenn man das auf das Wesentliche und sachlich noch Vertretbare reduziert, käme man etwa auf:“Ich würde gern bei der XY AG arbeiten.“ Das reicht völlig für Konzerne aus der Spitzengruppe der Wirtschaft. Handelt es sich um ein in der Öffentlichkeit eher unbekanntes Unternehmen, kann man etwa schreiben:

„Mit großem Interesse habe ich die mir zugänglichen Informationen über die XY AG gelesen und würde gern in Ihrem Unternehmen arbeiten.“ Wenn man denn meint, unbedingt auch etwas Nettes über das Unternehmen sagen zu müssen.

Für alle Beispiele gilt: An solchen Texten muss man arbeiten, feilen. Man diskutiert sie mit dem Partner, mit Freunden – man gibt sich Mühe. Dabei weiß man nie, ob es genug war, man kennt den Empfänger und seine Vorlieben bzw. Abneigungen nicht, insofern gibt es keine pauschal richtige oder falsche Lösung. Aber man lehnt sich mit dem beruhigenden Gefühl zurück, alles Machbare getan zu haben.

5. Im Grundsatz haben also Sie, geehrte Einsenderin, völlig recht. Der Erfolg – den Sie hatten – adelt die Methoden, keine Frage. Aber:

Der Weg, den Sie beschritten haben, war aus meiner Sicht noch nicht optimal und ist als Vorbild für andere nur bedingt zu empfehlen:

Da lag nun die Bewerbung Ihres Mannes um Position A beim Unternehmen auf irgendeinem Haufen. Mit einem Anschreiben und – im Idealfall – einem Lebenslauf, die beide auf A bezogen waren. Nun schreibt dann der Bewerber, ihn interessiere auch B. Und er sagt: „Die Bewerbung liegt irgendwo bei Ihnen. Suchen Sie sie, legen Sie dieses neue Zeichen meines Interesses für B hinzu und dann entscheiden Sie.“

Sie sehen ja: Das seinerzeitige „Dabehalten“ der alten Unterlagen durch die Firma hatte nichts genützt, die Leute dort haben B einfach neu ausgeschrieben und nicht erst die alten Stapel mit Unterlagen durchgearbeitet. Was liegt, das liegt und bleibt liegen, so ist das eben.

Also wäre es noch eine Spur eleganter gewesen, Ihr Mann hätte eine völlig neue Bewerbung geschrieben, speziell auf B bezogen. Und für den Fall, dass sich jemand an den Namen oder die alte Bewerbung erinnert, hätte man der Korrektheit halber unter das Anschreiben setzen können:

„PS: Aus einer früheren, inzwischen erledigten Bewerbung in Ihrem Hause (Position …) liegen meine Unterlagen noch bei Ihnen. Ich wollte Ihnen aber hier für die neue Position gern eine Bewerbung ‚aus einem Guss“ vorlegen.“

Dann sucht niemand mehr in den alten Stapeln und freut sich, dass ihm das erspart bleibt. Und in der aktuellen Bewerbung passt alles zueinander.

Aber es hat ja auch so geklappt – und Sie haben mir eine wertvolle Vorlage geliefert.

PS: Ich habe kürzlich einen qualifizierten Akademiker, der bereits freigestellt war, bei der Suche nach einer neuen Position beraten. Als er einen neuen Vertrag unterschrieben hatte, berichtete er über seine Mühen auf dem Weg dorthin: „Zeitweise hatte ich allein im Bewerbungsprozess pro Woche bis zu 60 h Aufwand für das Lesen und Analysieren von Stellenangeboten, das Telefonieren mit potenziellen Arbeitgebern und Beratern, das individuelle Ausarbeiten von Bewerbungen, das statistische Aufbereiten aller Fälle (wo habe ich Erfolg und wobei nicht?), die Vorstellungsgespräche inkl. An- und Abreise, das Registrieren und Analysieren von Absagen usw.“

Da schließt sich der Kreis zu Ihren Beobachtungen, geehrte Einsenderin: Wer tagsüber „im Job“ arbeitet, kann nur eine begrenzte Zahl von Bewerbungen pro Woche erstellen – wenn er die nötige Sorgfalt walten lässt.

Aber er kann es sich ja auch leisten, selektiv an Anzeigen heranzugehen. Wer jedoch arbeitslos oder freigestellt ist, kann und sollte unbedingt einen hohen, der Bedeutung angemessenen Zeitaufwand einplanen. Und an seinen „Machwerken“ intensiv arbeiten.

Kurzantwort:

1. Selbst weltberühmte Autoren feilen intensiv an ihren Texten: sie streichen, verwerfen, ändern, ergänzen mehrfach die erste Niederschrift. Es ist nicht zu erwarten, dass der schriftstellerisch weniger Begabte bei seinen Bewerbungen, an denen seine Existenz hängt, um einen entsprechenden Aufwand herumkommt.

2. Es gilt die Grundregel: Je besser das eigene Profil zur angestrebten Position passt, desto weniger Formulierungsaufwand erfordert die Bewerbung (je exotischer, chaotischer oder regelverletzender der Werdegang ist, desto mehr ausgefeilte Erklärungsversuche sind erforderlich).

Frage-Nr.: 2137
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-06-29

Top Stellenangebote

Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Einkäufer (m/w/d) Coswig
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieure (m/w/d) Fachrichtung Bau und Architektur Elektrotechnik Versorgungstechnik Frankfurt am Main
Howden Turbowerke GmbH-Firmenlogo
Howden Turbowerke GmbH Projektingenieur (m/w/d) Coswig
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen-Firmenlogo
Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen Projektleiter (m/w/d) für den Bereich Bundesbau Wiesbaden
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG-Firmenlogo
MULTIVAC Sepp Haggenmüller SE & Co. KG Patentingenieur (m/w/d) Wolfertschwenden
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH-Firmenlogo
INDUREST Planungsgesellschaft für Industrieanlagenbau mbH Bauingenieur / Statiker (m/w/d) Wesseling
Karlsruher Institut für Technologie-Firmenlogo
Karlsruher Institut für Technologie Projektbevollmächtigte (w/m/d) Fachrichtung Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Wirtschaftsinformatik Eggenstein-Leopoldshafen
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH-Firmenlogo
Ingenieurgesellschaft Heidt + Peters mbH Straßenbau-Ingenieur (m/w/d) Celle, Bad Bevensen
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH QC-Fachkraft – für die SW-Programmierung der Automotive-Teststände (m/w/d) Lüneburg
FICHTNER GmbH & Co. KG-Firmenlogo
FICHTNER GmbH & Co. KG Piping Engineer Öl & Gas (m/w/d) Hamburg

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: B…