Heiko Mell

Wenn ein Elite-Perfektionist in einen Routine-Ablauf gerät …

Frage/1: Ich lese seit einiger Zeit Ihre Beiträge und bekam sehr nützliche Anregungen. Im Zuge der „E-Mail-Diskussion“ blieb jedoch unklar, mit welcher Variante dieses Schriftstück eine höhere Chance zur Veröffentlichung hat. Ich entschied mich für die digitale Form – sie lässt sich besser einfügen und muss nicht nochmals getippt werden.

Frage/2: Ich habe mein Studium zügig und erfolgreich abgeschlossen und war auch außerhalb der Universität engagiert: Auslandsaufenthalte, Praktika etc. Kürzlich begann ich mit der Bewerbungsphase und möchte aus Sicht des Bewerbers berichten:
Meine Prämisse ist Qualität vor Masse, d. h. ich verbringe viel Zeit mit der Selektion der Anzeigen und bewerbe mich nur auf wenige Stellen mit individuell gestalteten Anschreiben (alle bei erfolgreichen großen Unternehmen, alles Stellen, auf denen es sich empfiehlt, kompetente Leute einzustellen).

Frage/3: Ich hatte Erfolg, zu 100 % kam eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Vor dem Interview recherchiere ich im Internet, lese Geschäftsberichte, verfolge die Tagespresse und informiere mich durch Bekannte in den Unternehmen – kurz: ich bin vorbereitet.
Meine Eindrücke aus den bisherigen Interviews sind schlichtweg demoralisierend: Keines davon begann mit weniger als fünfzehn Minuten Verspätung. Ohne dass jemand darauf eingegangen wäre, fehlten angekündigte Gesprächspartner. Nur in wenigen Fällen stellten sich die Interviewer selbst kurz vor. Hat ein Bewerber kein Recht zu erfahren, mit wem genau er spricht?

Zum Aufwärmen beantworte ich die Frage zu den wichtigsten Stationen meines Lebens. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, kurz und aussagekräftig. Schließlich geht es nicht um Lobeshymnen, wichtig ist ein Dialog, in dem BEIDE Seiten, auch der Bewerber, herausfinden sollen, ob man zueinander passt.
Nachfragen zu weiteren Stationen meines Lebens kommen selten. Daraus schließe ich, dass viele den Lebenslauf im Gespräch zum ersten Mal lesen – ich frage mich, wer die Unterlagen eigentlich auswertet. Weiter geht es dann mit den Standard-Interviewfragen: Stärken und Schwächen, was Freunde über mich sagen würden. Mein 5-Jahres-Plan und mein 40-Jahre-Plan. (Auf meine Gegenfrage hin hatte bisher kein Unternehmen eine Antwort.)
Nach 55 Minuten Seelen-Striptease ist es an mir, Fragen zu stellen. Mich interessiert – wie all die anderen Bewerber – vor allem eines: wie ist mein Umfeld, was sind meine Aufgaben und welche Kompetenzen habe ich in dem Job? Wären meine Antworten vorher ähnlich vage gewesen wie das, was mir jetzt erzählt wird, säße ich schon längst wieder im Zug nach Hause: Meistens wird die Stellenausschreibung rezitiert, hake ich an einem Punkt nach, dann eben nochmals. Beliebt sind Ausweichantworten wie: Das können wir jetzt noch nicht sagen, wir wissen noch nicht exakt, wie sich das Team zusammensetzt, das hängt davon ab, wie sich die Situation bis zu Ihrem Einstieg entwickelt.

Ein Wort zum Thema Zuverlässigkeit: Bisher kam keine einzige Nachricht nach diesen Gesprächen zum vereinbarten Termin, nicht einmal eine kurze Notiz. Meine daraus resultierende Verunsicherung war bisher unbegründet: Entscheidungsträger waren in Urlaub oder die Sekretärin hatte die Einladung zum zweiten Gespräch übersehen/vergessen.

Daher meine Frage an Sie: Ist es denn völlig unwichtig, welches Bild der Bewerber von dem Unternehmen bekommt? Stimmt die Information, dass es zum gültigen Arbeitsvertrag immer die Unterschriften beider Seiten braucht?

Antwort:

Antwort/1: Eigentlich hat diese Einleitung der viel komplexeren Hauptfrage gar nichts mit jener zu tun. Aber ich brauche diese Bagatelle, um den Lesern zu zeigen, wie man Mosaiksteine zu einem Gesamtbild fügt.

Also: Sie schreiben mir, Sie wollen mit Ihrer Frage abgedruckt werden und stellen Überlegungen an, mit welchen „Schachzügen“ Sie das fördern können. Das ist legitim. Dann denken Sie: Wenn ich diesem Burschen dort das Abtippen erspare, dann bevorzugt er mich! Das ist schon wieder so naiv gedacht, da liegt der Verdacht auf der Hand: Dieser Einsender denkt zuviel. Er ist vermutlich intelligent, aber er hat seinem „Porsche-Motor“ (geistige Kapazität) einen „Polo“ (dieses Problem) zu bewegen gegeben. Und nun heult die arme Maschine in jedem Gang auf Höchstdrehzahl, weil sie nichts zu ziehen hat, aber stets auf Vollgasstellung betrieben wird.

An der Stelle kam mir der Verdacht: ein Einser-Kandidat (das ließ sich dann durch den Lebenslauf mühelos bestätigen).

Ich will Ihnen, geehrter Einsender, zeigen, was Sie alles falsch gemacht haben mit der kleinen Überlegung. Ihnen und anderen Einser-Leuten (mit denen ich grundsätzlich prächtig auskomme) zur Warnung:

a) Wenn Sie einen „Trick“ ausarbeiten, um mich zu manipulieren (der Begriff ist rein sachlich gemeint), dann dürfen Sie mir den nicht auch noch verraten. Denn jetzt müsste ich nach den allgemeinen Regeln zeigen, dass ich nicht manipulierbar bin – und dürfte Ihren Beitrag gar nicht auswählen.

b) Wie können Sie glauben, dass in einer so renommierten Zeitung wie dieser ein Autor mehr als 2.100 Antworten in dieser Serie geben darf und bei der Auswahl von Fragen davon ausgeht, ob er viel oder wenig Arbeit mit deren Abtippen hat? Hoch gerechnet mögen für das Hineinbringen der eingesandten Frage in die Zeitung etwa 3 Aufwandseinheiten anfallen, für das Formulieren einer fachlich zutreffenden, möglichst eingängigen, unterhaltsamen und gelegentlich fast brillanten Antwort jedoch 97 Punkte. Was würde es da helfen, die Aufnahme der Antwort zu erleichtern?

c) Sie kennen die Qualität der Briefe nicht, die Akademiker in diesem Lande schreiben. Ich verwende sehr viel Zeit dafür, Sinnentstellendes zurechtzurücken, Rechtschreibfehler auszumerzen, für die Geschichte Unwesentliches herauszunehmen etc. Druckte ich stets alles nur ab, so wie es kommt, würden viele Leser nichts mehr verstehen und andere sich aus anderen Gründen abwenden.

d) Als Denkaufgabe für Sie: Keine Einsendung wird abgetippt, keine elektronisch übernommen, keine wird eingescannt – ich habe ein System, das dennoch funktioniert und mir zwar keine Arbeit erspart, aber dafür eine größtmögliche Vertrautheit mit dem Inhalt einer – dabei überarbeiteten – Frage garantiert, was mir dann bei der Antwort entscheidend hilft.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Sie haben nichts falsch gemacht, ich bin auch keinesfalls verärgert. Aber Sie sind ein Einser-Kandidat und jetzt 26. Ich möchte verhindern, dass Sie mit 38 mit einem Haufen Probleme vor jemandem wie mir sitzen und die Welt nicht mehr verstehen. Mein Rat: Denken Sie bei banalen Problemen auch nur banal. Schalten Sie von den acht Zylindern Ihres „Porsche-Motors“ einfach vier ab, wenn nur ein „Polo“ zu ziehen ist.

Denn: Aus dieser Art zu denken, kommen mit der Zeit die Probleme hochintelligenter Menschen mit einem System, das eher auf durchschnittliche Qualitäten ausgerichtet ist – und in dem es reicht, rundum „gut“ zu sein, um nach oben zu kommen. Wichtiger sind Cleverness, das Bilden von Netzwerken, Durchsetzungsvermögen und Teamfähigkeit (ein Wort, in dessen Definition kaum Raum für persönliche Brillanz ist, wenn man ehrlich sein will).

Und so, wie Sie bei diesem Teil Ihrer Frage nebenbei für mich und meine Belange mitgedacht haben, so – „sie tun es immer wieder“ (Mell) – legen Sie auch im Hauptteil Ihrer Einsendung gleich die Maßstäbe für die Unternehmen fest. Objektiv haben Sie jedes Mal recht, aber subjektiv produzieren Sie irgendeine Art von „Reibung“.

 

Antwort/2: Lassen Sie Ihre letzte, in Klammern gesetzte Anmerkung einmal auf der Zunge zergehen. Andere Menschen würden sagen, sie bewürben sich um reizvolle Positionen mit besonders anspruchsvollen Tätigkeiten oder so ähnlich. Sie jedoch lösen – wieder einmal – das Problem Ihrer Partner gleich mit. Sie analysieren Stellen und teilen sie in zwei Gruppen: die für das Volk (uninteressant für Sie) und die, bei denen Sie den Unternehmen empfehlen, nur die kompetentesten Kandidaten einzustellen. Und um jene bewerben Sie sich dann.Wissen Sie, wie das auf normale Sterbliche wirkt? Über einen bestimmten Frauentyp sagen Männer: „Sie ist schön, aber sie hat einen Nachteil: Sie weiß es und zeigt, dass sie es weiß.“

Versuchen Sie doch einmal, trotz Ihrer diversen absolvierten Universitäten im In- und Ausland mit diversen Abschlüssen und Auszeichnungen (5) ohne erkennbares Sendungsbewusstsein aufzutreten. Die Wirkung wäre deutlich besser.

 

Antwort/3: Die Einstellung von Berufsanfängern bei großen Unternehmen ist ein Standard-/Routinevorgang. Nicht für den Bewerber – der steht staunend vor einer neuen Welt, vor einem ganz zentralen Abschnitt seines Lebens. Aber das Unternehmen hat schon 100.000 Mitarbeiter und hätte, würde dieser eine Bewerber nun eingestellt, dann 100.001. Das ist kein Grund, diesem Prozess innerbetrieblich nun extreme Priorität einzuräumen. Natürlich brauchen die Unternehmen zusätzliche Mitarbeiter, auch fehlen deutschlandweit insbesondere Ingenieure. Aber gesucht sind berufserfahrene Leute, hier ging es um Anfänger. Die nun

– wissen noch wenig über das Berufsleben und sind also auch im Vorstellungskontakt anstrengend, übertrieben anspruchsvoll, nerven mitunter etc.,

– bewerben sich naturgemäß bei mindestens 30 Firmen gleichzeitig und unterschreiben dann dort, wo ihre Freundin wohnt, wo noch 20 EUR mehr bezahlt oder wo die haltlosesten Versprechungen gemacht werden; bei 29 Firmen sagt der einzelne Kandidat später ohnehin wieder ab;

– bleiben oft nur zwei Jahre – wenn man sie gerade richtig ausgebildet hat, sind viele schon wieder weg.

Vergessen Sie nicht: Auch wenn man dies gemeinhin höflicherweise anders darstellt: Hier verhandeln nicht zwei Partner auf Augenhöhe! Der Bewerber ist nicht Abgesandter eines japanischen Konzerns, der den Laden kaufen will. Er ist hingegen jemand, der sich darum bewirbt, eine Anstellung als abhängig Beschäftigter zu erhalten. Als 100.001. Also heißt es intern: „Bloß keine Panik.“

Zu Ihren Beobachtungen und Aussagen: Ihre Vorbereitung ist perfekt, liegt aber schon bei etwa 120 % des Erwarteten. Das wiederum schafft eine Anspruchshaltung bei Ihnen, denen der Routine-Prozess (nach Ihnen kommen noch zwanzig pro Position) nicht gerecht werden kann. In der internen Wichtigkeitsbewertung durch Ihre Gesprächspartner liegt der plötzliche Anruf eines bedeutenden Managerkollegen höher als das Gespräch mit einem weiteren Anfänger. Daher die Verspätungen. Die Nachlässigkeiten bei der gegenseitigen Vorstellung resultieren aus Gedankenlosigkeit – intern kennt ja jeder jeden Teilnehmer und sechzehn Anfänger-Bewerbern vor Ihnen hatte man schon erklärt, wer wer ist (die meisten verstehen die Funktionen ohnehin nicht und behalten sie nicht für die Dauer eines Gesprächs).

Irgendjemand (nicht alle Gesprächsteilnehmer) hat alle Lebensläufe gelesen, aber für die anderen ist es üblich, sich vorrangig ein persönliches Bild zu machen. Die meisten Anfänger-Lebensläufe gleichen sich ohnehin im Detail – Pech für den, der Besonderes zu bieten hat. Tatsächlich gilt: Für die Einstellung ist die Persönlichkeit ungleich wichtiger als Lebenslauf-Einzelheiten. Die Frage des Anfängers nach Kompetenzen ist naiv (keine). Und natürlich darf der sozial Stärkere den Schwächeren fragen, wo der in vierzig Jahren stehen will – was umgekehrt eine Anmaßung/Frechheit sein kann (oder eine ist).

Fazit: Natürlich sollte das alles so nicht sein, keine Frage. Aber vieles davon ist nun einmal so. Leben Sie damit. Steht eine Uni Kopf, bloß weil ein Abiturient vorbeischaut, um sich einmal über Studienbedingungen zu informieren? Oder die Bundeswehr, weil ein möglicher künftiger Rekrut zur Musterung erscheint?

Ich muss sogar warnen: Es wäre leicht, par ordre du mufti gerade Anfängern eine perfekte, werbewirksame Scheinwelt vorzugaukeln, also Potemkinsche Dörfer zu errichten. Und: Die Behandlung des sich bewerbenden Berufsanfängers im Vorstellungsgespräch lässt keinen(!) Schluss zu auf das spätere berufliche Umfeld dort – ein kompetenter, strenger, aber gerechter, fürsorgender und fördernder erster Chef ist ungleich höher zu gewichten als ein Personalreferent, der die Gesprächspartner „zum Mitschreiben“ sorgfältig vorstellt. Aber eben diesem tollen Chef sind vielleicht die ständigen Vorstellungsrituale lästig, halten sie ihn doch „von der Arbeit ab“. Also grantelt er vor sich hin …

Das System ist – entsprechend den es gestaltenden und darin wirkenden Menschen – höchst unvollkommen. Seien Sie es auch ein bisschen, Lebenskünstler sind es sogar lustbetont.

Das eben ist ja das Problem der Einser-Kandidaten: Ihre Ansprüche sind auf Perfektionsniveau. Dem aber ist das Berufsleben nicht gewachsen …

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2128
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-05-30

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