Heiko Mell

„Nicht entlassen worden sein“ heißt noch nicht „qualifiziert sein“

Ich will mich nach längerer Betriebszugehörigkeit bei meinem ersten Arbeitgeber jetzt erstmals extern bewerben. Teils mache ich mir Sorgen um meine Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt, teils beruhige ich mich mit der Überlegung: Wenn mein heutiger Arbeitgeber mich beschäftigt und mich keineswegs entlassen will, ist das nicht ein Beweis für eine Qualifikation, mit der ich auch potenzielle Arbeitgeber überzeugen kann?

Antwort:

Nein, absolut nicht.

Ohnehin würde Ihre Vermutung ja nur stimmen, wenn Sie sich um eine ziemlich genau deckungsgleiche Position bewürben – aber warum sollten Sie das tun? Wäre die neue Position hierarchisch höher angesiedelt, wäre dort Ihre Sachverantwortung größer oder wäre die neue Aufgabe fachlich anspruchsvoller, würde die bloße Weiterbeschäftigung beim alten Arbeitgeber ja keinesfalls als Qualifikationsbeweis ausreichen.

Aber auch bei gleichartigen und gleichwertigen Tätigkeiten gilt: Um entlassen zu werden, braucht es z. B. 100 (fiktive) Negativpunkte; um eine Einstellung zu verhindern, reichen mitunter zwei oder drei völlig aus.

Ein technisches Beispiel: Der Mitarbeiter bzw. Bewerber sei eine Kugel. Innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses ruht sie am Boden einer Schüssel, deren Wände sind all die Arbeitgeber-Fürsorge- und arbeitsrechtlichen Schutzelemente, die es gibt (stabiles Gleichgewicht). Es braucht einen starken Impuls, um die Kugel über die Schüsselwand hinauszutreiben. Im Bewerbungsprozess ruht die Kugel hingegen auf einer ebenen Tischplatte. Der kleinste Impuls kann sie so weit rollen lassen, dass sie auf den Boden fällt (indifferentes Gleichgewicht).

Das juristische Beispiel: Für beschäftigte Mitarbeiter gilt quasi das Strafrecht. Jede mögliche „Schuld“ muss knallhart bewiesen werden, Zweifel werden zu Gunsten des Betroffenen gewertet, es gibt zahlreiche Entlastungsumstände (analog der strafrechtlich relevanten schlechten Kindheit oder der „schlechten Gesellschaft“). Für Bewerber gilt das Gegenteil: ein Verdacht reicht zur Ablehnung, Zweifel sprechen gegen den Kandidaten, „Ausreden“ werden kaum akzeptiert.

Kurzantwort:

Dass „Meier & Sohn“ Sie noch nicht entlassen hat, reicht „Müller & Tochter“ allein noch längst nicht aus, um Sie einzustellen.

Frage-Nr.: 2123
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-05-16

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