Heiko Mell

Ein Musterfall aus der Praxis

Beiliegend ein Beispiel, das zeigt, wie Ihre Karriereberatung bereits auf das eigene Tun abfärbt. Positiv, wie ich meine. Mein einziger Fehler in meiner Entwicklung war eigentlich, dass ich Ihre Karriereberatung im Studium nicht intensiver verinnerlicht habe. Nach den ersten Berufsjahren hatte ich die ersten Anknüpfungspunkte. Vielleicht wäre ich dann doch etwas weiter gekommen. Aber mit 43 Jahren muss ja noch nicht Schluss sein. Ich freue mich auf weitere Beiträge.

Hier eine Korrespondenz zwischen einem Bewerber und mir:

Stufe 1, Bewerber an Firma: Beim Stöbern im Internet habe ich gelesen, dass Sie Praktikanten in Ihrem Unternehmen beschäftigen. Nun weiß ich, dass ich ziemlich spät dran bin, um bei Ihnen ein Praktikum für den Wintersemester zu absolvieren. Falls Sie doch noch eine Stelle zu vergeben haben, so wäre ich gerne bereit, in Ihrem Unternehmen meinen Praktikum zu absolvieren. Meine Studienschwerpunkte sind … Wenn Sie Bedarf haben, so geben Sie mir kurz Bescheid, damit ich Ihnen meine Unterlagen zukommen lassen kann. Um eine baldige Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar.

Stufe 1, Firma an Bewerber: Vielen Dank für Ihr Interesse an einem Praktikum in unserem Hause. Sie haben Glück. Wir haben noch eine Praktikumsstelle zu besetzen. Bitte schicken Sie mir Ihre Unterlagen.

Stufe 2, Bewerber an Firma: Danke für die prompte Antwort. Wieviel Entgelt bekommt man als Praktikant bei Ihnen?

Stufe 2, Firma an Bewerber: Das war jetzt aber absolut die falsche Frage. Ich hatte Sie um Ihre Bewerbungsunterlagen gebeten und Sie kommen gleich zum für Sie wesentlichen Punkt. Die Aufgabe ist wohl eher sekundär. Jetzt muss ich 1+1 zusammenzählen. Tut mir leid, aber ich glaube, dass Sie nicht zu uns passen.

Stufe 3, Bewerber an Firma: Tut mir leid, dass ich Sie verärgert habe. Doch für mich spielt es eine wesentliche Rolle. Ob wir von 300 oder 900 Euro reden, ist wohl ein Unterschied oder finden Sie nicht auch? Ich bin Gott sei Dank in der Lage zu fragen und rauszusuchen, welches Unternehmen mir die besten Chacen bietet. Bekomm ich nun eine Antwort auf meine Frage? Geht das in Ordnung, wenn ich persönlich mit meinen Unterlagen vorbeikomme? Ich möchte nicht gleich Unsypmathie entwickeln, könnte die Situation doch noch retten. Was meinen Sie? Wann wäre es Ihnen recht?

Stufe 3, Firma an Bewerber: Sie haben mich absolut nicht verärgert. Dass die Entlohnung eine wesentliche Rolle spielt, sehe ich genauso. Ich habe Sie nur darauf hingewiesen, dass Sie die richtige Frage zum total falschen Zeitpunkt gestellt haben. Wenn Sie wenigstens noch Ihre Bewerbung als Anhang mitgesandt hätten, was Sie in Ihrem ersten Schreiben angeboten hatten und ich in meiner Antwort auch als Wunsch/Vorschlag zum weiteren Vorgehen verlangt habe.

Auch jetzt haben Sie das wieder ignoriert. Tut mir leid, aber Sie beherrschen das kleine abc der Bewerbung absolut nicht und treten von einem Fettnäpfchen ins nächste. Da wir keine 900 Euro bezahlen, die Sie ja als Option aufführen, würde ich Ihnen empfehlen, dort sofort zuzusagen. Denn zum einen ist das ein sehr stolzer Betrag, zum anderen haben Sie ein wirkliches Defizit bzgl. Auftreten.

Warum nehme ich mir die Zeit und antworte Ihnen so ausführlich? Sie sind ein junger Mensch, der daraus lernen kann (sollte). Und noch ein Vorschlag, der Ihre Entwicklung positiv fördern kann: Werden Sie Mitglied beim Verein Deutscher Ingenieure e. V. (VDI). Diese Mitgliedschaft ist für Studenten deutlich kostenreduziert, und Sie erhalten jeden Freitag die VDI nachrichten. Dort lesen Sie, wenn Sie sonst nichts interessiert, die „Karriereberatung“ von Heiko Mell. Wenn Sie dies zwei Jahre tun, wird Ihnen kein gravierender Fehler bei der Bewerbung um Ihre erste Stelle passieren bzw. werden Sie keine Chance verpatzen.

Und noch etwas: Chancen schreibt man mit zwei „n“ und diese definieren sich nur zu einem gewissen Teil über die Vergütung.

Antwort:

Was soll ich dazu noch sagen? In jedem Fall halte ich die Zitate für absolut real: Es gibt junge Menschen, die so denken. Umso wichtiger ist es, dass die erfahrenen Leute aus der Praxis sofort ganz klar die Gegenposition beziehen, Grenzen aufzeigen und signalisieren: So geht es nicht!

Ich habe übrigens viele kleinere Fehler aus der Korrespondenz stillschweigend ausgemerzt (wie fast immer) und nur ein paar größere „Klopse“ stehen lassen.

Einen davon muss ich aufgreifen, sonst prägt sich das noch ein bei einigen Lesern: In Stufe 3, Bewerber an Firma, benutzt er das Wort „Unsypmathie“. Was er meint, ist sicher „Unsympathie“ – wenn es dieses Wort denn gäbe. Das ist aber nicht der Fall. Während es das Wortpaar „Sympathie – sympathisch“ gibt, fehlt für „unsympathisch“ das gleichlautende Hauptwort. Man verwendet etwa „Antipathie“, nicht jedoch „antipathisch“. In jedem Fall ist dann auch „entwickeln“ in diesem Zusammenhang falsch, man könnte Antipathie allenfalls hervorrufen oder auslösen, würde das aber hier auch nicht so ausdrücken. Akzeptabel wäre gewesen: „Ich möchte keinesfalls, dass Sie mich unsympathisch finden“ oder „…, dass Sie eine Abneigung gegen mich entwickeln.“ Und da wir gerade an der Stelle sind: Der an die Unsympathie angehängte Halbsatz ist in dieser Form sinnentleert oder etwas in der Richtung.

Damit kein Missverständnis entsteht: Der Bewerber trägt einen urdeutschen Nachnamen, seinen Vornamen trug schon ein Edler aus der Gruppe um Hagen von Tronje im Nibelungenlied. Noch deutscher geht nicht.

Um nicht nur zu kritisieren: Lesen hilft. Viel hilft viel. Bücher (welche auch immer), Zeitungen, Zeitschriften. Man muss – mehr habe ich auch nicht – ein Sprachgefühl entwickeln. PC hilft nicht, Internet hilft nicht – die junge Generation ist eher schwächer als wir in diesen Fragen. Auf die Schulbildung kommt es nicht an – ein Abitur beweist leider gar nichts (mehr). „Armes Deutschland, kleine Füchse“, sagte angeblich Leonid Breschnew, als er auf einer Jagd in Deutschland sein erstes Eichhörnchen schoss. Der Ausspruch ist vielseitig verwendbar.

Frage-Nr.: 2110
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-04

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