Heiko Mell

Bewerbung – E-Mail, E-Mail über alles

Zur Frage 2.093 „Ein Empfänger klagt an“ erlaube ich mir folgende Anmerkungen:

Der Einsender beschreibt und kritisiert Bewerbungseingänge per E-Mail und fügt hinzu: „Zugegeben, das war jetzt etwas übertrieben.“ Ich versichere (aktuell belegbar), dass dies keineswegs übertrieben dargestellt ist, im Gegenteil.

Obwohl ich beim Schalten von Stellenangeboten bewusst E-Mail-Adresse und Tel.-Nr. nicht aufführe, machen sich sehr viele Bewerber die Arbeit der Recherche und versenden ihre Bewerbung dann doch per E-Mail mit bis zu 20 Word-Anlagen und bis zu 20 MB Datengröße.

Dazu kann ich nur sagen: Vielen herzlichen Dank, meine wenig verehrten Kandidaten. Sparen Sie doch einfach sich und uns Arbeit, Zeit und nervenden Rechnerdownload, denn einen positiven Sinn – geschweige denn Erfolg – haben diese Aktionen nicht.

Herrn Mell danke ich für die Auswahl jenes Beitrags, der mich erkennen lässt, dass ich nicht der einzige Depp bin, der sich so etwas (u. a. auch am Wochenende) antun muss.

Antwort:

Sie und jener damalige Einsender (beides Arbeitgeber-Vertreter) sind ganz gewiss nicht allein. Ich habe schon mehrfach berichtet, dass auch mehrere meiner (Agentur-)Kunden keine E-Mail-Adresse mehr in ihren Stellenangeboten abgedruckt haben wollen – eben weil sie die E-Mail-Bewerbungen verabscheuen. Diese sind nicht nur mit den hier schon diskutierten technischen Nachteilen behaftet (und das Lesen ist viel anstrengender oder mühsamer), sie sind auch inhaltlich schlechter, oft sogar deutlich. Irgendwelche abgespeicherten Standardtexte werden ohne weiteren Bearbeitungsaufwand irgendwo hingeleitet – als käme es auf große Bewerbungszahlen und hohe Übermittlungsgeschwindigkeiten an.

Natürlich gilt: Der „Kunde“ hat recht. Und wenn er (der Inserent) ausdrücklich E-Mail-Bewerbungen will, dann bekommt er sie. Aber wenn er sie eben so ausdrücklich nicht will – was man aus der nicht abgedruckten E-Mail-Adresse schließen darf – dann bitte bekommt er auch keine.

Einige große Konzerne haben entschieden, dass sie Bewerbungen nur noch „elektronisch“ haben wollen. Daraus schließen manche Bewerber, das sei – wie sagt man – „trendy“ und das müsse man unbedingt überall durchsetzen. Dabei haben diese Großkonzerne zwei Besonderheiten:

a) Sie haben es stets mit großen Zahlen zu tun, auch mit „haufenweise“ Bewerbungen, die täglich sortiert und in großen Stückzahlen an die suchenden Fachabteilungen weitergeleitet werden müssen. Ein Knopfdruck ist da für die Personalabteilung der kleinere Aufwand gegenüber dem Postversand.

b) Sie haben es überwiegend mit Berufsanfängern zu tun – manche Konzerne stellen fast überhaupt nur solche ein. Suchen Sie doch mal Abteilungsleiter-Anzeigen von Top-AGs in den Stellenausschreibungen, es gibt kaum welche. Und diese Anfänger-Bewerbungen sind nicht nur zahlreich, sie werden auch vom Personalwesen an viele grundsätzlich für eine Einstellung in Frage kommenden Fachabteilungen geschickt – und zwar gleichzeitig! Dafür sind E-Mail-Zuschriften praktischer, per Post gesandte Mappen müsste man fotokopieren oder im altehrwürdigen Abteilungsumlaufverfahren über sieben Adressen nacheinander leiten.

Im Mittelstand, der mehr Menschen beschäftigt als die paar Großkonzerne, sieht das anders aus. Auf allen Ebenen, auch in der GF, müssen Positionen von außen besetzt werden. Entscheidungsträger sind häufig ranghohe Vorgesetzte, die es gewohnt sind, Akten mit nach Hause zu nehmen. Und die vielleicht – wie ich – eine Gleitsichtbrille tragen. Die wiederum eignet sich ebenso miserabel zum pausenlosen Starren auf den Bildschirm wie die klassische Lesebrille. Das Lesen kurzer Briefchen ist kein Problem – aber 100 Bewerbungen à 20 Seiten am Bildschirm lesen zu müssen, ist eine Zumutung. (Ich weiß, dass man sich theoretisch auch noch eine „Bildschirmbrille“ anschaffen könnte, das wäre dann neben Lese- und Gleitsichtbrille die dritte. Empfehlen Sie mir lieber etwas anderes.)

Außerdem blättert man in Bewerbungsmappen viel schneller, man ordnet diese auch einfacher den Klassifikationsstapeln zu – und wenn Sie bei der 37. Zuschrift das Zeugnis einer bestimmten Firma lesen und sich erinnern, diesen Briefkopf in den letzten Minuten schon einmal gesehen zu haben, dann finden Sie die Zusammenhänge viel schneller heraus als beim Suchen in E-Mail-Anhängen.

Ich glaube tatsächlich, dass viele Dinge, die mit veralteter Technik erstellt werden, so ausgereift sind, dass auch die modernste Elektronik das nicht weiter verbessern kann. Ich erinnere an das Rad oder an die analoge Zeitanzeige einer Armbanduhr.

Ich will ja niemandem sein Lieblingsspielzeug madig machen, aber ich schwöre: Durch die Einführung des PC ist die inhaltliche Qualität von Bewerbungen nicht einen Deut besser geworden, ganz im Gegenteil. Er hat diejenigen Bewerber in ihrer Haltung unterstützt, die immer schon faul waren. Gut, ich sage auch etwas Positives: Faul zu sein, das macht bei der Gestaltung von E-Mail-Bewerbungen mehr Spaß als bei der Zusammenstellung von Mappen für den Postversand. Und jetzt warte ich – in einer Karriereberatung! – auf das Argument mit den eingesparten Briefmarken.

Frage-Nr.: 2109
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-04

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