Heiko Mell

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Als High Potential und Kandidat in zahlreichen Vorstellungsgesprächen wurde mir häufig die Frage gestellt, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Daher würde ich gerne erfahren, wie Sie das diplomatisch beantworten würden.
Zu meinen Gedankengängen zählte natürlich, ob der potenzielle Arbeitgeber hintergründig nach meiner Loyalität fragt oder gerne Auskunft über meine geplanten Karriereziele erhalten möchte.
Weiterhin sollte die optimale Antwort sicher auch je nach Größe des Unternehmens anders ausfallen?!?

Antwort:

Glückwunsch zu den zahlreichen Vorstellungsgesprächen.Wenn Sie sich als „High Potential“ sehen dürfen, dann sind Sie ein Mensch „mit großem Potenzial für die weitere Karriereentwicklung“ – und zwar deutlich über die Position hinaus, um die Sie sich derzeit bewerben.

Wie man das wird? Nun, sich selbst entsprechend einstufen darf man offiziell nicht. Aber man darf sich um Positionen bewerben, für die High Potentials gesucht werden. Das macht man dann einfach, spricht diesen Begriff aber dabei nicht an (also nicht: „Ich als High Potential …“). Manche Unternehmen verleihen intern besonders hoffnungsvollen Nachwuchskräften diesen Status. Wenn man dazu gehört, sagt man aber immer noch nicht: „Ich als High …“, sondern erwähnt diese Einstufung ganz beiläufig, eher bescheiden (aber so, dass der Gesprächspartner oder Bewerbungsempfänger es schon mitbekommt).

Und da sich ein solcher hoffnungsvoller Nachwuchsmensch jetzt nicht um die Position bewirbt, in der er eines Tages pensioniert werden möchte, kann es für den möglichen neuen Arbeitgeber schon interessant sein, etwas über die Karrierepläne des Kandidaten zu wissen. Also fragt er ihn. Soviel zur Theorie. In der Praxis könnte sich der Fragesteller etwas in dieser Art dabei denken:

1. Gar nichts. Ist weit verbreitet und beruht auf einem Umstand, den der Personalwesen-Mitarbeiter so umreißen könnte: „Das frage ich immer. Es steht fest als Rubrik auf meinem Gesprächsleitfaden. Manchmal bedeutet es etwas, manchmal nicht, es hängt von den Umständen ab. Ich schreibe die Antwort auf – dann fühle ich mich besser.“

2. Er will herausfinden, wie dämlich der Bewerber ist. Beispiel: Es geht um eine selbstständige, konzernunabhängige GmbH – und der Bewerber antwortet auf jene Frage „Im Vorstand“. Da eine GmbH keinen solchen hat, kann das nur bedeuten: „In jedem Fall reicht mein Ehrgeiz über diesen Saftladen hier hinaus, in fünf Jahren will ich deutlich mehr sein als Ihre höchsten Chefs.“ Nun ja.

Nicht sehr geschickt ist auch, vorsichtig gesagt, eine Antwort, die deutlich über das hinausgeht, was der Fragesteller persönlich erreicht hat oder vermutlich erreichen wird. „Geschäftsführer“ als Antwort gegenüber dem Personalleiter einer mittelständischen Gesellschaft bedeutet u. a.: „In jedem Fall will ich mehr werden als Sie geworden sind.“

Einfach nur dumm ist jede Benennung einer Art von Position, die es fachlich in diesem Unternehmen gar nicht gibt („Ich würde gern Geschäftsführer der französischen Vertriebsgesellschaft eines deutschen Unternehmens werden“).

Unklug ist die Aussage, man wolle letztlich in ein ganz anderes Unternehmen („Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in fünf Jahren in eine ganz andere Branche oder z. B. auch ins Consulting zu wechseln“). Es bedeutet: „Was immer auch geschieht, hier bleibe ich ohnehin nicht.“Schier verzweifeln möchte man, wenn der Bewerber stolz erzählt, sein eigentliches Ziel sei die Selbstständigkeit. Es ist ähnlich originell wie die Aussage eines jungen Mannes gegenüber einer kleinen Blonden beim ersten Treffen, sein klares Ziel sei die Eroberung einer großen Schwarzhaarigen zwecks späterer Heirat.

Ach ja: Alle in diesem Punkt vorgestellten Antworten werden „gern genommen“ von Bewerbern.

3. Er will sehen, wie realistisch der Bewerber sich selbst und sein Potenzial (ob es nun „high“ ist oder nicht) einschätzt. Viele Bewerber äußern hier Vorstellungen, die in den Augen des Fragestellers weit jenseits der Grenzen liegen, die durch die Person des Kandidaten gesetzt sind. Oder sie benennen Ziele, die man mit diesem Werdegang einfach nach den Regeln gar nicht erreichen kann.Beides führt zur Einstufung „unrealistische Zielvorstellungen/Traumtänzer“.

4. Natürlich wäre auch diese Zielsetzung des Fragestellers möglich: Er will einfach nur herausfinden, wo der Kandidat langfristig tatsächlich hinstrebt. Damit könnte er interessante Anhaltspunkte für die Einschätzung von dessen Persönlichkeit gewinnen – und prüfen, ob die wechselseitigen Vorstellungen über die Entwicklung der Karriere zueinander passen. Vorausgesetzt, der Kandidat sagt, was er denkt (oft eher eine Horrorvision).

Nun meine Einschätzung des Themas: Die Frage taugt nichts, sofern man tatsächlich eine ehrliche Antwort zur Sache erhofft! Die Firmen selbst planen in Personalangelegenheiten schon längst nicht mehr konkret über zwei Jahre hinaus. In fünf Jahren liegt in dieser schnelllebigen Berufswelt kein Stein mehr auf dem anderen. Da ist die eigene Gesellschaft verkauft oder hat ihre Belegschaft um 20 % abgebaut oder hat die Produktion ins Ausland verlagert oder die Handysparte an Asiaten verkauft. Zwei Hierarchiestufen werden bis dahin abgeschafft und drei neue Funktionsebenen werden geschaffen worden sein. Oder sonst wird irgendetwas geschehen. Und niemand weiß heute, was das in fünf Jahren alles sein wird.

Ich erkenne also die Frageziele gemäß 1., 2. und 3. an, halte aber ein Ansinnen gemäß 4. fast für ein bisschen naiv.

Für Sie als Bewerber heißt das: Es geht nicht um die Sache (um die geht es ohnehin selten), es geht um eine taktisch geschickte Antwort. Da Sie meist viel zu wenig über das Unternehmen, seine Philosophie und seine Strukturen sowie über die „Denke“ Ihres Gesprächspartners wissen, um eine Antwort geben zu können, die Ihnen wirklich nützt (indem sie Ihnen Pluspunkte einbringt), konzentrieren Sie sich darauf, wenigstens keinen Fehler zu machen.

a) Sagen Sie weniger das, was Sie wirklich wollen, sagen Sie hingegen etwas taktisch Geschicktes. Schließlich versuchen Sie, einen „Gebrauchtwagen“ zu verkaufen (das sind Sie).

b) Nennen Sie nach Möglichkeit keine präzise benannten hierarchischen Ebenen oder Positionsbezeichnungen. Die könnten gerade in diesem Unternehmen falsch sein, als anmaßend empfunden werden oder einfach nicht der dortigen Realität entsprechen.

c) Zeigen Sie mit Ihrer Aussage ein Profil, das etwa die folgenden Details abdeckt:- selbstbewusst im Hinblick auf die eigenen Fähigkeiten, an Ihren Erfolg glaubend,- bescheiden im Auftritt, weit entfernt von Maßlosigkeit, Arroganz und unrealistischen Zielvorstellungen.

Es ist ja nicht so, dass der Gesprächspartner alles wirklich glaubt, was Sie ihm da so erzählen. Aber er freut sich, wenn Ihre Antwort sich gut anhört, im Rahmen der Regeln bleibt, halbwegs klug formuliert ist – und es ihm erlaubt, Sie rundum positiv zu beurteilen und Sie sympathisch zu finden. Dies alles ungeachtet seiner möglichen Bemerkung zu seinen Kollegen, wenn Sie den Raum verlassen haben:“Hört sich einwandfrei an, finde ich. Die Antwort hat er sich gut überlegt, alle Achtung. Natürlich besteht die Gefahr, dass er in Wirklichkeit vom Konzernvorstand träumt, sich selbstständig machen will oder in einigen Jahren die Fabrik seines Onkels Theobald übernehmen soll. Aber ich kann nur bewerten, was ich weiß. Und das hinterlässt einen tadellosen Eindruck.“

d) Da Sie natürlich jetzt auf das Muster einer möglichen Antwort warten, hier eine konkrete Anregung:“Ich bin ehrgeizig und sehr an einer weiteren Entwicklung interessiert. Dazu gehört sicher auch das Streben nach weitergehendem Aufstieg. Aber ich bin jetzt keineswegs auf eine bestimmte Position oder eine konkrete Ebene fixiert.

Im Augenblick bewerbe ich mich hier um eine Position, die eine große Herausforderung für mich bedeutet, für die ich lernen und in der ich mich erfolgreich bewähren muss. Wenn ich das – so hoffe ich – in einigen Jahren zur vollständigen Zufriedenheit meiner Vorgesetzten geschafft habe und dann auch das Haus, seine Anforderungen und seine Möglichkeiten besser kenne, dann kann ich auch konkreter antworten. Jetzt fände ich das doch etwas vermessen.“

Kurzantwort:

Die Antwort auf die Frage nach mittel- oder langfristigen Karrierezielen sei vor allem taktisch klug. Es kann kaum schaden, wenn sie dann auch noch halbwegs wahrheitsgemäß ausfällt.

Frage-Nr.: 2102
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 11
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-03-15

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