Heiko Mell

Die provozieren mich gezielt!

Auf fast jede zweite Bewerbung habe ich eine Einladung erhalten und schließe daraus, dass meine Unterlagen zum Erreichen der nächsten Runde ausreichend sind – auch wenn die Abiturnote unsagbar schlecht ist und die ersten beiden Zeugnisse Warnungen enthalten.
Nach mehreren Gesprächen habe ich folgenden Ablauf beobachtet: Es erfolgen Begrüßung und Vorstellung der suchenden Firma und der anwesenden Mitarbeiter, weiter geht’s mit der Überleitung zur Aufforderung, meinen Lebenslauf zu schildern.
Und im Verlauf meiner Darstellung kann ich darauf warten, wann der Einsatz meiner Gastgeber kommt. Manchmal lässt man mich den Lebenslauf noch zu Ende erzählen, bevor die kritischen Fragen kommen. Oder es kommen schon im zweiten Satz Bemerkungen, die zum Tenor haben, dass das eben sehr positiv von mir Geschilderte auf jeden Fall besser zu lösen gewesen wäre.

Und daraus entwickelt sich für mich ein Hindernislauf: Es gilt, auch die nächste negierende Bemerkung behutsam aufzunehmen und die Tatsachen mit Begründungen ins rechte Licht zu rücken.
Dies geschieht mehrfach hintereinander. Auch wenn man schon wieder versucht, mir angefangene Sätze in dieser Richtung in den Mund zu legen, vermeide ich jede negative Andeutung über meine Chefs, Kollegen oder Abläufe bei den früheren Arbeitgebern. Wenn ich etwas kritisiere, dann nur eigenes Verhalten, ergänzt mit Hinweisen, wie ich dieselbe Situation heute angehen würde.

Wenn ich später in die Runde der Gesichter schaue, habe ich das Gefühl, mein Talent liegt darin zu polarisieren. Wenn drei Mitarbeiter anwesend waren, lassen die Gesichtszüge stets die drei Feststellungen zu: Einer fand das Gespräch gut und nickte zufrieden mit jedem Satz. Der zweite lässt sich nichts anmerken, ist aber überrascht bis erstaunt. Und der dritte möchte mit weit aufgerissenen Augen des Entsetzens am liebsten erschöpft zusammenbrechen oder wenigstens den Raum verlassen.

Wenn ich dann wieder zu Hause sitze, suche ich selbstkritisch die Ursache und überlege, wie ich in Zukunft letztlich überzeugen kann.

Antwort:

Arbeitgebervertreter in Vorstellungsgesprächen sind in der Regel rechtschaffene, solide, erfahrene Menschen, die dort nichts anderes anstreben als die Lösung einer bestimmten Aufgabe: Sie wollen, der jeweilige Kandidat möge so gut sein oder wenigstens wirken, dass sie ihn ernsthaft für eine Einstellung in Betracht ziehen können. Diese Leute sind nicht daran interessiert, Ihnen nachzuweisen, dass Sie unfähig sind.

Wenn also diese Gesprächspartner bei unterschiedlichen Firmen immer wieder einen Ihnen „komisch“ vorkommenden Eindruck von Ihnen haben – dann reagieren sie damit bloß auf ein irgendwie „komisch“ wirkendes Bild, das Sie abgeben (Sie können statt „komisch“ auch andere Wörter einsetzen, was bleibt ist: Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus).

Sie implizieren also diese Reaktion. Durch Ihre Persönlichkeit, durch Ihr Auftreten, durch Ihren Vortrag (wahrscheinlich), durch die Art, wie Sie Ihre Erfolge (penetrant?) vertreten oder sonst „nerven“. In dieser Frage kommen wir nicht weiter, wir hätten denn eine Videoaufzeichnung eines solchen Gesprächs.

Aber: Ein Kandidat im Vorstellungsgespräch soll gelassen-selbstbewusst in sich ruhen und so souverän wie irgend möglich sein. Er sollte nicht unter Druck stehen, seine Ausstrahlung sollte die eines erfolgreichen(!) Menschen sein, der alle Ansprüche und seine Qualifikation seriös vertreten kann. Richtig? Richtig.

Das aber können Sie derzeit doch gar nicht! Bohren wir ein wenig in Ihren Unterlagen: Sie sind Anfang 40, Dipl.-Ing. FH. Sie haben vier Arbeitsverhältnisse hinter sich, die ersten drei davon mit zu kurzen Dienstzeiten. Noch am Ende Ihres letzten Arbeitsverhältnisses bei einem Dienstleister waren Sie (wie schon davor) „Projektingenieur“.

Diesen Job haben Sie wegen Betriebsstilllegung vor mehr als einem Jahr(!) verloren, seitdem müssten Sie lt. Ihren Unterlagen arbeitslos sein. Nun bewerben Sie sich als Abteilungsleiter Fertigungssteuerung! Und erleben Merkwürdiges in Vorstellungsgesprächen. Das kann doch gar nicht anders sein.

Auch ich hätte, säßen Sie mir im Vorstellungsgespräch gegenüber, lauter bohrend-kritische Fragen gestellt. Aber auf der Basis jener Zielposition hätte ich Sie gar nicht erst eingeladen. Das Ergebnis wäre in jedem Falle identisch: keine Einstellung. Und darauf kommt es an.

Ich beobachte seit längerer Zeit ein Phänomen, für das ich noch keine endgültige Erklärung habe: Viele Unternehmen denken und handeln bei Einstellungen so wie ich es auch tun würde – aber sie kommen erst eine Phase später zum gleichen Ergebnis.

Oft berichten mir Kandidaten von „unverständlicherweise“ erfolglos gebliebenen Vorstellungsgesprächen. Wenn ich mir die Unterlagen ansehe, wundere ich mich vor allem über die eigentlich gar nicht zu verantwortende Einladung, weniger über das Resultat des Gesprächs. Offenbar sind viele (kleinere?) Unternehmen ziemlich unkritisch, was die Einladungen zu Vorstellungsgesprächen angeht. Vielleicht sind die Manager dort nicht so erfahren: Was ein Fachmann schon den Unterlagen angesehen hätte, merken sie erst im Gespräch.

Dort aber ärgern sie sich dann – wenn sie merken, dass hier gar keine echte Chance auf Einstellung besteht. Und zwar teils über Sie, teils über sich, das lassen sie dann an Ihnen aus.“Angefangen“ mit dem ganzen unerfreulichen Prozess haben Sie. Sie hätten sich mit diesem Hintergrund niemals um eine solche Führungsposition bewerben dürfen. Nicht ohne jede vorangehende Führungspraxis in diesem Alter, nicht nach so langer Arbeitslosigkeit. Sie können nach klassischen Maßstäben für diese Art von Position gar nicht geeignet sein – das einzig Verwunderliche ist, dass die Unternehmen das erst so spät gemerkt haben.

Nach so langer Unterbrechung können Sie sich mit hinreichender Aussicht auf Erfolg praktisch nur wieder um nichtführende Projektingenieur-Positionen bemühen. Und dann müssen Sie sich noch der Frage stellen, warum Sie in den mehr als zwölf Monaten seit dem Verlust Ihrer letzten Anstellung niemand eingestellt hat. Sie müssen ja hunderte von Bewerbungen inzwischen geschrieben haben – alle ohne Erfolg.

Kurzantwort:

Führungskraft wird man erstmals, wenn man bisher als nichtführender Mitarbeiter äußerst erfolgreich gearbeitet hat. Eine mehr als ein Jahr andauernde Arbeitslosigkeit ist kein akzeptables Sprungbrett für den erstmaligen Aufstieg, der Versuch gilt als „kühn“.

Frage-Nr.: 2094
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-02-08

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