Heiko Mell

Bewerbungsfragebogen oder warum der Autor nicht BMW-Vorstand geworden ist

Aus einer unbefristeten Position heraus habe ich mich auf (es heißt „um“; man bewirbt sich um, nicht auf, d. Autor) eine vakante Stelle beworben. Das Unternehmen hat mit einer E-Mail geantwortet und um etwas Geduld gebeten. Die Erfahrungen zeigen wohl, dass die letzten Bewerbungen erst ca. vier Wochen nach Erscheinen der Stellenanzeige eintreffen, bis dahin möchte man mit einer Entscheidung warten.

Darüber hinaus wurde ich gebeten, den dieser E-Mail beigefügten Personalfragebogen bis zu einem genannten Datum auszufüllen und an das Unternehmen zurückzuschicken.

Sind diese Fragen, die im (beigefügten) Fragebogen stehen, zulässig und falls nicht, wie reagiere ich am besten darauf, ohne von einer möglicherweise „unwissenden Person“ im Vorfeld aussortiert zu werden?

Antwort:

Im fünften Jahr meiner ersten Anstellung nach dem Studium beschloss ich, mir einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Es gab schon eine Verbindung zwischen dem von mir ins Auge gefassten großen süddeutschen Automobilhersteller und „meinem“ damaligen Konzern: Wir hatten deren Vorstandsvorsitzer in gleicher Funktion übernommen. Meine Bewerbung in München nun war nicht etwa als Ausgleich gedacht, sie zielte viele Ebenen tiefer, ich war immerhin erst 26. Aber wer weiß, was dort aus mir noch geworden wäre, schließlich bin ich auch bei dem anderen Konzern für mein Alter recht gut vorangekommen. Warum hätte am Ende dieses Weges nicht der Personal-Vorstand stehen sollen? Meine Bewerbung war zunächst erfolgreich, ich wurde eingeladen.

Und nun gibt es mindestens zwei Gründe dafür, dass ich nicht (später, viel später) dort unaufhaltsam aufgestiegen bin (die Höflichkeit diktiert mir die Reihenfolge):

1. Natürlich ist es gut denkbar, dass mir die erforderlichen Fähigkeiten und die Chancen zum richtigen Zeitpunkt gefehlt hätten.

2. Viel gravierender jedoch wirkte sich aus, dass ich dort gar nicht zum Vorstellungsgespräch angetreten bin. Ziemlich wütend und so arrogant, wie man es nur mit Mitte 20 hinbekommt, habe ich die Einladung wegen „Unzumutbarkeit“ abgelehnt. Kernpunkt war ein mitgesandter Fragebogen, den ich hätte ausfüllen sollen.

Und das mir! Ich war immerhin Ingenieur, war stolzer außertariflicher Angestellter im hausinternen „Kreis X“, stand kurz vor der Beförderung zum Leiter der Abteilung Grundsatzfragen des Personalwesens (die dann auch tatsächlich kam) und sollte jetzt stupide ausfüllen: geboren, wann, wo, warum, Schulbesuche, Studium und, und, und. Dabei hatte das alles – natürlich – in meinem Lebenslauf schon gestanden, recht übersichtlich, wie Sie sich denken können.

Aber dann kam es erst richtig: „Welche handwerklichen Fähigkeiten haben Sie, welche gewerblichen Techniken beherrschen Sie“ oder so ähnlich. Was dann noch kam, habe ich vergessen. Aber dass ich „stocksauer“ war, weiß ich noch heute, mehr als 35 Jahre danach.

Krönender Abschluss war dann die Zusicherung, man werde mir eine Bundesbahn-Fahrkarte 2. Klasse ersetzen. 2. Klasse, mir – wo ich gerade mühsam intern die Berechtigung erkämpft hatte, 1. fahren zu dürfen. Nein, die sollten ihren Kram alleine machen!

Das haben sie denn wohl auch getan, recht erfolgreich, wie man zugestehen muss. Es war meine einzige Chance, mich dort zu qualifizieren und weiter aufzusteigen. Nachdem ich die Tür so hart zugeworfen hatte, habe ich mich in den nächsten Jahren nicht mehr getraut, an diesen Konzern eine Bewerbung zu richten.

Nun weine ich dieser Geschichte nicht nach, vielleicht hätte ich ja auch gar kein Vertragsangebot bekommen. Aber ein Fehler von mir war es doch! Ich hätte hinfahren und mir alles einmal anhören sollen. Und der alberne Fragebogen? Nun, ich hätte eben treu und brav ausfüllen sollen, ich könne feilen und bohren und linkshändig schweißen. Was hätten die bei der von mir angestrebten Angestellten-Position im Personalwesen schon damit anfangen können? Und in den Grundfesten erschüttert hat mein Absagebrief jenen Konzern sicher auch nicht (als kleine Wiedergutmachung fahre ich seitdem das eine oder andere Auto dieser Marke).

Aber da jeder Fehler eines Menschen immer noch dazu taugt, um als schlechtes Beispiel zu dienen, hier meine Empfehlung an Sie, geehrte Einsenderin:

1. Kümmern Sie als Einzelperson sich erst einmal nicht darum, welche Fragen auf dem Formular Ihres Zielunternehmens nun zulässig sind oder nicht. Sie haben ein Primärziel. Das lautet: Ich will dort zum Vorstellungsgespräch erscheinen, um dem angestrebten Job näher zu kommen. Um ein Angebot zu erhalten, über dessen Annahme ich dann entscheiden kann.Überlassen Sie die Frage, ob Nr. 12a des Fragebogens gegen § 17 Absatz 3 von irgendetwas verstößt, anderen Leuten. Keine Angst, die finden sich schon, irgendwann und irgendwo. Es gibt genügend Streithansel im Lande, die blühen bei solch einer Gelegenheit richtig auf. Die wollen dann aber auch keinen Job bei diesem Unternehmen.

2. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder Sie bewerben sich dort ernsthaft um eine Anstellung – dann werden Sie wohl auch kritiklos akzeptieren müssen, wie man dort den Bewerbungsprozess handhabt. Oder Sie wollen vorrangig diesem Unternehmen in geschliffener Form mitteilen, was es alles falsch macht, gegen welche Gesetze und Gerichtsurteile es verstößt. Entscheiden Sie sich für den „Oder“-Weg, verzichten Sie gleichzeitig auf eine Einstellung. Denn Arbeitgeber pflegen keine Bewerber zu mögen, die den Kontakt mit Kritik an ihrem Vorgehen „garnieren“.

3. Ich habe mir den konkreten Fragebogen angesehen. Nun will und kann ich nicht entscheiden, ob alle diese Fragen zulässig sind. Aber sie sind genau die alberne Mischung von Sinnvollem und Skurrilem, die mir damals schon missfallen hatte – was ein Fehler war (beispielsweise fragt man, wie gut Sie Schreibmaschine schreiben können).

Bei allen übrigen Fragen gilt: Genau das möchte ein potenzieller Arbeitgeber gern wissen, das kann man gut nachvollziehen. Hätten Sie eine Firma und würden Sie Angestellte einstellen, wollten Sie genau diese Informationen auch haben (gleichgültig, ob die Fragen „zulässig“ sind oder nicht).

Die eine oder andere Frage kommt auch mir dabei ein wenig „nicht mehr zeitgemäß“ oder „nicht mehr zulässig“ vor. Aber das könnte ein Anwalt besser entscheiden.

4. Sie haben nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, alle Informationen, die Ihnen im Vorfeld einer Vertragsunterschrift zugänglich werden, dahingehend auszuwerten: Will ich dort nun arbeiten oder überwiegen die Nachteile die Vorteile deutlich? Dann kommt es noch darauf an, wie stark Sie sich fühlen dürfen: Bewerben Sie sich ohne Druck aus ungekündigter Position und reißen sich diverse andere potenzielle Arbeitgeber um Sie oder ist dies die erste halbwegs positive Antwort auf eine Bewerbung nach fünfzig vergeblichen Versuchen?

5. Ein denkbarer Kompromiss liegt darin, eine (oder höchstens zwei) Sie persönlich besonders unangenehm berührende Fragen schlicht offen zu lassen. Bevor Sie eine falsche Antwort geben oder die Frage demonstrativ durchstreichen, schreiben Sie dort gar nichts hin. Damit riskieren Sie im schlimmsten Fall, nicht eingeladen zu werden (siehe unter 4.) und vertagen das Problem im besten Fall auf das Vorstellungsgespräch.

6. Falls Ihnen das Prinzip wichtiger ist als der Job bei diesem Unternehmen, können Sie auch höflich absagen und zur Begründung angeben, bestimmte Fragen des Formulars gingen zu weit (Beispiele), Sie schlössen daraus auf einen bestimmten Stil des Hauses, der Ihnen nicht interessant zu sein scheine. Ihr Brief allein wird noch nichts bewirken, aber wenn zwanzig Bewerber so reagieren, ändert vielleicht das Unternehmen wenn schon nicht seine Ansichten, dann doch zumindest seinen Fragebogen.

7. (Inoffiziell: Die Frage nach der Schwangerschaft beispielsweise ist gegenüber männlichen Bewerbern albern, gegenüber Frauen unzulässig und Sie dürfen lt. allgemeiner Auffassung sogar ungestraft falsch antworten. Aber wenn Ihr künftiger Chef sich von Anfang an belogen fühlt, ist er nicht gut auf Sie zu sprechen, was auch nicht erfreulich ist. Wenn Sie das Thema stört, entscheiden Sie gemäß 5.; dem Unternehmen wird schon früher oder später jemand auf die Finger klopfen, das müssen ja nicht Sie sein.)

Kurzantwort:

Welche Fragen der potenzielle Arbeitgeber im Vorfeld einer Vertragsunterzeichnung eigentlich stellen darf, ist für den einzelnen Bewerber kaum interessant. Wichtig für ihn ist eher: Will ich den Job oder(!) will ich denen zeigen, was sie falsch machen?

Frage-Nr.: 2089
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-01-25

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