Heiko Mell

Mappen, Pappe, Hefter u. Ä.

Fachleute raten (allgemein) ab von Klemm- und Heftmappen, nennen aber keine Alternativen. Da ich selbst vor Jahren das Vergnügen hatte, über 400 Bewerbungen für mehrere Stellenausschreibungen zu sichten, empfand ich Heftmappen einfach als praktisch (übersichtlich: Bewerbungsschreiben, Lebenslauf sowie Zeugnisse sind schnell zu erfassen).

Aufwändige Mappen aus Pappe mit Klapp-Mechanismus in alle Richtungen mögen für Ausschreibungen im Marketing-Bereich sinnvoll sein – aber für den Bereich anderer Berufe wirken solche Mappen doch eher verspielt. Ich wäre an Ihrer Meinung interessiert.

Antwort:

1. Trauen Sie unbedingt nur Empfehlungen von Fachleuten, die glaubhaft machen können, dass sie z. B. ständig selbst Bewerbungen lesen. Sieht man verschiedene solcher Empfehlungen, bezweifelt man eine solche Basis bei einer Reihe dieser Autoren.

2. Spricht ein Personalleiter zum suchenden Fachvorgesetzten: „Hier habe ich noch einen Bewerber für Sie. Schön, die Qualifikation dieses Akademikers taugt nicht viel, jedenfalls nicht aus unserer Sicht. Aber die Mappe, die der Kerl verwendet hat! Ein Traum! Schon optisch, dann vor allem die Anfassqualität. Und wie sie dann aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch lag, war ich hin- und hergerissen. Also diese Bewerbung müssen Sie sich daher unbedingt einmal ansehen.“

Denkbar? Nicht denkbar. Niemals wird bei einem professionellen Bewerbungsleser die Mappe etwas herausreißen können, was in der Substanz der Unterlagen nicht drinsteckte.

Aber eine „unmögliche“, verschmutzte, überkandidelte, viel zu große und schwere, aus echtem Leder mit Pelzbesatz gefertigte oder zerrissene Mappe könnte einem hervorragend qualifizierten Bewerber schaden. Eine nur als wenig zweckmäßig empfundene jedoch kaum.

Fazit: Profis sind ziemlich immun dagegen, sich durch eine bestimmte Mappe von der Qualität des Inhalts ablenken zu lassen (erfreulicherweise).

Aber ich will im Grenzbereich folgenden Effekt nicht ausschließen: Der Beurteiler studiert den Inhalt einer Mappe. Er ist skeptisch, bisher unentschlossen. Noch hat er weder genug Argumente für noch gegen eine Einladung an den Bewerber. Er lehnt sich im Sessel zurück, blättert noch einmal die Mappe durch. Da löst sich das Anschreiben aus seiner unvollkommenen Klemmung, fällt auf den Fußboden, zwingt den Beurteiler zu einer Kriechtour unter den Schreibtisch. Als er wieder oben ist, hat er – wütend, wie er ist – seine Entscheidung in diesem Zweifelsfall getroffen!

3. Die Papp-Mappen sind generell unpraktisch!

Sie brauchen aufgeklappt 50 % mehr Platz als ein klassischer Plastikhefter mit durchsichtigem Deckblatt. Sie eignen sich kaum dazu, sie im Bürostuhl zurückgelehnt in den Händen haltend zu handhaben. Sie befestigen die Anschreiben so unglücklich auf dem aufzuklappenden Deckel, dass diese sich tatsächlich oft lösen und dann vom Beurteiler mühsam wieder hineingefummelt werden müssen. Und sie haben oft keine vernünftige Lösung für die zweite Seite von Anschreiben und/oder Lebenslauf.

Nein, ich sehe das ebenso wie Sie: Für den Empfänger der Bewerbung gibt es kaum eine bessere Lösung als den bewährten schmiegsamen Kunststoffhefter. Aber der wird im Schreibwarengeschäft (dessen Verkäufer mit Sicherheit keine professionellen Bewerbungsleser sind) bestimmt nicht speziell unter „Bewerbungsmappen“ geführt. Sie müssen also aufpassen, was Sie dort verlangen.

Kurzantwort:

Aus der Sicht des professionellen Bewerbungslesers ist die heute so beliebte aufklappbare Papp-Bewerbungsmappe mehr unpraktisch als sinnvoll.

Frage-Nr.: 2081
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-16

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