Heiko Mell 01.01.2016, 21:17 Uhr

Ich kann Sie nur zu gut verstehen

Mittlerweile habe ich auch schon einige Mitarbeiter einstellen dürfen; teilweise habe ich über siebzig Bewerbungen je Stellenangebot erhalten! Ich kann Ihre gesammelten Ausführungen zu den Anschreiben und den Lebensläufen absolut bestätigen.

Diese siebzig Bewerber hielten sich wahrscheinlich alle zu 100 % geeignet. Das aber war keiner, nicht einmal zu 90 %. Aber einer musste es werden. Also habe ich mit dem Aussortieren angefangen. Was nicht von dem Bewerber erklärt wird, legt man automatisch zu seinem Nachteil aus. Es ist einfach so! Mehr als die Hälfte der Bewerbungen waren regelrecht Schrott und haben bei mir nur Kopfschütteln ausgelöst!

Zum Schluss blieben vier Kandidaten übrig, die zum Vorstellungsgespräch geladen wurden. Das waren dann auch automatisch die, die auf die Stellenausschreibung am meisten eingegangen waren und im Anschreiben die meisten „Fragen“ des Inserats beantwortet hatten.

Wer jemals die Chance hat, sich alle Bewerbungen zu einer Stellenausschreibung anzusehen, sollte dies einmal nutzen. Das öffnet einem so richtig die Augen und fördert das Verständnis für den Auswahlprozess.

Antwort:

Danke für den Praxisbericht.

Er unterstreicht meine ständigen Mahnungen und allgemeinen Aussagen zu diesem Thema. Aber selbst für mich mit so vielen Jahren Praxis in diesem Metier gibt es offene Fragen bzw. Verständnislücken:

Von den hier genannten 70 Bewerbungen im obigen Beispiel bleiben 66 ohne Einladung zu einer Vorstellung. Das sind etwa 94 % (vierundneunzig Prozent). Mal ist die Anzahl von Bewerbungen pro Inserat geringer, dann sinkt die Quote der Absagen. Aber von je tausend mit vielen Hoffnungen auf den Weg gebrachten Unterlagen kommen insgesamt sicher 800 als Absage ohne Einladung zum Gespräch zurück (ob es nun 650 oder 900 sind, spielt keine Rolle, unterstellen wir einmal eine 80 %-Quote).

Das müsste doch einen 800-fachen Aufschrei provozieren, der da lautet

WARUM?

Da man sicher mit ein paar tausend Bewer-bern in Deutschland pro Woche rechnen darf, käme an Aufschrei-Energie einiges zusam-men. Theoretisch. In der Praxis jedoch: allen-falls ein leises Säuseln, kein Schrei, keine Nachfrageorgie.

Während jedes verlorene Skat- und erst recht jedes verlorene Fußballspiel bei den Akteu-ren zu minuten- bis tagelangen Diskussionen über die Ursachen einer Niederlage führt, bei der jedes Detail, alle denkbaren Ursachen akribisch hin- und hergewälzt werden, inte-ressieren sich hier die Betroffenen „nicht die Bohne“ für Ursachen.

Beweis: Es gibt in dieser Serie nur höchst selten Einsender, die mir ihre Bewerbung senden und nach den Gründen für die Absa-ge fragen. Diese fallen dem Fachmann meist spontan ins Auge, wenn er die Anzeige und daneben die Unterlagen sieht. Und sehr häu-fig könnte man etwas tun! Etwa durch Opti-mierung der Bewerbungstechnik und/oder die Vermeidung falsch ausgesuchter Zielpositio-nen.

Also erlaube auch ich mir zum Abschluss die-ses Beitrages noch einmal ein lautes WARUM

interessiert das die Empfänger von Absagen nicht? Halten die ihre Niederlagen etwa für gottgewollt? Das sind sie ganz und gar nicht!

Kurzantwort:

Bewerber nehmen offenbar in Kauf, dass z. T. mehr als 90 % ihrer Bewerbungen chancenlos bleiben, ohne nach den Ursachen dafür zu fragen. Dabei wäre vielfach Abhilfe möglich.

Frage-Nr.: 2077
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-08

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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