Heiko Mell

„Wären Sie bereit, jemandem zu kündigen?“

Ich war kürzlich zu einem Bewerbungsgespräch in der Schweiz. Es wurde ein Projektleiter für die weltweite Einführung einer Softwarelösung gesucht. Mitten im Gespräch mit Führungskräften verschiedener Fachabteilungen wurde ich gefragt, ob ich denn bereit wäre, einem Mitarbeiter, der die gewünschte Leistung nicht erbringt, zu kündigen.

Ich antwortete sinngemäß, dass es keine leichte Entscheidung wäre, dass es aber in bestimmten Fällen nötig sein könnte. Seitdem denke ich darüber nach, was der Fragesteller mit dieser Frage erreichen wollte und was die für die ausgeschriebene Stelle angemessene Antwort gewesen wäre (ich habe die Position nicht bekommen).

Einerseits erscheint die Frage profan, da man in der beschriebenen Position sicher auch die Personalverantwortung für das Team übernommen hätte und damit auch für Neueinstellungen und eben auch Entlassungen zuständig gewesen wäre. Erfahrungsgemäß gibt es Mitarbeiter, die für bestimmte Aufgaben nicht geeignet sind. Andererseits ist eine Entlassung, zumindest in Deutschland, wie ein schwarzer Balken im Lebenslauf. So etwas will man eigentlich niemandem antun.

Antwort:

Bevor wir zum Kern vorstoßen, ein paar Randaspekte:

1. Generell wäre es einem Projektleiter in Deutschland gar nicht möglich, einem Mitarbeiter zu kündigen. Schließlich ist er üblicherweise nicht Disziplinarvorgesetzter der Leute im Projekt. Er könnte höchstens bei dem zuständigen Abteilungsleiter des Mitarbeiters vorstellig werden, seine Klagen über die unzureichende Leistung vortragen und die Abberufung aus dem Projekt anregen.

2. Wichtig ist Ihr Hinweis darauf, dass die Frage von der Führungskraft aus einer Fachabteilung gestellt wurde, also nicht von einem Spezialisten des Personalwesens. Diese Fachabteilungsleiter sind Experten ihres Metiers, in Vorstellungsangelegenheiten aber engagierte Laien. Manche von ihnen haben irgendwann einmal etwas gelesen, das sie nun ständig anwenden, andere folgen einfach ihrem Instinkt. Fazit: Hier müssen Sie mit ebenso spontanem wie sicher auch mitunter unüberlegtem Vorgehen im Einzelfall rechnen. Manchmal hat das etwas zu bedeuten, mitunter auch nicht.Es ist durchaus denkbar, dass diese Führungskraft später im Kollegenkreis erzählt: „Immer wenn ich jemanden vor mir habe, der ‚Leiter“ werden will, frage ich ihn, ob …“

3. Aus einer Frage kann man oft heraushören, was der Fragesteller denkt. Die eigene Antwort kann dann geschickt darauf eingehen. Beispiel: „Hat Ihr Studium nicht sehr lange gedauert?“ Das bedeutet: „Für meinen Geschmack war das zu lange.“

Unter gar keinen Umständen lässt sich dieser Fragesteller von Ihnen bekehren, belehren oder sonst wie von seiner Meinung abbringen – wie fast jeder Ranghöhere gegen „Widerworte“ von Rangniederen in der Sache immun ist. Also ist ein eventuelles „Nein, das finde ich nicht; in meinem Jahrgang war ich sogar noch bei den Studenten, die kürzere Zeiten hatten als der Durchschnitt“ sinnlos.

Einziges denkbares Resultat: Der Fragesteller bleibt bei seiner Meinung, ärgert sich jetzt aber zusätzlich über Sie.

Besser wäre gewesen: „Da gebe ich Ihnen absolut Recht. Auch ich hätte heute an jener Stelle im Lebenslauf lieber drei Semester weniger stehen. Damals jedoch lagen bei mir einige Umstände vor, die zu diesem Resultat geführt haben und auf die ich sicher aus heutiger Sicht nicht optimal reagiert habe: …“So, nun zum Kern: Ich glaube, jener Fragesteller wollte zum Ausdruck bringen, dass er Zweifel an Ihrem Durchsetzungsvermögen hat. Für ihn war es völlig offen (vorsichtig gesagt), ob Sie im Ernstfall die erforderliche Härte aufgebracht hätten, Ihr Projekt gegen alle möglichen Widerstände konsequent erfolgreich „ans Laufen“ zu bringen.

Und er hatte damit auch noch Recht! Ihre beiden letzten Sätze innerhalb der „Frage“ zeigen das. Wenn Sie eine derart große Aufgabe übernehmen wollen, dann müssen Sie auch zeigen, dass Sie mit zu erwartenden Widrigkeiten fertig werden.

Eine halbwegs elegante Antwort wäre gewesen: „Für mich hat die erfolgreiche Umsetzung der Aufgabe, mit der ich beauftragt werde, absolute Priorität. Wenn der Erfolg des Projekts durch einen Mitarbeiter gefährdet ist, der die von ihm zu erwartende Leistung dauerhaft nicht bringt, wenn ich mich überzeugt habe, dass dieser Mann alle Informationen und Werkzeuge sowie die Unterstützung hat, die er braucht und wenn ich ihm Gelegenheit gegeben habe, seinen Standpunkt vorzubringen – dann muss ich konsequent handeln und werde auch personelle Maßnahmen nicht scheuen. Man muss dann in Abstimmung mit der Personalabteilung sehen, welche Maßnahme das im Einzelfall sein wird. Versetzung, Abzug aus dem Projekt, Rückstufung auf dem Wege einer Änderungskündigung wären zunächst zu überdenken. Aber im Extremfall würde ich selbstverständlich auch eine Entlassung zur Lösung des Problems einleiten.“ Das klingt hinreichend energisch, dabei aber auch abgewogen und bewahrt Sie vor dem Vorwurf, ein eiskalter „Leute-Entlasser“ zu sein.

Kurzantwort:

Aus kritisch klingenden Fragen im Vorstellungsgespräch kann der Bewerber meist erkennen, was der Fragesteller denkt. Dann gilt es, mehr in die Antwort zu investieren, als ein „Nein, das sehe ich ganz anders als Sie“ – schließlich soll der Arbeitgebervertreter den Bewerber sympathisch finden.

Frage-Nr.: 2076
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-12-02

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