Heiko Mell

Ich suche einen Leitfaden für die „richtigen Fragen“

Ich bin Anfang 40, Dipl.-Ing. Maschinenbau und arbeite im Vertrieb (Handlungsvollmacht) eines international tätigen Konzerns. Ich möchte mich verändern und plane aufgrund meiner Erfahrungen ganz bewusst den Wechsel in ein kleines mittelständisches Unternehmen (bis etwa 100 Mitarbeiter) als Geschäftsbereichsleiter. Ich weiß, dass dort bestimmte Dinge anders geregelt werden.
Erfahrungsgemäß geben sich im Bewerbungsprozess sowohl die Firma als auch der Bewerber immer von der besten Seite, womit es an mir ist, durch bestimmte Fragen einen Eindruck vom Unternehmen zu bekommen. Neben den allgemeinen Hilfsmitteln wie Schufa-Auskunft, Informationen durch Dritte etc. würde ich gern von Ihnen Hilfe erbitten:

1. Welches sind die wichtigsten Fragen, die in einem ersten Gespräch von meiner Seite aus gestellt werden können/sollen/dürfen, um einen optimalen Informationsstand über die Firma zu bekommen?

2. Gibt es bestimmte Themen, die ich auf jeden Fall vermeiden sollte?

3. Ich stelle mir vor, dass es in einem ersten Gespräch zunächst einmal um die persönliche „Chemie“ geht. Ob man die gleiche „Sprache“ spricht und man sich – basierend auf den ersten Eindrücken – vorstellen kann, weitere Gespräche zu führen. Ist dies so?

4. Gibt es eine Art „roten Faden“ für Bewerbungsgespräche um eine Geschäftsbereichsleiterstelle, zugeschnitten auf kleine Betriebe?

Antwort:

Hm! Das ist jetzt nicht vorrangig für Sie, das ist eher für andere, etwas mit der Materie vertraute Leser. Denn die fragen sich nach dem Studium Ihrer Frage: Was macht der Mell jetzt mit dem Thema? Und denen zeige ich, dass ich „hm!“ mache – das beruhigt sie.

Fangen wir vorsichtshalber bei den Grundlagen an:

Ein Oberst der Armee von Luxemburg hat viel mehr Gemeinsamkeiten mit einem Oberst der Bundeswehr als es die Größenverhältnisse der Organisationen vermuten lassen (sofern Luxemburg überhaupt eine Armee hat, worauf es hier nicht ankommt). Natürlich ist in der deutlich kleineren Armee vieles anders – aber auch dort taugt nur zum Oberst, wer sehr nah an das Anforderungsprofil eines Obersten in der großen Organisation herankommt. Deutlich falsch liegt ein bisher nicht weiter beförderter älterer Leutnant der Bundeswehr, wenn er meint, er werde beim Wechsel zu der kleineren Truppe des anderen Landes schon wegen der Größenverhältnisse dort wohl problemlos Oberst werden können.

Ihnen, geehrter Einsender, gefällt das Konzernumfeld nicht mehr und Sie suchen die Lösung in einem gewaltigen Dimensionssprung. Da Ihr heutiger (ich vermute das) Ihr bisher einziger Arbeitgeber ist, haben Sie für diese Erkenntnis mehr als 15 Jahre gebraucht. Das ist recht viel. Handlungsvollmacht ist ja allein noch keine so furchtbar große Karriere, denn von einer herausgehobenen hierarchischen Stellung heute sprechen Sie nicht. Mir wäre wohler, wären Sie heute näher am Geschäftsbereichsleiter dran und würden beispielsweise wegen der schnelleren Entscheidungen, der weniger auf kurzfristige Ergebnisse ausgerichteten Geschäftspolitik oder wegen des Fehlens einer gerade offenen geeigneten Position in Ihrem Umfeld wechseln wollen (wenn Sie also schon Major bei den Deutschen wären und nur wegen eines plötzlichen Beförderungsstaus jetzt nach Alternativ-Armeen suchten).

Auch macht mir der geplante Dimensionswechsel Sorgen – er ist extrem. Üblich und durchaus empfehlenswert ist: fünf Jahre Sachbearbeiter im Konzern mit 100.000 Mitarbeitern, dann fünf Jahre Gruppenleiter im „größeren Unternehmen“ mit etwa 10 – 20.000 Mitarbeitern, dann fünf Jahre Abteilungsleiter beim großen Mittelständler mit etwa 1 – 3.000 Mitarbeitern. Da wären Sie jetzt und stünden vor dem Sprung zum Geschäftsbereichsleiter (oder so) in einem Haus mit mehreren hundert „Leuten“. Und Sie hätten dabei mannigfaltige Erfahrungen mit Bewerbungen und dem Aussuchen des richtigen Partners im Vorstellungsgespräch. Die haben Sie nicht, das merkt an.

Da mir weitere Informationen fehlen, beschränke ich mich auf die allgemeine Warnung: Zwischen Ihrem Konzern und der „bis zu 100 Mitarbeitern“ umfassenden Zielfirma können (und werden) Welten liegen – das ist in Ihrem Alter ein extremer Sprung, gegenüber dem ich sehr skeptisch bin! Mit dem konkreten Ziel, „Geschäftsbereichsleiter“ hat das alles noch gar nichts zu tun – ich hätte auch diese Bedenken, würden Sie in eine Ihrer heutigen vergleichbare Position wechseln.

Zum Vorstellungsgespräch:

a) Als Generalaussage: Es gibt keine vernünftige Möglichkeit, im Vorstellungsgespräch einen wirklich fundierten Informationsstand über den potenziellen neuen Arbeitgeber, über Chefs, Kollegen, Aufgaben, über Risiken, Fallen, Probleme zu bekommen! Da bleibt ein ziemlich großer weißer Fleck auf der von Ihnen zu zeichnenden „Landkarte“ – und Sie können kaum etwas dagegen tun. Man kann, so man das will, Ihnen mühelos einen falschen Eindruck vermitteln, Wichtiges verschweigen, haltlose Versprechungen machen. So, wie Bewerber das ja gelegentlich auch tun.

b) Sie dürfen nie Ihr zentrales Ziel beim ersten Gespräch aus den Augen verlieren: Sie müssen vorrangig einen guten (sympathisch, kompetent) Eindruck machen. Um viel zu erfahren, müssten Sie jedoch – mit ungewissem Ausgang – viel fragen. Während Sie bohrende, z. T. unangenehme Fragen stellen („Ist der Laden eigentlich wirtschaftlich gesund oder droht die Pleite?“), machen Sie keinen guten Eindruck. Im Extremfall wissen Sie am Schluss „alles“, aber Ihre Chancen sind „tot“ – das wäre auch nicht hilfreich.

Konzentrieren Sie sich gerade im ersten Gespräch auf den guten Eindruck, heben Sie sich Fragen dieser Art für spätere Kontakte auf – und leben Sie mit der Erkenntnis, dass heute schon das Verbleiben bei einem Arbeitgeber ein Existenzrisiko bedeuten kann (falls der plötzlich im großen Stil Mitarbeiter abbaut). Es gilt: Kein Geschäft ohne Risiko. Und Sie wollen doch nach dem Wechsel besser dastehen als vorher, also im kommerziellen Sinn ein Geschäft machen. Das systemimmanent damit verbundene Risiko ist nicht unter ein gewisses Niveau zu drücken – wie immer Ihr Fragenkatalog aussieht.

c) Was noch am besten gegen allzu große Fehler schützt, die man bei der Auswahl eines neuen Arbeitgebers und/oder einer neuen Stelle machen kann, ist Erfahrung! Wer so alle fünf bis sieben Jahre dreißig Bewerbungen schreibt, fünf Vorstellungsgespräche absolviert und in fünfzehn Jahren drei ver­schiedene Arbeitgeber intensiv erlebt hat, trennt bei seiner nächsten Aktion leichter und zielsicherer die Spreu vom Weizen, unterliegt weniger der Gefahr, auf ein freundliches Äußeres eines neuen Chefs hereinzufallen – er hat Vergleichsmöglichkeiten.Wenn letztere fehlen, droht Gefahr: Menschen mit deutlich mehr als zehn Dienstjahren beim heutigen Arbeitgeber scheitern überproportional oft in der ersten Firma, die sie sich danach ausgesucht haben. Mangelnde Übung dürfte die Hauptursache sein.

d) Unabhängig von Ihrem Informationsbedürfnis gilt: Man meistert Vorstellungsgespräche um so erfolgreicher, je mehr man hinter sich gebracht hat. Auch hier hilft Erfahrung.

e) Der Bewerber bewirbt sich, der Kandidat im Vorstellungsgespräch stellt sich vor. Der Arbeitgeber entscheidet, wen er einlädt, was im Vorstellungsgespräch behandelt wird und welcher Bewerber letztlich ein Vertragsangebot bekommt. Er ist der deutlich stärkere Partner.

Natürlich könnte ich sagen: Seien Sie froh über jede Absage, erspart sie Ihnen doch eine Einstellung für eine Position, die vermutlich nicht zu Ihnen gepasst hätte. Aber wer will das schon hören? Als allseits anerkanntes Ziel der Aktionen gilt daher: Wer sich schriftlich bewirbt, will eingeladen werden. Wer zum Gespräch dort war, will ein Vertragsangebot bekommen, über dessen Annahme er dann entscheiden kann.Es geht im ersten Vorstellungsgespräch also nicht so sehr um die ausgetüftelten Fragen, die ein Bewerber stellen könnte – es geht vorrangig darum, dass er als Person überzeugt. Schafft er diese Hürde nicht, hat sich alles andere „von selbst“ erledigt.

Zu Ihren konkreten Fragen:

Zu 1: Ihr vorrangiges Ziel im ersten Gespräch muss der gute Eindruck sein, damit man Sie überhaupt haben will. Ist das erreicht, können Sie im zweiten Gespräch (in dem Ihre Position deutlich stärker ist) etwa Fragen stellen nach:

– wirtschaftlicher Situation der Firma (u. a. Umsatz- und Ertragsentwicklung in jüngerer Zeit),

– kompletter Strukturorganisation der (kleinen) Firma mit Zusatzfragen zu Alter, Ausbildung und Dienstzeit künftiger Kollegen,

– Struktur der unterstellten organisatorischen Einheit mit Details zu den wichtigsten Personen,- Bezeichnung, hierarchische Einstufung, Aufgaben und Kompetenzen der zu besetzenden Position; genaue Darstellung der zu erreichenden Ziele bzw. der Erwartungen des/der Vorgesetzten; „Historie“ der bisherigen Besetzung(en) dieser Position; wer saß in den letzten Jahren wie lange auf genau dieser Stelle, warum fanden Wechsel statt (falls …), warum ist die Position jetzt frei,

– Vorsicht, heikel, aber Sie sollten so viel wie möglich über die Person des Chefs erfahren: Alter, Ausbildung, Werdegang, wie lange bei der Firma, wie lange auf dem Job.

Das ist schon ein maximaler Katalog, den Sie behut- und einfühlsam handhaben müssen. Man wird Ihnen eingangs etwas über die Firma und die Position erzählen. Hören Sie dort aufmerksam zu und stellen Sie geeignete/passende Fragen schon dort, auch als Zeichen Ihres Interesses – aber lassen Sie stets den Arbeitgebervertreter das Gespräch führen.

 

Zu 2: Das wäre ein schier uferloser Katalog. Behandeln Sie Ihren Gesprächspartner so, wie Sie heute in Ihrer Firma den Chef Ihres Chefs behandeln würden – den würden Sie auch manches lieber nicht fragen.Stellen Sie keine Fragen, die Ihre eventuellen Zweifel an Ihrer Person oder Qualifikation erkennen lassen („Warum haben Sie gerade mich ausgewählt?“).

 

Zu 3: Man kennt aus der schriftlichen Bewerbung Ihre Fachqualifikation – und will jetzt vor allem Ihre Persönlichkeit kennen lernen sowie bisher offen gebliebene Fragen klären. Der Arbeitgebervertreter denkt nie(!), man müsse jetzt sehen, „ob wir zueinander passen“, er denkt stets, es gehe um die Klärung der Frage, „ob Sie zu uns passen“. Seine Haltung: Der Bewerber hat sich um den Job beworben, jetzt entscheiden wir, ob er ihn bekommt. Dass auch er beim Bewerber „durchfallen“ kann, weiß er irgendwie, er verdrängt es aber. Er spielt jetzt schon die Rolle Ihres späteren Chefs.

 

Zu 4: Nicht dass ich wüsste. Haben Sie einmal überlegt, wie viele Leitfäden da so in unserer Wirtschaft zusammenkämen?

Kurzantwort:

In der Marktwirtschaft gilt: Je größer das Geschäft, desto höher das Risiko. Und der Bewerber, der eine neue Position auf höherer Verantwortungsebene sucht, will ein ziemlich gutes Geschäft machen!

Frage-Nr.: 2051
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 35
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-09-02

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