Heiko Mell

Was tun mit Nischen-Qualifikation?

In meinem Fall handelt es sich um mathematisches Ingenieurwesen. Neben den mathematischen Grundlagen habe ich gelernt, wie man mit diesen Methoden Produktionsprobleme beschreiben und optimieren kann. Als englisches Äquivalent wird der Terminus „Operations Research“ angewendet, im deutschen Sprachraum könnte man es mit „System Engineering“ vergleichen.

Zu meiner zweiten Qualifikation gehört Softwareingenieurwesen. Ich habe zwei Praktika in diesem Bereich absolviert. Diese zweite Spezialisierung ist notwendig, weil die Aufgaben durch die Anwendung und Anpassung verschiedener Softwaretools gelöst werden.

Ich war danach drei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Dort habe ich diese Methoden bei logistischen Fragestellungen angewendet. Die Dissertation würde ich gern nebenberuflich beenden. Mir ist bewusst, dass praktische Erfahrungen jetzt Priorität haben.

Zwar sind diese Methoden für die Unternehmen von großer Relevanz, solche Stellen werden aber selten ausgeschrieben. Deshalb bewerbe ich mich meistens initiativ. Weil es sich um einen interdisziplinären Sachverhalt handelt, ist man schwer einer konkreten Abteilung zuzuordnen.

Können Sie mir Ratschläge geben?

Antwort:

Wenn man das so liest, fühlt man erst einmal mit Ihnen. Da wird jemand anspruchsvoll und kompliziert ausgebildet – und dann braucht das niemand. Warum wird das denn überhaupt angeboten, fragt man sich und: Was haben „die“ sich dabei gedacht?

Die Frage relativiert sich, wenn man ein paar Details kennt, die aus Ihrem Brief nicht hervorgehen (aber aus den Anlagen): Sie sind in Tschechien geboren, Sie haben dort das Abitur gemacht und studiert, sind Ingenieur für quantitative Methoden (Master’s Degree) einer „Ökonomischen Universität“ jenes Landes.

Ihr Problem ist relativ schwer verständlich, wenn Sie es wie in Ihrem Brief schildern. Es wird absolut klar, wenn Sie schreiben: „Ich bin in einem Land des ehemaligen Ostblocks geboren, habe dort mein Abitur gemacht und studiert. Dabei hatte ich die Ausbildung zum dort angebotenen ‚Ingenieur für …’ gewählt.“

Ach so, irgendetwas Spezielles nach dem Standard einer ausländischen Universität. Jetzt versteht man das Problem – sucht aber nicht mehr nach einer sich spontan aufdrängenden Lösung für Ihren Einsatz, die es doch geben muss. Muss es nicht! Es gibt keinerlei logischen Zwang, dass etwas, das sich der tschechische Kultusminister ausdenkt, auf dem Arbeitsmarkt in einem anderen Land mit anderer Tradition gebraucht wird. Kann sein, kann auch nicht sein. Das also ist ein ganz anderes Thema! Ihr Begriff der Nischen-Qualifikation ist ja nicht falsch, aber eben auch nicht richtig (in den Augen eines deutschen Lesers Ihrer Bewerbung). Eine „an einer ausländischen Universität erworbene, hier in dieser Form eher seltene Spezial-Qualifikation“ träfe es eher.

Damit ist Ihr Problem noch nicht gelöst, wird jetzt aber vom Entscheider z. B. anlässlich einer Bewerbung entspannt betrachtet.

Übrigens: Der von Ihnen ins Feld gebrachte Begriff „Operations Research“ muss in Deutschland überhaupt nicht schüchtern erklärt werden. Er entstand – mit leicht unterschiedlichen Namen – in England und in den USA, als dort im 2. Weltkrieg militärische Operationen geplant wurden und ist seit den Achtzigerjahren (alberne Rechtschreibung, die wir haben) auch in Deutschland heimisch. Ich erinnere mich, dass der Begriff um 1963 in meinem Studium auftauchte. Er war also schon damals allgemein bekannt, nur schwer präzise zu definieren. Das scheint so geblieben zu sein …

Kommen wir zu Ihrem Promotionsvorhaben, das Sie „nebenberuflich beenden“ möchten. Das ist für einen Arbeitgeber, wie Sie ihn jetzt suchen, nicht besonders interessant! Gehen doch hohe zweistellige Prozentwerte Ihres Leistungsvermögens von dem ab, was sonst „die Firma“ von Ihnen bekommt. Das Projekt reduziert Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erheblich, zumindest müssen Sie damit rechnen.

Sie sprechen von absolvierten „drei Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter“. Das war lt. Lebenslauf der Lehrstuhl einer deutschen Universität, also gibt es auch ein deutsches Zeugnis aus diesem vor einigen Monaten beendeten Arbeitsverhältnis: Das Dokument spricht von drei Jahren Ihrer Tätigkeit, es ist dabei weder von einer Befristung, noch von irgendeinem anderweitig bedingten Ende dieses Verhältnisses die Rede; die Beschäftigung hört einfach auf, das ist schon einmal kritisch. Dann ist die so wichtige Beurteilung über Ihren ersten „richtigen“, längeren Einsatz in diesem Land kurz und dünn. Über rein beschreibende sachliche Elemente hinaus kommt eine Wertung eigentlich nur in einem Satz vor, und dort heißt es sinngemäß „befriedigend“.

Ach ja, „gegenüber Kollegen und Studenten war er aufmerksam“, heißt es; vom adäquaten Verhalten gegenüber dem Professor und Institutsleiter steht nichts. Und bei den Wünschen für die Zukunft kommt die private Seite zuerst, dann folgt die berufliche. Das muss nichts bedeuten – wird aber oft so interpretiert, dass Sie vorwiegend im persönlichen Bereich Probleme hatten.

Fazit: Sie haben an einer Universität in einem Land des ehemaligen Ostblocks eine sehr spezielle Ausbildung erfahren, wie man sie hier eher selten sieht. Ein angefangenes Promotionsvorhaben hängt nach etwa der Hälfte der Zeit in der Luft, das einzig relevante Zeugnis aus Deutschland ist auffallend „dünn“ und nichtssagend, eher schlecht als gut. Man erfährt noch nicht einmal, warum die Beschäftigung an dem Uni-Institut beendet wurde. Jetzt suchen Sie den Einstieg in die Praxis und wollen gleichzeitig nebenberuflich promovieren.

Beides ist für sich gesehen gleichermaßen schwierig, in der Kombination addieren sich die Probleme nicht, sie multiplizieren sich.

Ich würde mich auf eines der Ziele konzentrieren und das andere (vorläufig) zurückstellen. Geben Sie beispielsweise das Promotionsvorhaben auf, erklären Sie es für gescheitert und suchen Sie den Einstieg in die Praxis – wobei Sie flexibel sein sollten, auch Jobs außerhalb Ihrer engen Spezialisierung anzunehmen. Das erweitert Ihr Einsatzspektrum und beruhigt potenzielle Arbeitgeber. Oder Sie kämpfen um Ihre Promotion und jobben nebenbei, bis Sie es geschafft haben. Aber dann müssen Sie doch wieder um den Einstieg in die Praxis bangen – und ob es für die dann auf die Spitze getriebene Spezialisierung einen (Arbeits-)Markt gibt, ist völlig offen.

Bitte seien Sie vorsichtig: Wenn mein Verdacht stimmt und Sie mit dem ersten richtigen deutschen Chef, dem Universitätsprofessor und Institutsleiter, nicht besonders gut ausgekommen sind, droht das beim ersten betrieblichen Vorgesetzten erneut!

Übrigens: Vielleicht kann eine der großen Unternehmensberatungen mit Ihrer speziellen Ausrichtung (gemeint ist das Studium, weniger das Promotionsprojekt) etwas anfangen. Aber auf nebenberufliche Dissertationsvorhaben wird man dort auch nicht begeisterter reagieren als in der Industrie.

PS. Sie hängen Ihrer Bewerbung ein fürchterlich aussehendes zusätzliches Blatt an, das Sie „Mein Profil“ nennen und auf dem in vier mit Pfeilen aufeinander zielenden Ellipsen und in zwei zusätzlichen Textblöcken „alles“ über Sie steht – vom Führerschein über die Beherrschung mathematischer Kodierungstheorien, die Kenntnis von SAP bis zur Buchhaltung. Lassen Sie das ersatzlos weg; niemand liest das, niemand will das.

Kurzantwort:

Es ist ein Risiko, eine hochspezielle Ausbildung aus dem Land A im Land B erfolgreich vermarkten zu wollen. Mit Standard-Studiengängen (Maschinenbau, Elektrotechnik) dürfte das wesentlich leichter sein.

Frage-Nr.: 2049
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 33
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-08-18

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