Heiko Mell

Wenn der Rest nicht hält, was der Anfang versprach

Wie bewerbe ich mich auf Anzeigen, die nicht meinem beruflichen Werdegang entsprechen, aber in gewisser Hinsicht „artverwandt“ sind? Alle Bewerbungsratgeber gehen mehr oder minder nur auf den Fall ein, dass Stellenanzeigen mit meinem Qualifikationsprofil deckungsgleich sind, solche Anzeigen sind allerdings extrem selten.

Mir geht es um eine Position, bei der ich von der Materie selbst keine Vorkenntnisse habe. Aber ich will rüberbringen, dass ich der richtige Mann bin. Alle Unterlagen sind beigefügt.

Antwort:

Fangen wir einmal mit einer Kleinigkeit an, die jedoch zum Verständnis des Gesamtzusammenhanges sehr wichtig ist: Sie können nicht rüberbringen, dass Sie der richtige Mann sind! „Richtig“ unterliegt der Wertung des Bewerbungsempfängers. Und der will etwas, das Sie – wie Sie schreiben – nicht bieten können. Also sind Sie nicht der „richtige“ Mann – Sie dürfen allenfalls glauben, dennoch für ihn interessant zu sein. Aber verschleißen Sie Ihre Kräfte nicht bei dem Versuch, etwas zu beweisen, was gar nicht bewiesen werden kann. Argumentieren, sich dennoch für die Position empfehlen, anderweitige Vorteile herausstellen, um den Job kämpfen, das alles dürfen Sie.

Kommen wir zu den Bewerbungsratgebern: Die haben völlig Recht mit ihren Beispielen, denn: Ein Wechsel der beruflichen Tätigkeitsrichtung ist, nachdem man einmal angefangen hat, äußerst schwierig. Er ist extrem schwierig anlässlich einer externen Bewerbung. Wenn, dann ist er innerhalb eines Unternehmens schon einfacher. Dort ist man als Person bekannt und gilt wenigstens in diesem Bereich nicht mehr als Risiko. Der Empfänger einer externen Bewerbung hingegen müsste zwei Risiken tragen: Sie könnten im persönlichen Bereich versagen und fachlich die (neue, ungewohnte) Aufgabe nicht packen!

Das ist in anderen Bereichen des Lebens doch ähnlich: Wer jahrelang „auf Boxer“ trainiert hat, tut sich äußerst schwer, plötzlich auf die Disziplin 100 m-Lauf umzusteigen. Besser beraten ist stets, wer von Anfang an wusste, was er wollte und das dann konsequent durchzieht.

Nun zu Ihnen: Sie sind 37, Dipl.-Ing. (TU), Abschluss mit befriedigend. Das war mit 25, inzwischen haben Sie zwölf Jahre Praxis. Und Sie sind arbeitslos.

Zu den Auffälligkeiten Ihres bisherigen Werdeganges: Zunächst durchzieht eine ostdeutsche Großstadt Ihren Lebenslauf, etwa wie die Periode Maria Theresias die Geschichte Österreichs (ein alter Schülerwitz). Sie sind in deren Nähe aufgewachsen, haben dort studiert und immer nur dort gearbeitet. Das ist nicht nur schlecht, wenn Sie eines Tages Flexibilität und Mobilität unter Beweis stellen müssen – es hat auch die Auswahl zu Ihnen passender Positionen in unverantwortlicher Weise eingeengt. Niemand auf akademischer Ebene darf hoffen, eine ideal zu ihm passende Position zu finden, wenn er immer nur im Umfeld seines Kirchturmes sucht.

Ich habe dafür früher einmal den Begriff „Postleitzahlensyndrom“ geprägt. Daran leidet, wer sein Leben lang Postleitzahlen im Lebenslauf und in den Zeugnissen aufzuweisen hat, deren erste zwei Stellen identisch sind. Und nun verzichten Sie bitte auf den Einwand, das träfe bei Ihnen nicht zu, weil sich durch die Wiedervereinigung Ihre Postleitzahl ja schon entscheidend geändert hätte.

Auffällig ist auch, dass Sie ein sehr gutes Abitur, noch dazu eines mit spezieller mathematisch-technischer Ausrichtung, haben, aber beim TU-Studium dieses Niveau nicht halten konnten.

Anmerkung: Sie haben eines jener typischen DDR-Abiture, auf deren Zeugnis eine längere verbale Beurteilung steht, die zu Fragen des Charakters ebenso Stellung nimmt wie zur Linientreue in Sachen Klassenkampf und so. Was da bei Ihnen steht, würde ich heute auch nicht gern herumzeigen. Aber Ihre Idee, das Blatt so selektiv zu fotokopieren, dass an jener Stelle ein weißer Fleck zu sehen ist, geht auch nicht! Das ist – laienhaft beurteilt – eine Art Urkundenfälschung; davon ist dringend abzuraten.

Lassen Sie schlicht das ganze Abitur weg. Das hat in Ihrem Fall folgende Vorteile: niemand liest, wozu Sie heute nicht mehr stehen möchten, niemand erkennt den Abfall von der Abitur- zur Examensnote. Und ein TU-Mann, so unterstellt der Leser, muss ein Abitur gehabt haben, sonst hätte man ihn gar nicht zu diesem Studium zugelassen.

Sie haben dann nach der „Wende“ in der örtlichen Niederlassung eines hochrenommierten Industrieunternehmens der Branche A ein Traineeprogramm absolviert und waren anschließend zehn Jahre dort als Vertriebsingenieur im Innendienst tätig. Das Zeugnis ist gut, aber man hat Sie entlassen (betriebsbedingte Gründe). Ein bisschen auffällig ist die Formulierung: „Er … vertrat konsequent seine Meinung, war aber auch bereit, andere mehrheitlich gefasste Lösungen zu akzeptieren.“ Was nichts Gutes verheißt für Ihren Chef, wenn der allein mit Ihnen sprach und nur auf seinen Willen, nicht jedoch auf eine Mehrheitsbeschlusslage verweisen konnte …

Ach ja, schon in der verbalen Beurteilung im Abitur schrieb Ihr Klassenlehrer: „Es fiel ihm nicht immer leicht, … seine Gedanken in die angemessene sprachliche Form umzusetzen.“ So, so.

Dann folgt die zweite und bisher letzte berufliche Phase, die vor einigen Monaten zu Ende gegangen ist: Vertriebsingenieur, wieder Branche A, diesmal allerdings im Handel; technische Kundenberatung, Ausscheiden am Ende der Probezeit. Arbeitgeberseitige Entlassung, keine Angaben zu Gründen.

Fazit bis dahin: gute Ausbildung (die schwächeren Noten sind im Vertrieb ohne größere Bedeutung), langjährige Praxis im Vertriebs­innendienst der Branche A, danach ein Flop. Allerdings: zwei Anstellungen, zwei arbeitgeberseitige Entlassungen. Und: Zähmen Sie Ihre Zunge, vertreten Sie Ihre Meinung etwas weniger konsequent, suchen Sie intensiver nach der „angemessenen sprachlichen Form“.

Jetzt zum Vorhaben: Sie streben die Position eines Vertriebsingenieurs (Innendienst) an, allerdings nicht Branche A, sondern C; gesucht wird ein Maschinenbauer, Sie sind E-Techniker.

Die Differenz zwischen den Branchen A und C halte ich für überwindbar, entscheidend sind Ihre zehn Jahre Praxis im Vertriebsinnendienst.

Ein Problem, das Ihnen noch gar nicht aufgefallen ist: es droht Überqualifikation! Die Ausschreibung verlangt „2- bis 3-jährige Berufspraxis im Vertrieb“. Sie haben ein Mehrfaches davon! Das hat Auswirkungen auf das Alter (Sie liegen deutlich über dem Ideal) und auch auf das Geld (in Ihren zwölf Jahren Praxis sind Sie automatisch teurer geworden als Sie es mit zwei oder drei Jahren gewesen wären). Außerdem würde, so steht dort, ein FH-Abschluss reichen.Versuch einer Beurteilung bis dahin: Sie sind ein intelligenter Mensch mit guten Begabungsansätzen (Abitur), die Sie jedoch nicht ausnutzen. Für diesen Eindruck stehen die verbale Abitur-Beurteilung, der Leistungsabfall im Studium, die endlos lange gleichbleibende Tätigkeit ohne Beförderung und Ihr jetziger Einstiegsversuch mit deutlich über dem Anforderungsniveau liegender Qualifikation. Solche Menschen machen ihren Job „mit links“ und nerven ihre Vorgesetzten, da sie bei hoher Intelligenz ständig unterfordert sind!

Man braucht keine speziell mathematisch ausgerichtete Oberschule, die man mit sehr gutem Ergebnis absolviert, um später „als Techniker in unserer …abteilung beschäftigt“ zu sein (O-Ton letztes Zeugnis). Und wer geistig nicht ausgelastet ist, produziert „Geräusche“ – wie ein Porsche-Motor in einem VW Polo, mit dem eine Hausfrau ausschließlich einkaufen fährt. Der heult fast wie im Leerlauf.

Bei der Gelegenheit: Ich rate dringend, Ihre etwas „einfach“ klingende E-Mail-Adresse auszutauschen.

Zu Ihrem Anschreiben: Sie beginnen mit „ich“, das gilt als Stilfehler. Sie schreiben über Ihre langjährige Tätigkeit im Vertrieb und fügen an: „Meine Kernkompetenzen liegen folglich im kommunikativen Bereich …“ Das ist nicht logisch. Aus langanhaltendem Tun allein ergibt sich ausschließlich Erfahrung, nichts sonst. Lassen Sie „folglich“ weg, dann stimmt alles.

Etwas später schreiben Sie, in Ihrer bisherigen Tätigkeit „lag mein Fokus … auf weichen Entscheidungskriterien wie Zufriedenheit, Sympathie und Engagement“. Lassen Sie den etwas angestrengt klingenden „Fokus“ weg, vor allem aber die „weichen Kriterien“. Beispiel: „Für mich im Vordergrund standen Ziele wie Kundenzufriedenheit, Aufbau von Sympathie und die Demonstration von überdurchschnittlichem Engagement.“

Dann formulieren Sie in Ihrem Anschreiben: „Als Vertriebsprofi und Diplomingenieur bin ich natürlich in der Lage, mich schnell in das Produktportfolio Ihrer Gesellschaft einzuarbeiten. Basis dafür ist meine technische Ausbildung an der Mathematikspezialschule … und der TU …“ Natürlich – allein darin steckt die Grundlage für ein halbes Persönlichkeitsgutachten. Aber zum Glück bin ich ja nur Ingenieur. Ich würde bei dem Werdegang, bei dem Examen und bei dem jetzt angestrebten Job diese spezielle Schule ganz weglassen – für das, was Sie gemacht haben und machen wollen, reicht ein ganz normales Abitur völlig aus. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, hoffe es aber Sie sagen etwa: „Ich ging ins Studium mit einer fantastischen Grundlage, seht euch das nur an.“ Und dann sieht man und dann steht da im Examen „befriedigend“. Schweigen wir lieber darüber.

Am Schluss rühmen Sie sich noch „langjähriger Erfahrungen im Umgang mit Entscheidungsträgern mittelständischer Unternehmen im gesamten Bundesland …“ Gefordert waren „sehr gute Englischkenntnisse“ (die Sie anderweitig bestätigen). Das klingt nicht nach Beschränkung auf ein Bundesland. Außerdem wechseln Sie die Branche, da nützen Ihnen die Kontakte von früher nichts mehr. Lassen Sie das „Bundesland“ weg, dann ist wieder alles in Ordnung.

Wichtiger aber ist, was fehlt: Es gibt kein Wort Ihrerseits zu dem unrühmlichen Ende der Tätigkeit zum Ende der Probezeit im letzten Job, kein Wort dazu, was diese Anstellung im Handel überhaupt sollte. Kein Wort zum Grund für den angestrebten Branchenwechsel. Und kein Wort zum Geld, wo man doch nur zwei Jahre Praxis haben wollte und nun zwölf bezahlen soll.

Ich halte Ihr Problem „Branchenwechsel und falsche Studienqualifikation“ für absolut lösbar, da ja Ihre langjährige Tätigkeitsausrichtung passt. Nur Ihren Lösungsansatz halte ich für falsch. Ich hätte z. B. geschrieben (auf die Anzeige ausgerichtet):

„…, die von Ihnen ausgeschriebene Position spricht mich in ganz besonderem Maße an.

Ich bin Diplomingenieur und bringe fundierte Erfahrungen aus dem Vertriebsinnendienst eines namhaften Unternehmens mit. Auch dort standen anspruchsvolle technische Produkte und kundenbezogene Problemlösungen im Mittelpunkt. Die von Ihnen in der Ausschreibung aufgeführten Angebotsausarbeitungen sind mir ebenso vertraut wie Produktpräsentationen oder Projektberatungen bei Kunden. Ich habe ebenso auf Messen gearbeitet wie zusätzliche Erfahrungen in der Akquisition gesammelt und bin auch damit vertraut, Auftragsdurchführungen zu begleiten.

Leider sah sich mein langjähriger Arbeitgeber gezwungen, aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus Personal abzubauen. Bei der üblichen Sozialauswahl gehörte ich zu den Betroffenen. Unter dem Zeitdruck, der sich dann ergab, hatte ich eine Anstellung in einem völlig anders ausgerichteten Unternehmen angenommen. In diesem Großhandel konnte ich meine technische Basis nicht ausreichend zum Tragen bringen, entscheidend waren dort im Vertrieb überwiegend nur Preise und Konditionen. Kurz vor Ende der Probezeit kamen wir überein, die Beschäftigung nicht fortzusetzen. Ich unterschätze den kritischen Eindruck einer nun erforderlichen Bewerbung aus arbeitsloser Situation keineswegs, kann mich jetzt aber voll darauf konzentrieren, meinen seinerzeitigen Fehler zu korrigieren.

Ich strebe wieder in mein vertrautes Umfeld Vertriebsinnendienst, suche dabei aber gezielt den Einstieg in ein anspruchsvolles technisches Umfeld.

Selbstverständlich muss ich mich in die neue Branche intensiv einarbeiten. Dazu bin ich gerne bereit. Ich bin sicher, Sie auch schon in dieser Phase mit meinem Engagement zu überzeugen. Es motiviert mich zusätzlich, von Ihrer hochwertigen Technik gefordert zu werden.

Mein Einkommen bei meinem langjährigen Arbeitgeber betrug zuletzt …EUR, für mich entscheidet ist jedoch die Aufgabe. Ich bin sicher, dass wir hier im Rahmen Ihrer Vorstellungen eine Lösung finden werden.“

Es gibt keine Garantie, dass es auf diese Weise klappt, aber ich bin sicher, Sie wären damit näher dran am Ziel.

Kurzantwort:

Es ist nicht ungefährlich, am Beginn des beruflich relevanten Weges geistige Fähigkeiten gezeigt zu haben, denen spätere Resultate nicht mehr gerecht wurden. Es klingt immer so, als habe man sich für einen „leichten Weg“ entscheiden – das passt nicht optimal in die Leistungsgesellschaft.

Frage-Nr.: 2041
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-07-28

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