Heiko Mell

Noch immer arbeitslos

Mit inzwischen bereits 300 Bewerbungen, die ich nach meinem Studium geschrieben habe, versuche ich, eine feste Anstellung zu finden.

Ich habe ein Auslandssemester absolviert (USA) und mein Studium in zehn Semestern beendet. Mit diszipliniertem und ergebnis­orientiertem Vorgehen habe ich es letztendlich geschafft (2,6). Ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich zehn Stunden in der Bibliothek saß.

Acht Monate nach Studienende hatte ich immerhin einen Praktikantenplatz für sechs Monate bekommen. Dann gab es eine feste Stelle bei einem anderen Unternehmen, die ich aber nach Ablauf der Befristung (6 Monate) wieder verlor. Sie wollten dort jemanden, dem man als Jungingenieur nach sechs Monaten ein selbstständig abzuwickelndes Projekt geben kann.

Ich bin seit Ende 2003 fertig mit dem Studium. Seitdem wechseln sich Arbeitslosigkeit, fachfremde Tätigkeiten, ein Praktikum, die beschriebene erste Anstellung und erneute Arbeitslosigkeit ab.

Während meiner arbeitslosen Zeit hatte ich immerhin sechs Vorstellungsgespräche. Zumeist war dort das Fachliche der ausschlaggebende Punkt. Da ich wenig Praxiserfahrung vorweisen kann und das Studium zu trocken war („bestehe die Klausuren und alles wird gut“), sah ich in diesen Gesprächen meist gar nicht gut aus.

Ich bin frustriert, nachdem ich an einer renommierten Fachhochschule studiert habe, Auslandserfahrung vorweisen kann, aber keine Stelle bekomme. Die bundesweiten Bewerbungen habe ich ganz eingestellt, da ich damit schlechte Erfahrungen gemacht habe.

Können Sie mir einen Rat geben, was mache ich falsch?

Antwort:

Mehr Informationen über Sie habe ich nicht, also auf dieser unvollkommenen Basis:

Ja, ich habe einen Rat für Sie, sogar zwei:

Was man hier als „Frage“ lesen kann, ist komplett von mir so umgeschrieben worden. Weil das Original sprachlich in einem wirklich extrem schlechten Zustand ist. Da der Mensch sich beim Schreiben mehr Mühe gibt und da beim – schluderigen – Sprechen auch noch bestimmte Prägungen (Akzent) stärker durchschlagen, ist die Vermutung erlaubt: Ihre Deutschkenntnisse sind auf einem Stand, der sich in Vorstellungsgesprächen wie im Arbeitsalltag als äußerst hinderlich erweist! Sehr hinderlich für einen Akademiker mit Studium in D, dem man in Kürze „ein selbstständig abzuwickelndes Projekt übergeben“ wollte. Das nun kann man nicht; Sie können weder ein Ergebnis angemessen präsentieren, noch einen les- und verwertbaren schriftlichen Bericht abfassen, noch kann man Sie auf Kunden „loslassen“.

Ihrem Namen nach haben Sie einen ausländischen Hintergrund und der Sprache nach eine Prägung durch ein fernes Land und einen ebenso fernen Kulturkreis. Ich weiß nicht, wann Sie nach Deutschland gekommen sind. Vielleicht ist Ihre Leistung im Erlernen der Sprache relativ zur Ausgangssituation gesehen bewundernswert. Aber absolut gesehen reicht die erworbene Qualifikation nicht aus.

Verstehen Sie mich bitte richtig: Es liegt mir fern, Sie zu kritisieren. Aber im Berufsleben zählen Fakten, Fähigkeiten und Kenntnisse, keine Erklärungen für das Fehlen von Qualifikationen. Zusätzlich kann es sein, dass Sie vielleicht auch mit der deutschen Mentalität nicht optimal vertraut sind und entsprechende Verständnis- oder Verhaltensfehler im Vorstellungsgespräch bzw. im Arbeitsalltag begehen oder abschreckende Formulierungen im Anschreiben verwenden, zu hohe Ansprüche stellen.

Sie können hier nicht erkannt werden, Ihr Name wird nicht genannt. Es ist also sicher glaubhaft, wenn ich Ihnen versichere, Sie keinesfalls bloßstellen zu wollen. Aber die anderen Leser müssen sehen können, worauf ich meine Aussage gründe. Also zitiere ich den ersten Satz Ihres Originals: „Mit bereits über 300 Bewerbungen, wo ich nach meinem Studium geschrieben habe, versuche ich noch am Markt meine Möglichkeiten für eine feste Einstellung zu finden.“

Also mein Rat Nr. 1: Sie müssen die deutsche Sprache üben, üben, üben. Sie sollten sie auch im Privatbereich ständig sprechen. Lesen hilft, lesen Sie viel. Lesen Sie deutsche Texte laut vor sich hin, dann prägen sich Wörter im richtigen Zusammenhang ein. Zwei bis drei Stunden täglich wären hilfreich. Sie müssen instinktiv wissen, dass es Kombinationen wie „…Bewerbungen, wo ich geschrieben habe“ in der deutschen Sprache nicht gibt und dass der Rest Ihres Satzes eine Aneinanderreihung überwiegend richtig geschriebener Begriffe in einer nicht akzeptablen Form darstellt.

Wie schon gesagt: Im Hinblick auf Ihren Lebenslauf kann Ihre Leistung relativ gesehen toll sein, das Resultat reicht aber für die Berufsausübung eines Akademikers nicht.

Dazu gehört auch der Rat: Schreiben Sie keine Bewerbung, die nicht ein sprachkundiger Deutscher durchgesehen hat!

Es geht hier nicht einmal ansatzweise um die politisch unkorrekte Beurteilung von Menschen mit ausländischem Hintergrund. Aber ich lese in Ihrer Analyse auch nicht die leiseste Andeutung einer Selbstkritik in der entsprechenden Richtung, vielleicht sogar ist Ihnen dieser Aspekt noch gar nicht bewusst. Aber ich versichere Ihnen: Den Lesern Ihrer Bewerbung, den Partnern im Vorstellungsgespräch, späteren Vorgesetzten und Kollegen bleibt diese Unzulänglichkeit keine Minute lang verborgen. Und Sie kritisieren Ihre FH wegen zu wenig Praxisbezug, dann darf ich auch Kritikfähigkeit in eigener Sache erwarten. Persönlichkeit ist bei Angestellten sehr wichtig, die Sprache ist ein wesentlicher Teil davon.

Mein Rat Nr. 2: Seit fast drei Jahren haben Sie Ihr Studium abgeschlossen. Bisher liegen keine verwertbaren beruflichen Tätigkeiten vor. Die kurzen abwechselnden Phasen unterschiedlicher Art ergeben ein äußerst negatives Bild. Auf dieser Grundlage sollten Sie den Versuch aufgeben, eine Festanstellung als Ingenieur zu erreichen. Die zu erwartenden Resultate frustrieren Sie nur weiter.

Was Sie brauchen, ist zunächst einmal der Beweis, sich überhaupt erfolgreich und dauerhaft in den deutschen Arbeitsprozess integrieren zu können. Versuchen Sie, in einem möglichst großen Unternehmen z. B. als Mitarbeiter in der Produktion oder im Lager (also unterhalb der Ingenieurebene) unterzukommen und bewähren Sie sich dort. Nach einiger Zeit – gute, ja sehr gute Leistungen bei vorbildlicher Einsatzbereitschaft vorausgesetzt – können Sie dann versuchen, sich langsam nach oben zu arbeiten.

Sie könnten auch versuchen, bei einem Arbeitnehmer-Überlassungsunternehmen unterzukommen. Aber ob die nach Lage der Dinge an Ihnen als Ingenieur interessiert sind, weiß ich nicht. Auch für diesen Weg gilt das Prinzip: Sie müssen sich jetzt erst einmal erfolgreich im Arbeitsprozess bewähren, um die fast dreijährige Misere ganz, ganz langsam auszugleichen.

PS. Sie müssen meine Ratschläge natürlich nicht befolgen, aber sie sind nach bestem Wissen formuliert worden.

Kurzantwort:

Wenn ein Jahr nach Studienende noch keine adäquate Anstellung gefunden werden konnte, sind weitere Versuche dieser Art praktisch sinnlos. Um überhaupt im Arbeitsprozess Fuß zu fassen, ist dann auch an Beschäftigungen auf tieferen Qualifikationsebenen zu denken.

Frage-Nr.: 2033
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-06-30

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