Heiko Mell

Unlogik im Unterlagen-Aufbau?

Einerseits wird von Ihnen empfohlen, den Lebenslauf nicht in der „amerikanischen“ Form aufzubauen. Dies macht aufgrund der von Ihnen genannten Argumente bei Bewerbungen in Deutschland sicherlich Sinn.

Andererseits raten Sie, im Bewerbungsordner die Dokumente umgekehrt chronologisch abzuheften (also das älteste Dokument hinten und die jüngeren Dokumente vorne).

Habe ich Sie bei einem Ihrer wenigen Fehler ertappt oder handelt es sich um eine der vielen Unwägbarkeiten bei der Bewerberauswahl?

Antwort:

Ich darf zunächst die Chance nutzen, für den „einzig wahren“ Lebenslauf zu plädieren, nämlich für den mit der Geburt beginnenden und mit dem derzeitigen Status endenden. Der „Lauf des Lebens“ beginnt vorn und endet hinten – nicht umgekehrt. Wer anderes will, muss das Ding auch anders nennen.

Hauptargument aber sind die teilweise begeisterten Reaktionen, die Bewerber erfahren, wenn sie mit der klassischen (chronologischen) Form auftreten. Aber: Der Lebenslauf muss nicht nur „richtig herum“ aufgebaut sein, er muss zusätzlich auch noch alle sich aufdrängenden Fragen beantworten.

Konkret: Ein chronologischer Lebenslauf, der zur heutigen Position nur sagt, „Ingenieur bei Müller & Sohn in Wiesweiler-West“, taugt weniger als ein „amerikanischer“, der zur Branche und zur Größe des Unternehmens etwas aussagt und die Position/Tätigkeit anschaulich im Detail erläutert. Aber die „Krönung“ ist die klassisch-deutsche Version mit allen Details. Es gibt ein ausführliches, fast alle denkbaren Fragen beantwortendes Muster auf meiner Internet-Seite (www.heiko-mell.de).

So, das musste sein. Nun zu den Zeugnissen:

Hinter dem (auch dem chronologischen) Lebenslauf soll tatsächlich das jüngste Dokument liegen, dafür liegt das Abitur dann ganz unten.

Das hat zwei Gründe:

a) In allen Büros heftet man Vorgänge in mehr oder minder dicken Aktenordnern ab. Die einzelnen Blätter dort werden – sonst könnte man ja auf das Abheften verzichten – öfter gebraucht, man sucht etwas. Oder man will etwas ergänzen, zusätzlich abheften. Meist braucht man dazu die jüngeren Vorgänge, nicht die ältesten im Ordner. Würde man jetzt Ordner wie Bücher aufbauen, läge der Beginn der Geschichte oben, das – vorläufige – Ende unten. Wollte man dann ein einziges Blatt hinzufügen, müsste man den abgehefteten Papierstapel, der leicht 7 cm hoch und mehrere kg schwer ist, im Ordner „umwuchten“, um bei der üblichen Mechanik überhaupt an das bisher letzte Blatt zu kommen. Also hat es sich als Bürostandard herausgebildet, in Aktenordnern immer das jüngste Blatt obenauf zu heften – und es da auch zu suchen.

Jeder „Büromensch“, der einen Ordner greift, sucht das älteste Dokument unten und die jüngeren Vorgänge oben im Stapel. Auch die Personalabteilung geht so mit ihren Ordnern um – da ist es also empfehlenswert, ihr bei Bewerbungsmappen das gewohnte Bild zu bieten.

Übrigens läge, gäbe es ein solches, ein Inhaltsverzeichnis in einem Aktenordner obenauf, die Vorgänge selbst lägen dann (s. o.) umgekehrt chronologisch darunter. Nun können Sie durchaus den Lebenslauf auch(!) als eine Art Inhaltsverzeichnis für den Rest der Mappe sehen: Ist der Bewerber heute bei seinem vierten Arbeitgeber, müssen von den ersten drei die Zeugnisse dabei sein. Gibt er an, Dipl.-XX zu sein, muss ein Examenszeugnis zu finden sein. Wer es sucht, weiß auch bei der umgekehrt chronologischen Abheftung, wo er fündig wird.

b) Der Lebenslauf bietet mir ein Bild dessen, wie sich der gesamte schulische, studentische und berufliche Weg des Kandidaten entwickelt hat. Ich will wissen, ob er für seine Ausgangsvoraussetzungen viel oder wenig erreicht hat, ob seine einzelnen Schritte vernünftige Fortschritte gegenüber den vorangegangenen waren, ob es eine erkennbare Planung gegeben haben mag, ob es einen durchgängigen „roten Faden“ gibt. Vieles von dem lässt sich nur in der chronologischen Darstellung vernünftig nachvollziehen.

Aber wenn ich dann die Zeugnisse lese, dann gibt es erst einmal aus der heutigen Position keines; das aus der vorigen Anstellung ist im Durchschnitt schon fünf Jahre alt. Das aus der Position davor hat zehn Jahre auf dem Buckel, das Examenszeugnis ist etwa fünfzehn Jahre alt. Da interessiert dann – nachdem man den Werdegang ja aus dem Lebenslauf kennt – das vorhandene jüngste Zeugnis am meisten. Praktischerweise liegt es gleich obenauf.

Und wer als professioneller Bewerbungsleser wirklich die Zeugnisse chronologisch aufarbeiten will, der liest die Anlagen in der Bewerbungsmappe von hinten nach vorn. Das kennt er vom Aktenstudium, so dass er sich nicht einmal umstellen muss.

Sie scheitern mit Ihrer Bewerbung nicht etwa, nur weil Sie die Zeugnisse chronologisch abheften. Aber irgendein System sollte erkennbar sein. Bitte verfassen Sie kein Inhaltsverzeichnis und verwenden Sie kein Register. So etwas wirkt kleinlich – und wird generell nicht benutzt (dazu fehlt die Zeit).

Fazit: Keiner meiner wenigen Fehler (Ihre Worte), sondern erklärbar.

Kurzantwort:

Vieles im Bewerbungsprozess mag ebenso unbefriedigend wie unlogisch sein oder erscheinen. Aber man kann fast immer zumindest die Ursachen und Zusammenhänge erklären.

Frage-Nr.: 2019
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-05-19

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