Heiko Mell

Ich mag keine Berater-Anzeigen

Ich bin als berufserfahrener Ingenieur aus freien Stücken auf Arbeitssuche. Nach einer intensiven Suche in den Online-Jobbörsen musste ich leider feststellen, dass der Stellenmarkt zu einem guten Stück von Personalvermittlern beherrscht wird.

Bei Stellenangeboten dieser Art habe ich allerdings ein Informationsdefizit, was die angebotene Stelle sowie den Arbeitgeber angeht. Ich kann mich also nicht getreu Ihrer Grundsätze umfassend mit dem Angebot auseinandersetzen.

Wie soll ich reagieren, wenn ich meine Energie beim Werben um eine Stelle nicht für Katzen in Säcken verbrauchen will – gleichwohl entsteht bei mir der Eindruck, dass die zukünftigen Arbeitgeber bezüglich ihrer Suche eine ähnliche Intention haben könnten (sie mögen ja auch keine Bewerber, die nicht unter ihrem eigenen Namen auftreten und nicht alle relevanten Details preisgeben).

Antwort:

Zunächst zwei Klarstellungen:

1. Ein Akademiker, der eine neue Anstellung sucht, darf sich keinesfalls auf Online-Jobbör­sen beschränken! Unbedingt einzubeziehen sind die Stellenangebote in den gedruckten Zeitungen wie z. B. FAZ, VDI nachrichten oder in den großen anderen überregionalen und den regionalen Blättern. In vielen Bereichen sind die Printmedien nach wie vor nicht nur besser vom Ergebnis her, sondern schlicht unverzichtbar (für beide Seiten).

2. Personalvermittler sind eine besondere Gruppe von Anbietern – die Sie gar nicht speziell meinen mit Ihrer Aussage. Sie sprechen hier schlicht Personalberater an, die unter ihrem Namen im Auftrag anderer Unternehmen offene Stellen ausschreiben. Ob diese Inserenten dann Mitarbeiter vermitteln, die Bewerbungen nur weiterreichen oder die suchenden Unternehmen bei der Auswahlentscheidung intensiv beraten, ist eine offene Frage.

Beides hat wenig mit Ihrem Kernthema zu tun. Ich will aber verhindern, dass sich anderen Lesern eventuell falsche Darstellungen einprägen oder dass sie unvollkommene Vorgehensweisen übernehmen, daher diese Erläuterungen.

Zur Sache: Ausgangspunkt ist stets das suchende Unternehmen, das für eine offene Position möglichst viele gut qualifizierte Bewerber von „draußen“ haben möchte, aus denen es dann eine Auswahl treffen kann. Auf dem Wege dorthin hat das Unternehmen diverse Möglichkeiten:

a) die „offene“ Personalanzeige (Stellenangebot) in der Zeitung, in Internet-Stellen­börsen, auf der eigenen Homepage oder in sonstigen Medien (Firmenname, Dienstsitz und die wichtigsten sonstigen Details stehen „offen“ im Anzeigentext);

b) die Chiffre-Anzeige (Firmenname, Dienstsitz und andere Details fehlen; es gibt für den Bewerber keinen Ansprechpartner, auch nicht für spätere Rückfragen oder Reklamationen bei ausbleibenden Nachrichten);

c) die Einschaltung eines Personalberaters, der dann seinerseits „mediengestützt“ arbeitet: Er schreibt die Position unter seinem Namen aus, der Name des suchenden Unternehmens bleibt fast immer, der Dienstsitz bleibt oft und weitere wesentliche Details bleiben mitunter „geheim“. Es ist möglich, dass der Berater erst selbst Vorstellungsgespräche führt, bevor er die Unterlagen an das suchende Unternehmen weiterleitet (und dabei den Bewerber umfassend über alle Details informiert), die Bewerbungen können aber auch direkt an den eigentlichen Auftraggeber durchgereicht werden, der lädt dann zur Vorstellung ein;

d) die Einschaltung eines Headhunters, der z. B. niemals inseriert und die richtigen Kandidaten in seinen Dateien oder nach intensiver verdeckter Suche in der Branche findet;

e) die „Empfehlung“ durch Beiratsmitglieder, Banken, Wirtschaftsprüfer oder sonstige geschäftliche oder private Verbindungen; so mancher Chef spricht auch direkt ehemalige Mitarbeiter an oder wendet sich an Menschen, die ihm durch Bekannte benannt worden sind.

Ich möchte nicht spekulieren müssen, welchen Anteil die einzelnen Wege jeweils an der Besetzung offener Positionen haben. Nur von b, der Chiffre-Anzeige, ist bekannt, dass sie keine große Rolle mehr spielt. Sie ist voll aufgegangen in c, der Berateranzeige.

Letztere nun wird gewählt sowohl wegen der gewollt vertraulichen Abwicklung im Vorstadium als auch wegen der gezielt gesuchten Beraterkompetenz bei der Abwicklung. Auch die Entlastung des suchenden Unternehmens beim administrativen Prozess (von der Eingangsbestätigung über die Entgegennahme der oft unqualifizierten Bewerberanrufe bis zur Absage) spielt eine Rolle.

So, geehrter Einsender, Sie nun stoßen sich an bestimmten Details auf einem Beschaffungsweg von insgesamt fünfen. Dabei mag Ihnen a als Ideal erscheinen, was aber so auch nicht stimmt (ein Fachmann besetzt mit den Wegen c und d Positionen, die per Weg a vergeblich ausgeschrieben worden waren). Bedenken Sie aber bitte auch, dass Sie am Weg über c aktiv teilhaben können, während d und e voll „hinter Ihrem Rücken“ stattfinden, Sie erfahren nicht einmal etwas davon.Speziell zur Berateranzeige gilt weiterhin:

– Ein gutes Inserat enthält alle grundsätzlich relevanten Angaben zumindest in vernünftiger Umschreibung – den Rest erfahren Sie rechtzeitig vor einer Vertragsunterschrift. Grämen Sie sich nicht über den fehlenden Firmennamen – im Normalfall hätten Sie den ohnehin nicht gekannt, ich verspreche es Ihnen (es ist nur ganz selten „Siemens“ oder „Porsche“).

– Fast immer ist ein „Mensch“ mit Telefonnummer im Inserat angegeben, den Sie vorher kontaktieren können. Der hilft Ihnen bei jeder wichtigen Frage – ob Sie den Verdacht haben, es könnte der eigene Arbeitgeber sein, ob Sie befürchten müssen, zu teuer zu sein oder wenn Sie abklären wollen, ob es hier ohne Umzug abginge.

– Vergleichen Sie dieses Inserat nicht mit der aus Ihrer Sicht idealen Variante a, sehen Sie bitte die Vorteile gegenüber b, d und e. Verböte man diese Berateranzeige (in diesem Land ist alles möglich, wie die Erfahrung zeigt), würden nicht die offenen Anzeigen nach a zunehmen, sondern die Wege b, d und e würden entsprechend stärker begangen werden!

Bleibt mir der Hinweis auf die Realitäten: Der Arbeitgeber, bei dem sich der potenzielle Mitarbeiter bewirbt (d. h. bei dem er um eine Anstellung nachsucht oder bittet), ist der sehr deutlich stärkere Partner. Und der will den Weg c, dafür gibt er sogar Geld aus. Werfen Sie einen Blick in den dafür typischen Stel­lenteil der FAZ, dann sehen Sie die Dimension. Marktgesetze sind recht einfach: Was der stärkere Partner will, das muss der schwächere akzeptieren. Er darf mit den Zähnen knirschen, so ihm danach ist, aber leise.

Fazit: Um eine Bewerbung regelgerecht auf die spezielle Zielposition individuell abzustimmen, brauchen Sie Informationen. Diese bekommen Sie auch aus der Berateranzeige in ausreichendem, aus eventuellen zusätzlichen telefonischen Kontakten mit dem Berater in befriedigendem Umfang. Der vom Arbeitgeber dominierte Markt will diesen Weg – gäbe es ihn nicht, wäre das schlechter für Bewerber. Also machen Sie Ihren Frieden damit.

Kurzantwort:

Wenn die heute generell extrem kostenbewussten Arbeitgeber neben anderen Beschaffungswegen gern auch den besonderen Weg über die Berateranzeige gehen, dann muss diese Variante für die suchenden Unternehmen erhebliche Vorteile bieten. Da sie der stärkere Partner sind, setzen sie ihre Vorstellung durch.

Frage-Nr.: 1997
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-02-24

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