Heiko Mell

Flieg, Flyer, flieg …

1.991. Frage: Meine Kinder bewerben sich nach ihrem FH-Abschluss nun ebenso engagiert wie erfolglos um den Berufseinsteig. Sie verschicken sogenannte Flyer, also bedruckte Faltblätter in prospektähnlicher Form. Anbei ein Muster. Wie beurteilen Sie das?

Antwort:

Antwort: Ich gebe ja zu, dass Konventionen aller Art ihre Tücken haben. So ist es beispielsweise üblich, jedem Nachbarn oder Bürokollegen bei der Begrüßung einen „Guten Morgen“ zu wünschen. Nun stelle man sich einen hochintelligenten, mehr so digital als analog denkenden Weltraumbesucher vor, dem wir das erklären müssten:

„Das heißt also, Sie wünschen Ihrem Nachbarn, der möge einen guten Morgen vor sich haben?“, wundert der sich und ist erfreut über so viel Nettigkeit auf dem blauen Planeten. „Nein“, sagen Sie, „in Wirklichkeit ist mir der Verlauf seines Morgens höchst gleichgültig.“ „Was geschieht, wenn der das herausfindet?“, fragt er. Sie: „Das muss der nicht herausfinden, das weiß der.“ „Ja und wie reagiert der nun?“ „Der sagt seinerseits ‚Guten Morgen’ zu mir“ antworten Sie. Jetzt rauchen seine ersten Schaltkreise ganz leicht: „Weiß der auch, dass Sie wissen, dass ihm Ihr Morgen völlig gleichgültig ist?“ „Klar“, antworten Sie fröhlich. „Ja und warum tun Sie es dann?“ „Weil es so üblich ist.“ „Und wenn einer damit aufhörte?“ „Würde er geächtet – wegen penetranter Unhöflichkeit.“ Der Rauch aus den Schaltkreisen wird stärker. „Gibt es auf diesem Planeten noch mehr davon?“ „Aber ja“, sagen Sie – und holen tief Luft. Denn Sie haben viel zu erzählen …

Verlassen wir die Welt der Außerirdischen und kommen wir wieder zu unseren praktischen Problemen: Eine Bewerbung ist die gezielte Aussage eines Kandidaten an einen Arbeitgeber: Ich will bei dir als Angestellter arbeiten. Natürlich ahnt, ja weiß der Arbeitgeber, dass sich dieser Mensch gleichzeitig mit eben diesem Anliegen auch noch an andere wendet. Aber es gehört sich nicht, dies offen zu zeigen. Und ein solches Flugblatt ist nun einmal eine Massenaktion – sein Druck für nur einen Empfänger lohnt nicht.

Also steht symbolisch quer auf jedem Exemplar: „Dies ist die 168. von 420 Bewerbungsaktionen, die ich derzeit laufen habe.“ Das nun liest der Standard-Empfänger nicht so gern. Tut man nicht, denkt er. So hat er damals seinen ersten Job auch nicht bekommen. Und er sagt sich etwa Folgendes: „Nun hat dieser Kandidat 420 potenzielle Arbeitgeber angeschrieben, darunter mich. Wenn ich jetzt vorsichtiges Interesse an dem Menschen hätte – wie groß ist dann die Chance, dass der überhaupt zu mir käme und nicht zu einem der 419 anderen?“ Und dann legt er die Geschichte kopfschüttelnd zur Seite.

Als Verzweiflungsaktion wegen bisherigen Misserfolgs des Bewerbers darf diese Aktion auch nicht erkennbar sein, denn: „Die anderen haben ihn also alle nicht gewollt. Und ich soll nun diesen Ladenhüter kaufen?“ Das will der Arbeitgeber keinesfalls. Er will hingegen den, den auch die anderen gewollt haben (oder hätten).

Nein, wenn 50 Bewerbungen eines Typs nichts bringen, hat es grundsätzlich keinen Zweck, die Anzahl auf 500 auszudehnen. Sondern es gilt, die Zielposition zu überdenken, die Argumentation zu ändern, mehr Kompromissbereitschaft anzudeuten, zusätzliche Qualifikationen zu erwerben u. Ä. m.

Und immer schön die Nachbarn grüßen! (Falls tatsächlich Aliens hier landen, machen wir sie fertig: Wir berichten denen einfach, wie alles so läuft bei uns. Das überlebt keine logisch denkende Intelligenz.)

Frage-Nr.: 1991
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 54
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-01-27

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