Heiko Mell

Absagen, aber warum?

Frage/1: Ich bin 24, Dipl.-Ing. (FH) Chemieingenieurwesen und bewerbe mich intensiv bei Firmen der chemischen Industrie oder bei anderen Firmen, bei denen mein Profil auch nur annähernd passen könnte. Dabei beherzige ich auch Ihre Anregungen. Auch ein Unterlagencheck hat keine Erkenntnisse über etwaige Form-, Inhalts- oder Darstellungsfehler gegeben.

Aus 78 Bewerbungen sind erst zwei Vorstellungsgespräche hervorgegangen, wovon eines stattgefunden hat. Ich habe schon viel erleben müssen. Nach meinem ersten Bewerbungsgespräch musste ich mich selbst nach dem Stand der Dinge erkundigen, weil man mich trotz eines Versprechens nicht angerufen hatte.

An anderer Stelle habe ich mich nach zweimonatiger Wartezeit erkundigt – da sagte man mir, dass die Stelle schon über einen Monat besetzt wäre; meine Unterlagen erhielt ich erst fünf Monate später zurück. Bei anderen Stellen hat man mir nach mehrwöchiger Wartezeit gesagt, man wäre noch im Auswahlprozess. Auf der anderen Seite kamen beide Einladungen zum Vorstellungsgespräch ca. zwei bis drei Wochen nach Absendung der Unterlagen. Wieso brauchen Unternehmen länger, um Unterlagen zurück- oder Mitteilungen rauszuschicken als Bewerber einzustellen?

Frage/2: Vor einigen Tagen bekam ich eine Absage. Hier ging es um ein Stellenangebot, mit dem explizit Absolventen angesprochen wurden. Zufälligerweise hatte sich eine Kommilitonin auch um diese Stelle beworben. Sie hat noch keine Absage bekommen. In meiner stand drin, dass „Ihr beruflicher Werdegang und Ihre umfangreichen Kenntnisse leider nicht genau mit unseren Anforderungen übereinstimmen“. Nun haben wir allerdings denselben Studiengang mit derselben Vertiefung.

Der einzige Unterschied in meinen Augen ist, dass sie weiblich ist und ein Auslandssemester hat (was nicht explizit gefordert war), ich dafür aber einen kleinen Sohn. Wieso bekommt man keine genauen Aussagen, sondern immer nur dieselben ähnlichen Absagetexte? Wenn ich mich schon so genau wie möglich darstelle, kann ich dann nicht auch eine entsprechend detaillierte Absage bekommen, damit ich weiß, woran ich bin?Ist eventuell meine familiäre Situation der Auslöser für solch große Abneigung und sollte ich aus diesem Grund vielleicht besser meinen Sohn nicht im Lebenslauf erwähnen?

Ich würde jedenfalls gerne einen Job bekommen und bin deshalb für jede Hilfe dankbar.

Antwort:

Antwort/1: Klären wir das erst einmal bis dahin. Das Gesamtbild setzt sich hier aus folgenden Komponenten zusammen:

a) Mit der Qualität und Zuverlässigkeit ist es in Deutschland grundsätzlich nicht mehr weit her: Es klappt wenig direkt und ohne irgendwelche Probleme – ob Sie nun eine neue Telefonanlage bestellen, ein Möbelstück geliefert bekommen oder etwas von Ihrer Versicherungsgesellschaft wollen. Irgendetwas hakt immer, auch im ständigen Arbeitskontakt mit Industriebetrieben könnte man, wenn das denn etwas brächte, ständig den Kopf schütteln. Ein gewisses Chaos, ein bestimmtes Maß an Unzuverlässigkeit oder etwas in der Art ist Teil unseres Lebens geworden. Versuchen Sie nicht, hinter allem einen tieferen Sinn zu suchen. Sagen wir es so: Der so heißgeliebte PC macht ja auch oft genug nicht, was er eigentlich sollte (was aber fast nur mich zu stören scheint).

b) Vermutlich haben Sie – bei Absolventen völlig normal und zu empfehlen – diverse Initiativbewerbungen geschrieben. Für die gibt es keinerlei Regeln. Es sind unverlangt ein­gesandte Zuschriften, hier trägt der Absender auch das Bearbeitungsrisiko. Ein Unternehmen, das „hier und jetzt solche Bewerber nicht braucht“, hat wenig Lust, sich in der Bearbeitung dieser oft ungeliebten Post zu überschlagen.

Was machen Sie mit Werbepost, die abends in Ihrem Briefkasten liegt? Vor allem, wenn Ihnen etwas angeboten wird, was Sie derzeit nicht interessiert? Selbstverständlich gibt es auch vorbildliche Unternehmen, die selbst unverlangte Bewerbungen sorgfältig behandeln, schnell bearbeiten etc.

c) Eine Ware, die mit hohem Überangebot auf den Markt drückt, verliert an Wert. In Zeiten, in denen Absolventen äußerst begehrt sind (gab es und wird es wieder geben), geht man mit solchen Zuschriften anders um. Bei Ihnen scheint derzeit das Bewerberangebot die Nachfrage zu übersteigen. Da schenkt man einer weiteren unverlangten Zuschrift generell weniger Aufmerksamkeit. Mitunter wird sie als lästig empfunden und so behandelt. Ich rate aber auch davon ab, vorher anzurufen, ob überhaupt Bedarf besteht. 300 Anrufe pro Woche sind ebenso lästig wie 300 Bewerbungen, die man nicht braucht. Sie ärgern sich dann bloß an einer anderen Stelle des Prozesses.

d) Bei Initiativbewerbungen ist es auch ziemlich sinnlos, ab Absendedatum mit der Zeit­rechnung anzufangen. Das wäre ein höchst willkürlich festgesetzter Startpunkt. Vielleicht legt das Unternehmen alle diese Zuschriften erst einmal auf den großen Stapel – und ein armer, überlasteter Sachbearbeiter ahnt schon, dass er die eines Tages alle zurückschicken muss. Aber später, viel später.

e) Bei konkreten Stellenanzeigen ist das anders. Dort ist das Insertionsdatum in der Zeitung (im Internet stehen die Inserate mehrere Wochen, da fehlt mitunter der Bezug) der Dreh- und Angelpunkt. Vier Wochen danach haben die gut bis sehr gut beurteilten Bewerber ihre Einladung.

f) An den „guten“, eingeladenen Bewerbern ist das Unternehmen interessiert. An den anderen – in abgestufter Form – weniger. An jenen, die man im Vorstellungsgespräch kennen gelernt hat und dann doch nicht einstellen will, noch weniger. Und so werden diese Kandidaten dann leider oft behandelt. Häufigste Klage der Bewerber: Man wartet so lange auf Nachricht. Mein Trost: Die begehrten, für sehr interessant befundenen Bewerber warten kaum jemals.

g) Bewerber ihrerseits sind keinesfalls besser. Sie sind oft ebenso merkwürdig in ihren Reaktionen. Manche lädt man ein – und bekommt nicht einmal eine Antwort. Andere unterschreiben Verträge – und treten ihren Dienst nie an. Meine Erkenntnis: Beide Parteien sind einander würdig.

Leider haben Sie keine Unterlagen beigefügt. Sonst hätte ich dazu sicher noch den einen oder anderen Tipp geben können. Formal kann alles in Ordnung sein – aber vielleicht sind Ihre Noten zu schlecht für das, was Sie jetzt anstreben. Oder Sie geben eine nicht passende Zielrichtung an.

Antwort/2: Da Sie hier an eine „Karriereberatung“ schreiben, muss folgende Aussage erlaubt sein: Was Sie fachlich im Studium lernen, hat sicher auch seinen Wert, keine Frage. Aber wirklich wichtig ist, dass Sie etwas über systematisches Vorgehen, über das Berücksichtigen von Zusammenhängen lernen. Haben Sie das gelernt?

Beispiele: Jeder vernünftige Mensch sieht doch sofort, dass man jetzt die Lebensalter, die Studienlängen, die Diplomarbeitsthemen und die Examensnoten, vermutlich auch noch die Sprachkenntnisse jeweils von Ihrer Kommilitonin und von Ihnen zum Vergleich gebraucht hätte. Und möglichst auch noch Anschreiben, Lebensläufe und Fotos. Dieser Anspruch springt den Leser Ihres Briefes doch geradezu an, er ist offensichtlich! Dafür hätte Ihnen Ihr Studium die Augen öffnen sollen – das vor allem ist es, was man bei Kandidaten, die nur einen Lehrabschluss haben, nicht zwingend voraussetzt. Aber bei einem Akademiker schon.

Für Ihren Sohn bzw. seine Erwähnung im Lebenslauf gilt das ebenso: Wie sind denn nun Ihre Verhältnisse (ledig, verheiratet, in fester Partnerschaft lebend), wie haben Sie diese Umstände im Lebenslauf dargestellt? Muss/kann/darf der Leser denken, Sie seien ein junger Mann mit einem unehelichen Kind, für das Sie nur zahlen oder das vielleicht sogar beim alleinerziehenden Vater lebt oder sind Sie ein verheirateter Familienvater, der mit seiner Frau gemeinsam ein Kind hat (ob Sohn oder Tochter ist ein absolut überflüssiger Hinweis)?

Auswirkungen haben kann so etwas auf die Beurteilung einer Bewerbung durchaus. Oft bevorzugt man für Anfängerstellen mobile, bewegliche, versetzungs- und unbegrenzt dienstreisewillige Kandidaten. Im Falle zu großer familiärer Verpflichtungen könnte sich der Verdacht ergeben, es hapere an der Bereitschaft zu Überstunden etc. Das gilt keineswegs immer und überall, ist aber im Einzelfall denkbar.

Als Vorschlag: Geben Sie unter „Familienstand“ einfach an, was vorliegt, lassen Sie Kinder ganz weg. Woher sollen Sie als Ingenieur wissen, ob oder dass man neben „ledig“ auch noch Kinder in diese Rubrik schreiben soll? Sie haben ja auch nicht gewusst, dass man Daten braucht, um über die Chancen zweier Bewerbungsrivalen urteilen zu können.

Über die Hintergründe dafür, warum Absagen auf Bewerbungen fast immer ohne die wahren Begründungen geliefert werden, habe ich mich hier schon hinreichend ausführlich ausgelassen. Merken Sie sich nur: Es gibt keine ehrlichen Begründungen – wenn Sie scheinbar eine bekommen, dürfen Sie ihr nicht trauen. Stellen Sie sich vor, die weltbekannte XY AG schriebe Ihnen: „Sie haben ein Kind, deshalb diese Absage.“ Morgen stünde dann eine Balkenschlagzeile in der Boulevardpresse: „XY AG diffamiert Familienvater“, übermorgen wäre eine Klage beim europäischen Gerichtshof wegen Verstoßes gegen die EU-Antidiskriminierungsrichtlinie (oder so ähnlich) anhängig. Die XY AG bekäme in jedem Fall Ärger – und der Personalchef beschlösse spätestens dann, nie wieder Begründungen in Absagen zu schreiben.

Kurzantwort:

1. Es gibt diverse Gründe, warum Unternehmen bei Absagen keine wahrheitsgemäßen Aussagen machen. Sie haben kaum eine andere Wahl.

2. Das höchste Ziel eines akademischen Studiums ist es, die Fähigkeit zu systematischem Denken zu erlangen.

Frage-Nr.: 1981
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-12-18

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