Heiko Mell

„Verkäuferisch geschickte“ statt „ingenieurmäßige“ Argumentation brachte Erfolg

Frage/1: Ich bin promovierte Dipl.-Ingenieurin mit insgesamt zwölf Jahren Praxis nach dem Diplom, davon die letzten sechs als Teamleiterin im Entwicklungsbereich. In Kürze habe ich ein Vorstellungsgespräch bei einem Unternehmen. Dazu gibt es folgende Vorgeschichte:

Ich hatte mich vor einigen Wochen erstmals um diese Position beworben. Die Bewerbung ging an die Personalabteilung in A-Stadt, Einsatzort sollte jedoch das davon sehr weit entfernte B-Dorf sein. Es gab eine Eingangsbestätigung und kurz danach die komplette Absage, beides aus A-Stadt. Ein Anruf dort ergab, dass meine Bewerbung die Fachabteilung in B-Dorf nie erreicht hatte, sondern bereits bei der Personalabteilung durch ein grobes Raster gefallen war.

Ich fand aber nach wie vor, dass ich die Anforderungen der Stelle gut erfüllte. Nach langem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass ich als Promovierte mit sechs Jahren Teamleitererfahrung wohl als überqualifiziert bewertet wurde.

Frage/2: Ich habe daraufhin erneut eine Bewerbung losgeschickt. Darin habe ich den Doktortitel im Absender weggelassen, die Promotion und die Teamleitung in Anschreiben und Lebenslauf nicht erwähnt. Im Zeugnis meines letzten Arbeitgebers steht das aber alles drin, da ich diese Originaldokumente natürlich nicht verändert habe. Ich erhielt eine Eingangsbestätigung wieder aus A-Stadt an Frau X ohne den Doktortitel. Kurz darauf ruft ein Herr aus der Fachabteilung aus B-Dorf an. Er fragt nach Beruflichem, nach meinen Gehaltsvorstellungen (ich bin um 10.000 EUR/Jahr unter meiner Vorstellung geblieben) und er lädt mich zum Vorstellungsgespräch ein. Die Einladung kommt an „Frau Dr. X“. Ganz offensichtlich wurde in der Fachabteilung die gesamte Bewerbung mit Zeugnissen aufmerksam gelesen – und man hielt mich nicht für überqualifiziert!

Inzwischen neige ich zu der Ansicht, dass ich beim ersten Mal nicht wegen Überqualifikation abgelehnt wurde, sondern weil man zu hohe Gehaltsforderungen befürchtet hatte (ich hatte jedoch in beiden schriftlichen Bewerbungen keine angegeben).

Angenommen, ich werde im Bewerbungsgespräch darauf angesprochen, dass ich die Promotion und die Teamleiterposition weder im Anschreiben noch im Lebenslauf erwähnt habe. Wie reagiere ich dann? Die wahre Geschichte zu erzählen liefe darauf hinaus, einen Firmenteil (die Personalabteilung in A-Stadt) vor einem anderen (Fachabteilung in B-Dorf) schlecht zu machen – und das kommt erfahrungsgemäß nie gut an. Oder denken Sie als Experte, dass da ohnehin niemand drüber stolpern wird?

Die beiden Anschreiben und Lebensläufe habe ich angehängt.

Antwort:

Antwort/1: Beschäftigen wir uns, solange der Leser Ihre Fakten noch im Kopf hat, mit der ausgeschriebenen Stelle: Gesucht wird ein Entwicklungsingenieur auf einem Gebiet, das Ihrer Ausrichtung entspricht. Gefordert wird ein abgeschlossenes Studium (Uni/TH wird weder verlangt noch erwähnt). „Idealerweise“, so heißt es, „konnten Sie schon erste praktische Erfahrungen sammeln.“

Also ist dies ganz klar eine Stelle für einen Berufsanfänger – Erfahrungen nur im Idealfall, den es im Leben fast niemals gibt. Und wenn Erfahrungen, so lässt sich das interpretieren, dann wären zwei Jahre nach dem Studium absolut genug, alles darüber hinaus ist nicht besser qualifiziert als gefordert, sondern falsch!

Für einfache Gemüter: gefordert waren nix Uni, nix Promotion, nix zwölf Jahre Tätigkeit seit Studienende, nix Teamleiter (und besonders nicht sechs Jahre davon). War das jetzt deutlich? Es war. So. Die Personalabteilung in A-Stadt hat ihre selbstverständliche Pflicht erfüllt und Ihre Bewerbung als „hoffnungslos daneben“ eingestuft. Und Ihnen abgesagt.

Der einzige Aspekt, den ich bisher nicht verstehe: Warum hat eine Frau mit Ihren Qualifikationen erst „nach langem Überlegen“ den Schluss gezogen, dass sie „wohl als über­qualifiziert bewertet“ wurde? Sie sind überqualifiziert, das springt jeden Leser doch geradezu an. Und, ich wiederhole mich: „über“ ist ebenso falsch wie „unter“ – nur eben andersherum.

Und bei der Gelegenheit ganz allgemein: Wenn eine Anzeige z. B. mindestens 3 Jahre Praxis fordert, dann gelten- 3 Jahre als völlig ausreichend- 4 Jahre als sehr schön- 5 Jahre als noch tolerierbar- 8 Jahre als „überqualifiziert“- 12 Jahre als „tödlich“.

Technisch ausgedrückt: Wenn eine Anlage mit „Betriebsdruck 3 bar“ betrieben werden soll – was macht sie wohl, wenn man 12 bar riskiert? Richtig, sie macht „wumm“.

(Ich weiß um Sicherheitsventile, Prüf- und Berstdrücke und um die Empfindlichkeit von Ingenieuren bei laienhaft vorgebrachten Beispielen. Aber selbst ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird.)

Der eigentliche Clou der Geschichte kommt jedoch erst jetzt:

Antwort/2: Zum Glück haben Sie die angehängt! Denn in dem erfolgreichen zweiten Anschreiben haben Sie etwas ganz Wesentliches verändert, dessen Bedeutung Sie bisher gar nicht erkannt hatten: Sie liefern endlich ein nachvollziehbares Motiv für Ihre bisher schwer durchschaubaren Absichten. Sie sind – die Fachabteilung hat es natürlich inzwischen aus den Unterlagen herausgelesen – zwar immer noch überqualifiziert, aber auf der Basis dieser zentralen Wechselbegründung hat man viel weniger Angst davor. Ihr „Tiefhängen“ von Promotion, Teamleitung und Gehaltsforderung hat auf dieser Basis erst so richtig gewirkt und vielleicht sogar die Personalabteilung in A-Stadt überzeugt.

Sie schreiben in diesem zweiten Brief, Sie suchten wegen eines Stellenwechsels Ihres Mannes nun einen Job in B-Dorf. Damit ist alles klar: Der Fachabteilungsleiter leckt sich die Lippen wegen der Qualifikation der Bewerberin, die er vielleicht bekommt. Die ist zwar vermutlich überqualifiziert – aber die muss auch um jeden Preis nach B-Dorf. Und da soll sie erst einmal etwas Besseres finden! Jetzt hat man plötzlich kaum noch Angst vor dem größten „Haken“ einer Überqualifikation: Ein solcher Bewerber merkt das irgendwann auch, wird zunehmend frustriert, erkennt seinen Fehler, sucht sich etwas Neues und geht wieder. Die beiden letzten Kriterien sind in B-Dorf keine so gewaltige Gefahr – und mit dem erwähnten „Tiefhängen“ ihrer Qualifikation zeigt diese Bewerberin, dass sie zu Zugeständnissen absolut bereit ist, dass ihr Karriereaspekte nichts bedeuten und dass man hoffen darf, ihr werde ihre Über- (falsche) Qualifikation aus ihrer besonderen Motivlage heraus gar nicht bewusst. Es gibt solche Leute. Und falls doch Frustrationen drohen: B-Dorf schützt vor allzu vielen Höhenflügen. Da muss sie hin und da kann sie nicht wieder weg. Wir laden sie in jedem Fall einmal ein.

Es gibt also gar keine Stelle des Unternehmens, die einen Fehler gemacht hat oder die man gegen eine andere Stelle ausspielen könnte. Die einzigen Fehler kamen von Ihnen, Ihre erste Bewerbung war teils unvollständig (das alles erklärende Motiv fehlte), teils naiv. Damit mussten Sie scheitern. Bei der zweiten Bewerbung durfte die Personalabteilung Sie nach flüchtigem Blick als harmlos einstufen. Jemand, der aus familiären Gründen in die Provinz will, was soll’s. Der wird kleine Brötchen backen (müssen), der wird sich Frustrationen gar nicht leisten können. Und Fachabteilungen gieren fast immer nach maximaler (nicht optimaler) Qualifikation. Aus verständlichen Gründen, auch wenn sie damit langfristig nicht immer glücklich werden.

Erzählen Sie also ruhig die wahre Geschichte und stellen Sie sich als den Verursacher des Fehlers dar. Denn die Personalabteilung in A-Stadt hat zwar bisher Ihren Namen nicht wiedererkannt. Na gut. Aber wenn Sie eingestellt werden, kommt Ihr Fall dort zum dritten Mal auf den Tisch – zwecks Vertragsausfertigung. Und dann könnte sich ein Mitarbeiter an die da­malige Absage erinnern. Es ist vermutlich besser, ihr künftiger Chef erfährt die Geschichte von Ihnen. Aber eine besondere Dramatik sehe ich darin nicht. Niemand außen Ihnen hat etwas falsch gemacht.

Nur: Sie sind immer noch überqualifiziert (Sie haben den Aspekt nur besser versteckt). Die Gefahren, die daraus erwachsen, gibt es immer noch: Unzufriedenheit über die zu einfachen Aufgaben bei Ihnen, Unzufriedenheit mit der Mitarbeiterin, die alles besser weiß, beim Chef, Unzufriedenheit mit dem auf Dauer als „zu niedrig“ empfundenen Gehalt. Seien Sie also gewarnt und entsprechend vorsichtig!

Kurzantwort:

Überqualifikation ist eine ebenso schwerwiegende Abweichung vom Ideal wie das Gegenteil. Und: Wer Auffälligkeiten in seiner Bewerbung hat, muss diese möglichst erklären. Das gilt besonders für das Motiv eines unverständlich erscheinenden Stellenwechsels.

Frage-Nr.: 1976
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-11-27

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