Heiko Mell

Stellengesuche und regionale Präferenzen

Ich bin Ingenieurin und 43 Jahre alt. Nach etlichen Berufsjahren in D und dann im Ausland bin ich vor dem drohenden Konkurs des letzten (ausländischen) Arbeitgebers geflüchtet und nach D zurückgekommen.

Die jetzige Arbeit ist spannend und Erfolg versprechend. Allerdings gehöre ich zur nicht ganz seltenen Spezies der „600 km-Wochen­end-Pendler“, da mein Mann in einer anderen Region Deutschlands arbeitet. Das anstrengende Pendlerdasein möchte ich so schnell wie möglich aufgeben. Kurzum: Ich suche zur Zeit eine interessante Arbeit in einer bestimmten Region.

An dieser Stelle könnten Sie natürlich sagen: „Diese Serie heißt Karriereberatung, und wer regionale Präferenzen setzt, hat selber Schuld, will keine Karriere machen, sondern setzt private Schwerpunkte im Leben.“ Lesen Sie dennoch bitte weiter, ein Teil meiner Frage könnte auch für andere Leser interessant sein.

Ich bewerbe mich fleißig, spiele mit dem Gedanken, mich selbstständig zu machen und habe unter anderem zwei Stellengesuche geschaltet. Nicht irgendwo, sondern immerhin in so bekannten Blättern wie den VDI nachrichten. Die Resonanz war sehr ernüchternd, es haben sich gemeldet:- eine Zeitarbeitsfirma,- eine andere Zeitung mit der Aufforderung, auch bei ihr zu inserieren,- eine Firma, die scheinbar wirkliches Interesse an mir hat.

1. Wie werden Stellengesuche aus Arbeitgebersicht gesehen? Sind die out? Sollte ich die 200 Euro besser in Porto für Initiativbewerbungen stecken? Gehört man dort zu den Verzweifelten auf dem Arbeitsmarkt und wird daher gemieden? Oder werden diese Gesuche von den Arbeitgebern gar nicht gelesen?

2. Bei meinem jetzigen Arbeitgeber bin ich erst seit weniger als einem Jahr. Wie erkläre ich die Wechselabsichten in Bewerbungen? Haben Sie da einen Tipp für mich?

Antwort:

Auch ich finde Wochenendehen mit jeweils 600 km Fahrt hin und zurück nicht reizvoll und verstehe – wie alle anderen Menschen auch -, dass Sie darin keine Lösung sehen und eine Änderung anstreben.

Aber a: Das müssen Sie doch bei der Vertragsunterschrift gewusst haben. Oder hatte Ihr Mann, der ja wohl auch im Ausland war, damals noch keinen Job – und sie haben beide unkoordiniert gesucht? Das wäre nicht so toll. Denn es würde bedeuten: Völlig unabhängig von Ihnen sucht sich Ihr Mann seine Stellen. Und wenn das für Sie zu weit weg ist, kündigen Sie und ziehen ihm nach. Das wird potenzielle Arbeitgeber von Ihnen nicht erheitern.

Dann glauben wir schon lieber, Ihr Mann sei schon „damals“ (als Sie noch suchten) in seinem heutigen Job gewesen, werde dort auch „ewig“ bleiben und Sie zögen jetzt erst zu ihm, nachdem Sie zunächst gedacht hatten, 600 km Entfernung seien nicht so schlimm (sich geirrt zu haben, ist oft das kleinere Übel).

Aber b: Sie wissen ja offensichtlich, was ich grundsätzlich vom Arbeitgeberwechsel aus regionalen Gründen halte. Wenn Sie es dennoch tun, dann erkennen Sie wenigstens an, dass Sie damit den „Ort“ auf Platz 1 Ihrer Prioritätenliste gesetzt haben. Damit ist der besetzt! Die Qualität oder Attraktivität des Jobs kann jetzt nur noch Platz 2 einnehmen, ist also nicht mehr so wichtig. Stellen Sie also nicht zu hohe Ansprüche daran, dass auch die neue Stelle wieder „spannend und Erfolg versprechend“ sein möge.

Zu Ihrem Stellengesuch: Wenn Sie es nur mitgeschickt hätten! Man kann auch dabei eine Menge falsch machen – es ist eine Werbeanzeige, die misstrauische Profis begeistern soll.

Stellengesuche von Arbeitnehmern in Medien sind nicht der „Königsweg“ bei dem Versuch, einen neuen Job zu finden. Das ist schon aus definitorischen und systematischen Gründen nicht anders denkbar. Aber es ist ein Weg von mehreren, den man gehen kann. Und er hat schon oft zum Erfolg geführt. Manche Mitarbeiter des Personalwesens lesen diese Anzeigen, viele Berater auch. Gelegentlich gibt es aus diesen Kreisen interessante Anfragen. Irgendwelche unpassend erscheinenden Angebote sind ebenfalls typisch für dieses Instrument. Und Sie haben doch auch eine interessant aussehende Zuschrift bekommen – ist das nichts? Wir müssen uns nur noch darüber unterhalten, ob die Firma scheinbar wirkliches Interesse an Ihnen hat (mit der Bedeutung, es scheint nur so zu sein, während die in Wirklichkeit gar keine Stelle für Sie haben und nur überzählige Briefmarken unter die Post bringen) oder ob es anscheinend gut aussieht (mit der Be­deutung, es habe tatsächlich den Anschein, noch aber sei nichts bewiesen).

Also: Wer dringend eine neue Anstellung sucht, darf nie nur auf diesen Weg (Stellengesuch) setzen, muss ihn aber zumindest mit erwägen. Und dann eine klug formulierte, werbewirksame Anzeige platzieren.Zu Ihrer Begründung der Wechselabsichten: Ihre Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber ist verdächtig kurz und rein sachliche Gründe (z. B. drohende Insolvenz) haben Sie nicht. Es empfiehlt sich, hier einfach die Wahrheit anzugeben. Schreiben Sie, Sie hätten die Belastungen durch die Entfernung zum gemein­samen Wohnsitz unterschätzt und erklären Sie gleich (ungefragt), Ihr Mann hätte dort eine sehr aussichtsreiche, langfristig tragfähige Stelle, die er unbedingt beibehalten wolle. Der Arbeitgeber, zu dem Sie gehen (wollen), stört sich kaum bis gar nicht daran, dass Sie aus privaten Gründen in seine Region wollen. Im Gegenteil: Je fester Sie dort angebunden sind, desto besser. Nur erwarten Sie nicht, „bei der Gelegenheit“ Ihren Traumjob zu finden. Ein Traumort ist ja auch schon etwas.

Kurzantwort:

Insbesondere wenn man unter Druck steht, ist das Stellengesuch einer der Wege, die erwogen werden sollten. Es ist jedoch nicht der Königsweg und darf nie die einzige Maßnahme sein. Und: Es kommt auf die Formulierung an!

Frage-Nr.: 1959
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-09-30

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