Heiko Mell

Ein Bewerber berichtet über einen „unsittlichen“ Arbeitgeber-Vorschlag

Ich bin Dipl.-Ing. Maschinenbau mit ca. 15 Jahren Berufserfahrung. Zur Zeit bin ich arbeitslos und intensiv auf Stellensuche. Mein neuestes Erlebnis mit Firmen bzw. Personalagenturen hat mich doch etwas überrascht und ich hätte gern Ihre Meinung dazu:Ich hatte mich auf eine Berateranzeige beworben und war nacheinander beim Berater und bei der suchenden Firma „X“ zum Gespräch. Beide baten mich um Nachricht, falls ich ein Angebot einer anderen Firma erhalten sollte, damit man gegebenenfalls kurzfristig reagieren könnte.

Dieser Fall trat ein, bevor „X“ sich entschieden hatte. Ich habe dann sofort den Berater informiert. Der bat um eine Woche Zeit, um die Sache bei „X“ zu klären. Inzwischen war dann von der anderen Firma schon der Vertragsentwurf eingetroffen – es drängte. Die Woche verstrich.Bei meinem anschließenden erneuten Anruf sagte der Berater, er sei viel unterwegs gewesen und hätte bei „X“ noch niemanden erreicht. Ich informierte ihn über den Vertrag und nannte eine Frist, bis zu der ich mich entscheiden müsste.

Der Berater rief einen Tag vor Fristablauf zurück: Die Firma „X“ wäre leider nicht in der Lage, sich so kurzfristig zu entscheiden. Sie hätte allerdings weiterhin Interesse an mir und würde sich freuen, wenn ich meine Bewerbung weiter aufrecht erhielte. Sie würde mir vorschlagen, dass ich das Angebot der anderen Firma annehme und deren Vertrag unterschreibe. Wenn „X“ mit ihrer weiteren Auswahl so weit wäre (in ca. 2 Wochen) würde man mich trotz des von mir unterschriebenen anderen Vertrags gern zu einem weiteren Gespräch einladen. Ich könnte mir dann ihr Angebot anhören, mir alles durch den Kopf gehen lassen – und eventuell den schon unterschriebenen Vertrag mit der anderen Firma wieder kündigen.

Von solchem Vorgehen habe ich bislang noch nie gehört. Dass ein Bewerber von sich aus solche ‚Spielchen“ mit Firmen treibt, ist sicher schon oft vorgekommen, aber dass man von einem Unternehmen zu solchem Verhalten geradezu gedrängt wird, kommt mir doch absonderlich vor. Oder ist so ein Vorgehen in der heutigen Zeit gängige Praxis?

Antwort:

Zum Glück nicht! Niemand kann das wollen, Unternehmen nicht – und Bewerber auch nicht. Denn auch die Unternehmen könnten dann Verträge schließen, weiter nach besseren Kandidaten suchen und den schon unter Vertrag genommenen Bewerbern wieder absagen. Eine Horrorvision!

Ich biete Ihnen hier zwei Erklärungen an:

1. Unternehmen denken stark egoistisch und rein betriebswirtschaftlich. Was ihnen nutzt, ist gut, auf die volkswirtschaftlichen/gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen achten sie kaum oder erst in zweiter Linie. Ursache ist der hohe Druck, unter dem sie stehen: maximaler Gewinn jetzt sofort. Aus dieser Konstellation heraus ist dann schon einmal ein Verhalten denkbar, das einen kurzfristigen Effekt verspricht, langfristig aber allen Beteiligten schadet. Wenn dann noch gerade „gestern“ ein Bewerber bei diesem Unternehmen unterschrieben hatte und zwei Wochen später fröhlich wieder absagen will – dann könnte die Versuchung an das Unternehmen herantreten, diese Methode auch einmal zum eigenen Nutzen anzuwenden.

2. Als „Trost“: Ich glaube nicht, dass Firma „X“ Sie wirklich haben will. Aus Ihren mitgelieferten Zeitangaben geht hervor, dass inzwischen mehr als drei Monate seit Erscheinen des Inserats verstrichen sind. Man kennt Sie persönlich, will sich aber immer noch nicht für Sie entscheiden. „X“ plant jetzt ein „weiteres Auswahlverfahren“, spricht also gezielt noch mit anderen Kandidaten. Das klingt nicht nach Begeisterung für Sie. Sofern ich damit richtig liege, gilt auch: Die ganze Offerte von „X“ an Sie war nicht sehr ernst gemeint. Man glaubt selbst nicht daran. Es ging nur darum, sich für „den Fall der Fälle“ ein Hintertürchen offen zu halten. Mit „Spitzenkandidaten“ macht man das nicht.

Service für Querleser:

Es ist äußerst kurzsichtig gedacht, wenn ein Arbeitgeber einem Bewerber ein Verhalten vorschlägt, von dem er nicht will, dass es ihm gegenüber angewandt wird.

Frage-Nr.: 1927
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-04-21

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