Heiko Mell

Ein suchender Vorgesetzter berichtet über Berufsanfänger

Als langjähriger Leser Ihrer Rubrik erlaube ich mir, Ihnen anbei meine Erfahrungen mit Bewerbungen von Nachwuchskräften zu schildern, da sich hier mit Sicherheit die Richtigkeit Ihrer Ratschläge bestätigt.

Für uns als Fachabteilung eines Großkonzerns war die Personalpolitik lange durch die Folgen der Restrukturierung bestimmt. Junge Nachwuchskräfte werden i. d. R. über die Vergabe von Diplomarbeiten rekrutiert.

Vor kurzem hatte ich erstmals eine Traineestelle extern ausgeschrieben, da über die üblichen Wege keine geeigneten Kandidaten zur Verfügung standen. Sind alle internen Hürden zur Genehmigung einer solchen Stelle genommen, wird mit Sorgfalt eine Stellenbeschreibung formuliert. Diese wird wiederum der Personalabteilung zugeleitet, diese gestaltet daraus eine Stellenanzeige, die nach Abstimmung mit der Fachabteilung veröffentlicht wird. Dieser sehr aufwändige Prozess läuft für die Fachabteilung natürlich neben dem Tagesgeschäft und wird – da ja ein geeigneter Kandidat für eine spezielle Aufgabe gesucht wird – mit aller Sorgfalt durchgeführt.

Die Personalabteilung übernimmt dann die Vorauswahl der eingehenden Bewerbungen. Dabei zeigt sich, dass rd. 80 % der Bewerber offensichtlich nicht mehr als die Headline (Schlagzeile) der Anzeige gelesen haben. Obwohl in den Anschreiben auf diese Headline Bezug genommen worden war, wurden groß und breit Erfahrungen beschrieben, die nichts mit der künftigen Aufgabe zu tun hatten.

Von den geeigneten Kandidaten wurden sechs eingeladen, die je ein voneinander unabhängiges Gespräch in der Personal- und in der Fachabteilung zu führen hatten. Das Bild hier war nicht minder ernüchternd: Nur zwei Kandidaten hatten überhaupt eine Ahnung, in welchem Unternehmen sie arbeiten sollten und hatten Vorstellungen von ihren zukünftigen Aufgaben.

Ich habe bei dieser Bewerbungsaktion selbst gelernt, dass es nicht im Geringsten auf perfekte Bewerbungsmappen ankommt. Wichtig ist – abgesehen davon, dass natürlich der „Schlüssel zum Schloss“ passen muss -, dass junge Menschen wissen, um welche Stelle sie sich bewerben und zumindest eine Idee von ihren künftigen Aufgaben haben. Bei den pauschal gestreuten Massenbewerbungen sollten sich die Kandidaten den Aufwand und das Porto sparen.

Antwort:

Personalfachleute, die häufig mit Bewerbern umgehen, brauchen eine sehr solide psychische Konstitution, sonst verlieren sie früher oder später den Glauben an die Menschheit. Eher früher. Bei der Beschäftigung mit Einsteiger-Bewerbungen noch früher.

Ein Beispiel: Wenn Sie Ihre Geschichte auf einem Seminar vor lauter Personalleitern erzählen und darauf hinweisen, dass Ihre Bewerber nur die Schlagzeile des Inserats gelesen haben, wird ein Teilnehmer überrascht fragen: „Gelesen, sagen Sie? Glauben Sie, dass Bewerber lesen können?“ So weit ist es mit unseren jungen Akademikern gekommen.Ich nutze meine – hoffentlich gegebene – Chance und fasse hier plakativ und leicht aufnehmbar die wichtigsten Tipps für Bewerber um Einstiegspositionen zusammen:

1. Lesen Sie die Anzeige von vorn bis hinten, analysieren Sie Aufgaben und Anforderungen: Die Aufgaben müssen Sie begeistern, die Anforderungen müssen Sie erfüllen können. Das gilt vor allem für K.o.-Kriterien, die Sie erkennen müssen („wir erwarten 3 bis 5 Jahre Praxis“ ist z. B. nichts für Anfänger).

2. Bauen Sie in der Bewerbung (Anschreiben und Lebenslauf) möglichst viele Brücken zwischen sich und der Zielposition: Wenn das suchende Unternehmen Kfz-Zulieferer ist, will es viel über „Automotive“ (Praktika!) lesen; dass Sie ein Praktikum beim Ölbohren in Nigeria absolviert haben, stört hier im Anschreiben mehr als es nutzt. Weil: Dieses Unternehmen bohrt nicht, schon gar nicht nach Öl und überhaupt nicht in Nigeria!

3. Wenn Sie eingeladen werden: Informieren Sie sich intensiv(!) über das Unternehmen – Sie wollen die Firma schließlich „heiraten“, da sammelt man schon Informationen über die „Braut“ (entfällt beim Berater). Dass Sie sich vielleicht nur einmal unverbindlich informieren wollen, dürfen Sie denken, aber niemand darf das merken.

4. Im Gespräch sollten Sie frei und begeistert über die Aufgaben eines … (Bezeichnung der Position) sprechen können. Sie brauchen Antworten auf die Fragen „Warum diese Tätigkeit, warum dieses Unternehmen, warum sollten wir gerade Sie einstellen?“ Sie sind jung, Ihre Antworten dürfen auch einmal falsch sein – aber sie sollten die richtige (offene, begeisterungsfähige, engagierte) Persönlichkeit erkennen lassen.

5. An Ihrem künftigen Job hängt Ihre wirtschaftliche Existenz. Das sollte man Ihren gesamten Bewerbungsbemühungen ansehen. Die exklusivste Mappe gleicht Rechtschreibfehler im Anschreiben oder die vergessene Unterschrift nicht aus. Standardtexte aus dem PC-Speicher sind ziemlich chancenlos.

Frage-Nr.: 1926
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-04-21

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