Heiko Mell

Einsteiger mit Problem(en)

Ich habe ein Problem. Ich habe vor fünfzehn Monaten mein Studium zum Dipl.-Wirtschaftsingenieur, Fachbereich Reedereilogistik, mit Prädikatsexamen beendet. Seitdem bin ich auf der Suche nach einem entsprechenden Wirkungskreis. Leider war ich trotz einiger Vorstellungsgespräche nur bei einem zweimonatigen Projekt erfolgreich und bin seit ein paar Monaten wieder auf der Suche.

Ich weiß leider nicht mehr, was ich tun soll und hoffe, dass Sie mir ein paar Tipps geben können, wie ich es schaffen kann, trotzdem einen Arbeitsplatz zu bekommen? Aus unabwendbaren persönlichen Gründen bin ich an den Großraum X gebunden. Meine Bewerbungsunterlagen liegen bei.

Antwort:

Meine Einstellung zur Umzugsverweigerung aus privaten Gründen ist bekannt. Aber Sie haben mir Details anvertraut, hier ist wirklich nichts zu machen.

Bevor man überhaupt versuchen kann, ein Problem zu lösen, muss man es so exakt wie möglich definieren. Sie müssen ja auch wissen, wo Sie in den Augen von Bewerbungsempfängern „Leichen im Keller“ haben könnten. Sehen wir uns das alles einmal an:

1. Ein FH-Absolvent könnte 24 Jahre alt sein. Geben wir drei Jahre für „Unvorhergesehenes“ hinzu (das könnte ja auch eine Lehre sein, beispielsweise). Dann kämen wir auf 27 Jahre. Sie sind 33. Das sind sechs Jahre zu viel. Da reagiert jeder Bewerbungsempfänger schon allein deshalb äußerst zurückhaltend.

2. Nach dem, was ich als Realschulabschluss bezeichnen würde, den man routinemäßig mit 16 erreicht (Sie waren 17), findet sich noch ein Berufsgrundbildungsjahr, dessen Sinn ich nicht kenne. Danach waren Sie 18.3. Dann kommt eine Lehre zum Bürokaufmann. Aus der Sicht eines späteren Akademikers ist das nicht die anspruchsvollste aller Ausbildungen, aber immerhin. Sie schreiben in Ihrem Lebenslauf darunter „Erwerb des Gesellenbriefes“. Also ohne dass ich Fachmann für diese Ausbildung sein möchte: „Gesellen“ gibt es bei Handwerksberufen, bei Kaufleuten habe ich das noch nie gehört. Auch der Bewerbungsempfänger dürfte sich wundern. Schauen Sie doch einfach einmal auf das Original-Dokument: Steht da „Geselle“? Falls ja, hätte ich mich geirrt. Sonst hätten Sie. Es ist man bloß so: Bei Ihnen wär’s schlimmer, ich bin ja kein Bürokaufmann.

4. Nach der offenbar glänzend (Auszeichnung) absolvierten Bundeswehr folgt eine zweite Lehre, diesmal zum Fernmeldeassistenten. Sie ist verdächtig kurz (knapp zwei Jahre), vom Erwerb irgendeines Abschlusses steht nichts mehr. Falls der Verdacht stimmt: Etwas Angefangenes nicht zum Abschluss zu bringen ist viel schlimmer als gar nicht erst angefangen zu haben.

Nur wer sehr geduldig ist, sich auch mit den „verbogensten“ Lebensläufen auskennt und viel Zeit investiert(!), liest auf einer anderen Seite Ihrer Darstellung unter einer ganz anderen Rubrik („weitere Tätigkeiten“), dass Sie im unmittelbaren Anschluss an den (abgebrochenen?) Fernmeldeassistenten für ein Jahr die häusliche Pflege eines schwer erkrankten Familienmitgliedes übernommen hatten. Aber wie ist der Zusammenhang? Haben Sie deswegen die Ausbildung abgebrochen (das wird nicht jeder problemlos glauben wollen) oder mussten/wollten Sie damals ohnehin aufhören, hatten keine besonderen Pläne und decken jetzt mit dieser Angabe nur eine unangenehme Stelle im Lebenslauf ab?

5. Jetzt folgt ein Jahr Fachoberschule mit der „Fachhochschulreife“. Sie sind inzwischen 26, das ist schon so etwa das Sollalter für einen Dipl.-Ingenieur FH; Sie aber haben noch nicht einmal angefangen.

6. Dann kommt das FH-Studium. Acht Semester wären gut, neun üblich, Ihr Studium dauert insgesamt vierzehn Semester. Sechs davon nennen Sie „Allgemeine Grundlagen der Betriebswirtschaft“. Was immer das ist. Soll das ein Vordiplom in BWL sein?

Nach der BWL folgt, an eben dieser FH, das Studium zum Dipl.-Wirtschaftsingenieur mit weiteren acht Semestern und einem – hier geben Sie erstmals die Note an – Abschluss mit 1,8.

7. Sie sind die bereits erwähnten 33 Jahre alt. Und Sie haben, so gar nicht typisch für Bürokaufleute und Fernmeldeassistenten, die äußerst enge Fachrichtung Reedereilogistik gewählt. Dafür hatten Sie sicher Gründe, Sie hatten sich hoffentlich vorher davon überzeugt, dass Absolventen dieser speziellen Ausrichtung hinreichend gesucht werden.

Aber mir wäre wohler, Sie hätten Speditions- oder Schifffahrtskaufmann gelernt gehabt. Fernmeldewesen und Reederei? Sicher, auch Schiffseigner telefonieren ….

8. Nun sind Sie jene fünfzehn Monate lang arbeitslos, vielleicht abzüglich eines zweimonatigen Praktikums irgendwann mittendrin. Ach ja, dieses Praktikum haben Sie bei einem „mittelständigen“ Unternehmen gemacht. Die gibt es gar nicht, seien Sie dessen versichert, aber darauf kommt es nun auch kaum noch an (sehen Sie im Duden nach, wie das richtig heißt).

Langzeitarbeitslosigkeit ist extrem schädlich für den Bewerbungserfolg, weil die Empfänger Ihrer Unterlagen u. a. sagen: „Der hat sich ja nun inzwischen überall beworben, keiner hat ihn genommen, da brauchen wir ihn uns gar nicht mehr anzuschauen.“

9. Aber Sie legen Ihrer Bewerbung noch ein Extrablatt bei. Darauf steht:“Meine Einstellung zu meiner Arbeit: Meine Arbeitsweise zeichnet sich durch ausgeprägte Leistungsbereitschaft und einen hohen Leistungsanspruch an mich selbst aus. Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind für mich selbstverständlich. Ich arbeite gern eigenständig, habe aber auch großen Spaß daran, mich in ein Team erfolgreich einzubringen.“ Und dann folgen noch sieben „persönliche Stärken“. Und dann wird dem Leser irgendwann schlecht.

Sagen wir es einmal so: Hätte jemand seinen FH-Abschluss nach acht Semestern und im Idealalter sowie mit besser als „2“ gemacht – dann könnte der von ausgeprägter Leistungsbereitschaft und „einem hohen Leistungsanspruch an mich selbst“ schwafeln. Jedoch: Dieser „Typ“ würde es nicht tun! Allein Ihre „Einstellung zu meiner Arbeit“ ist gewagt: Sie haben ja bisher noch gar nicht richtig gearbeitet, das soll ja erst noch kommen. Ein schnelles Studium mag als Arbeit immerhin angehen. Ein extrem langes eher nicht.

10. Sie haben also gar nicht „ein Problem“, Sie haben einen Haufen davon. Das müssen Sie zuerst einmal erkennen, dann anerkennen im Sinne von akzeptieren – und dann erst können Sie sich einer Lösung nähern. Sonst wird das nie etwas.

Übrigens hätten Sie in Ihrem Alter dies alles(!) längst(!) wissen müssen. Die Informationen darüber liegen auf der Straße und sind – spätestens seit zwanzig Jahren – frei zugänglich.

11. Und wenn Sie es vielleicht spontan auch nicht glauben wollen: Ich will Ihnen helfen, sonst nichts. Versuchen Sie, das zu verstehen. Aber Sie müssen sich und Ihr „Angebot“ auf dem Arbeitsmarkt im Licht der „Spielregeln“ dieses Metiers sehen. Sie können sich auch eine Weile über mich ärgern. Aber wirklich weiterbringen wird Sie das nicht.

Der Einstieg in das Berufsleben wird jetzt sehr, sehr schwer und nur unter Opfern möglich sein, das ist bei derart vielen „Flecken auf der Weste“ gar nicht anders denkbar. Mein Rat:

a) Werfen Sie das Blatt mit Ihrer Einstellung zur Arbeit komplett weg. Wer empfiehlt jungen Leuten bloß einen solchen Unsinn – das können Sie gar nicht selbst „erfunden“ haben.

b) Bauen Sie Ihren Lebenslauf entsprechend dem Muster auf meiner Homepage um. Bilden Sie Rubriken so, dass sich von vorne nach hinten ein problemlos und schnell nachvollziehbarer „Lauf“ ergibt (in chronologischer Form).

c) Geben Sie zusätzlich dort Erklärungen, wo die Logik sie fordert (siehe meine Anmerkungen; was ist mit dem Fernmeldeassistenten, was sollten die „Grundlagen der Betriebswirtschaft“?). Alles, was der Leser nicht in zwanzig bis vierzig Sekunden(!) versteht, legt er gegen Sie aus. Es ist Ihre Aufgabe, ihn zu begeistern.

d) Hören Sie auf, in Ihrem Anschreiben von „Herausforderung“ zu schreiben, die Sie suchen und stellen Sie nicht – wie heute – die Forderung, Sie wollten (nur) in ein „innovatives, kundenorientiertes Unternehmen“. Ihre Herausforderung hatten Sie schon – im Studium. Nach vierzehn Semestern auf der FH streichen Sie den Begriff für die nächsten zehn Jahre aus Ihrem Wortschatz.

e) Sie brauchen jetzt(!) nicht die Top-Position für einen Dipl.-Ingenieur mit 1,8 – Sie brauchen überhaupt die Chance, sich ins Arbeitsleben integrieren zu dürfen. Insbesondere nach dieser Arbeitslosigkeit und in diesem Startalter brauchen Sie irgendeinen Job, der, sehen wir der Tatsache ins Auge, deutlich unter Ihrer Examensqualifikation liegt und etwa dem entspricht, was Sie bei Fortführung des Berufs Bürokaufmann haben würden. Das in einem Unternehmen, das zur Reedereilogistik passt – und dann müssen Sie dort mit höchstem Einsatz „schaffe“ (wie die Schwaben sagen), sich ein positives Image erarbeiten und auf internes Fortkommen hoffen.

Schreiben Sie also (ich meine das absolut ernst) nicht wie bisher „Diplom-Wirtschaftsingenieur sucht Herausforderung“, sondern etwa „strebsamer Bürokaufmann mit umfangreicher Zusatzqualifikation sucht Bewährungschance“. Dann schreiben Sie, Sie seien zwar Wirtschaftsingenieur, würden aber akzeptieren, dass Sie mit Ihren diversen Handikaps „ganz unten“ anfangen und sich „on the job“ bewähren müssten. Dazu wären Sie bereit. Vielleicht hilft’s. Dass die andere Methode nicht geholfen hat, wissen wir.

Kurzantwort:

Einen akademischen Grad zu erringen, ist nicht alles, auch nicht bei gutem Examen. Zusätzlich müssen die „Begleitumstände“ lt. Lebenslauf stimmen – andernfalls können sie jede Chance zerstören.

Frage-Nr.: 1898
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 49
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-12-03

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