Heiko Mell

Wenn der Bewerber über 50 ist

Immer wieder ist festzustellen, dass Ihre Einschätzungen Volltreffer sind.

Nun habe ich mit 55 Jahren eine Frage, die viele – und es werden sicher noch viel mehr werden – Ingenieure meiner Altersklasse interessiert und betrifft.

Seit kurzem bin ich Betroffener eines Sozialplanes und werde demnächst das Unternehmen, in dem ich seit 34 Jahren tätig bin, verlassen müssen. Es handelt sich um Massenentlassungen mit dem Hauptziel der Kosteneinsparung.

Ich habe mich sofort auf entsprechende Stellenanzeigen hin beworben und komme immer wieder zu der folgenden Fragestellung im Hinblick auf das Anschreiben:

Es nimmt mir doch bei den aktuellen Arbeitsmarktproblemen kein Bewerbungsempfänger ab, wenn ich schreibe, dass die entsprechende Position genau diejenige ist, auf die ich ein Leben lang gewartet habe. Jeder Bewerbungsempfänger „riecht“ doch, dass es sich bei dem Alter um einen „Altgedienten“ handelt, den man – aus welchen Gründen auch immer – abserviert hat.

Wie kann man unter diesen Umständen vernünftig und für den Empfänger akzeptabel formulieren?

Antwort:

Sie haben mehrere Probleme, bei denen ich Lösungsansätze aufzeigen will. Ob sich dann daraus eine konkrete Lösung in Ihrem speziellen Fall abzeichnet, muss man sehen. Im Detail hängt das von mehreren, von Ihnen nicht zu beeinflussenden Faktoren ab (konjunkturelle Situation der Branche, zufällig gesuchte / bei Ihnen vorhandene Fachkenntnisse, Anzahl und Qualifikation der Mitbewerber etc.).

Generalregel: Gehen Sie davon aus, dass ein professioneller Bewerbungsleser jedes bei Ihnen vorhandene oder zu vermutende Problem erkennt. Wenn Sie es „vorsichtshalber“ nicht ansprechen, denkt der Empfänger zusätzlich noch, Sie seien naiv oder nicht über übliche Regeln informiert („Der weiß ja noch nicht einmal, dass er ein Problem / mehrere Probleme hat. Ich habe keine Lust, in der Diskussion mit ihm erst einmal Aufklärungsarbeit zu leisten. Vielleicht gehört er sogar zu denen, die noch Schwierigkeiten leugnen, wenn ihnen das Wasser schon bis zum Hals steht.“).

Also: Sprechen Sie jedes erkennbare, nicht zu leugnende Problem offen an. Sie sollen es kommentieren, aber bitte nicht offensiv leugnen.

Beispiel für ein falsches Verhalten: „Ich bin 55 Jahre jung, leistungsfähiger als viele Jüngere. Außerdem wird sich die Wirtschaft in Zukunft verstärkt auf ältere Bewerber konzentrieren müssen, da ihr die demografische Entwicklung gar keine andere Wahl lässt. Und mit meinen Erfahrungen stelle ich locker jeden ‚rüstigen Anfangsdreißiger“ in den Schatten.“

Positive Beispiele will ich bei den einzelnen Punkten zu geben versuchen.

1. Problem: Ihre extrem(!) lange Dienstzeit. 34 Jahre sind es – ab zehn Jahren beginnen die ersten Bedenken von Bewerbungsempfängern, ab fünfzehn werden diese massiver. Kaum jemand will einen neuen Mitarbeiter, der so „tief“ geprägt ist durch jenes eine Unternehmen – und sich altersbedingt vermutlich nicht mehr umgewöhnen kann oder will.

Lösung: Nutzen Sie jede denkbare Möglichkeit, schon bei der Gestaltung im Lebenslauf die ja fast immer gegebenen Umgründungen, Namensänderungen, Strukturneugestaltungen, Änderungen in der Konzernzugehörigkeit u. ä. ganz deutlich zu machen. Für den – meist flüchtigen – Leser muss sich ein eher „buntes“ als etwa eintönig / gleichförmiges Bild ergeben. Prinzip: Wer etwa 34 Jahre lang unter stets gleichen Umständen mehr oder minder ähnliche Aufgaben gelöst hätte, wäre weitgehend uninteressant. Es könnte sich sogar anbieten, anlässlich einer totalen Namensänderung der Firma im Lebenslauf rein optisch ein neues Arbeitsverhältnis zu beginnen. Es ergibt sich dann allerdings das Problem der Zeugnisse. Sie müssten dafür zumindest ein Zwischenzeugnis aus jüngerer Zeit haben, das alle diese Phasen beschreibt und damit abdeckt.

Unabhängig davon können Sie im Anschreiben etwa ausführen: „Seit einer Reihe von Jahren ist mein Arbeitsverhältnis jeweils auf die im Lebenslauf nachfolgende Gesellschaft übergegangen, daher gibt es auch keine Endzeugnisse aus den einzelnen Phasen. Die aus den diversen Veränderungen resultierenden, mich und meine Arbeitsumgebung betreffenden Neuregelungen waren z. T. sehr tiefgreifend. Als Beispiel mag mein Übergang vom XY-Konzern per Management-Buy-out zum großen Mittelständler ABC GmbH im Jahre 200x dienen. Ich habe oft überlegt, aus strategischen Gründen einmal bewusst den Arbeitgeber zu wechseln, um mich nicht dem Vorwurf einseitiger Prägung durch ein Unternehmen auszusetzen. Durch die erwähnte Entwicklung jedoch wurde ich mit so gravierenden Veränderungen in relativ kurzen Abständen konfrontiert (einschließlich der ständigen personellen Veränderungen in den höheren Führungsebenen), dass ich mich heute sogar als besonders erfahren im Einstellen auf neue Arbeitsumgebungen bezeichnen darf – auch wenn das Beschäftigungsverhältnis formal fortbestanden hat.“

2. Problem: Das Motiv für die Bewerbung. Bitte gehen Sie davon aus, dass „kein Mensch“ glaubt, Sie würden in diesem Alter (siehe 3. Problem) etwa freiwillig unter die Bewerber gehen. Also muss zunächst einmal die Massenentlassung mit Sozialplan als Grund für das Verlassen des bisherigen Arbeitgebers genannt werden. Danach(!) kann man dann versuchen, die neue (ausgeschriebene) Position als besonders reizvoll darzustellen. Wobei man sich in diesem Alter eher auf das konzentrieren soll, was man für das Unternehmen mitbringt – und also tun kann – als auf die Versicherung, es sei eine „Traumposition“. Das glaubt ohnehin im Rahmen dieser Gesamtkonstellation niemand.

Wichtig ist dann noch, dass man dem unausgesprochenen Verdacht entgegentritt, man sei im Rahmen eines gezielten Auswahlprozesses freigesetzt worden – etwa wegen schlechter Leistungen o. ä.

Lösung: „Mein Arbeitgeber hat sich wegen gravierender wirtschaftlicher Probleme zu Massenentlassungen veranlasst gesehen, von denen auch ich betroffen bin.“ Dann sollte etwas in Richtung „pauschales Vorgehen, ohne Bewertung individueller Gegebenheiten“ folgen. Also etwa: „Die hierarchische Ebene, der ich heute angehöre, wurde komplett gestrichen“ oder „Das Projekt, in dem ich mich derzeit engagiere, ist komplett eingestellt worden.“

Danach kann etwas Positives zum Hineinpassen in das Anforderungsprofil kommen. Hier empfehlen sich keine pauschalen Aussagen („Alles, was Sie fordern, bringe ich mit“ oder „Die Position wirkt wie auf mich zugeschnitten“), sondern eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema der Anzeige. Man zählt seine wesentlichen Erfahrungsschwerpunkte auf – und „zufällig“ passen sie genau zum Thema. Beispiel:“Meine Erfahrungsschwerpunkte liegen insbesondere auf den Gebieten …, … und …. Dabei habe ich auch sehr viele internationale Kontakte wahrgenommen (sofern die Anzeige daran Interesse erkennen ließ). Zusätzlich bin ich mit … und … vertraut.“Es ist dann noch etwas Raum für eine pauschale positive Aussage dieser Art: „Ich bin sicher, auf der Basis meiner umfassenden Erfahrungen genau in diesem Metier nach kurzer Einführung und ohne lange Einarbeitung mit dem von Ihnen gewünschten Grad von Selbstständigkeit überzeugende Aufgabenlösungen vorweisen zu können.“

3. Problem: Das Lebensalter. Ersparen wir uns eine erneute Auflistung der Vorbehalte und Bedenken, nehmen wir diese einfach einmal als gegeben an (Sie könnten sie ohnehin nicht aus der Welt räumen). Die Bedenken gegen das Alter eines Bewerbers beginnen oft oberhalb einer Grenze von 45, werden ab 48 massiv und ab 50 – vorsichtig gesagt – sehr massiv. 55 ist eine Zahl, die in diesem Zusammenhang als „extrem“ gelten muss. Sie sollten dieses Thema keinesfalls einfach übergehen.

Lösung: Zeigen Sie zumindest, dass Ihnen diese Belastung Ihres Marktwertes bewusst ist – und bieten Sie Ihrerseits etwas an. Letzteres darf nicht darin bestehen, das Problem etwa durch vermeintlich geschicktes Argumentieren doch wieder zu leugnen oder es in den Plusbereich verschieben zu wollen – das gelingt nicht.

Positives Beispiel: „Selbstverständlich sind mir mögliche Bedenken bzw. Vorbehalte gegen Bewerber meiner Altersgruppe vertraut. Ich bin mir daher uneingeschränkt der Tatsache bewusst, dass ich mich besonderen Anforderungen an Flexibilität, an die Bereitschaft, aufgeschlossen auf Neues zuzugehen und Veränderungen als Chance zu begreifen stellen muss. Ich sehe es als besondere Herausforderung an, Sie von meiner dauerhaften Eignung für diese anspruchsvolle Aufgabe zu überzeugen. Ich bin gesund, uneingeschränkt belastbar, absolut mobil und werde sicher noch mindestens zehn Jahre engagiert arbeiten.“

Aber das reicht meist noch nicht. Also könnte je nach Lage des Falles folgende Ergänzung hilfreich sein: „Gern bin ich auch zu speziellen Lösungen bereit, um Ihnen den Entschluss zu meiner Einstellung zu erleichtern: So ist zunächst ein befristetes Arbeitsverhältnis ebenso denkbar wie eine freiberufliche Tätigkeit o. ä. Ob die Position exakt auf meiner heutigen Hierarchieebene liegt, ist völlig unerheblich, entscheidend sind die Aufgabe und die Chance, wieder eine neue Position zu finden, in die ich meine umfassenden Erfahrungen einbringen kann.“

Achtung: Wenn die in der Anzeige dargestellte Position eher unter- als oberhalb Ihrer heutigen angesiedelt zu sein scheint, sollten Sie im Lebenslauf eher tief- als hochstapeln! Letzteres soll man ohnehin nicht tun. Aber ein Beispiel: Gesucht wird ein Projektingenieur. Sie könnten nun aber seit zwanzig Jahren Projektleiter-Positionen und seit fünf Jahren einen stellvertretenden Abteilungsleiter vorzuweisen haben. Seien Sie damit zurückhaltend! Schreiben Sie beispielsweise:“… tätig in unterschiedlichen Funktionen als Projektingenieur, Teilprojekt- und Projektleiter in den Bereichen …“ – und den stellvertretenden Abteilungsleiter könnten Sie ja auch einmal „vergessen“. Es gibt keine Tiefstapler in den Gefängnissen.

4. Problem: Das Geld. Altgediente Leute sind teuer. Das ist einer der Gründe, warum Unternehmen sie so gerne loswerden und bei Bewerbungen oft lieber jüngere Kandidaten nehmen. Vor allem aber: Der Bewerbungsleser weiß nicht, ob Sie überhaupt wissen, dass Sie teuer sind, ob Sie in diesem Punkt „vernünftig“ reagieren oder ob Sie zu den „Traumtänzern“ gehören, die auch in dieser Situation erwarten, jetzt 20 % + angeboten zu bekommen.

Lösung: Jeder Job ist besser als keiner, jede Bezahlung ist besser als Sozialhilfe. Der Markt erwartet, dass Sie in diesen Dimensionen denken. Außerdem: Das Haus ist bezahlt, die Kinder sind ausgezogen und mit der Ausbildung fertig, das kann doch eine Basis für eine gewisse Flexibilität sein.

Beispiel: „Selbstverständlich steht in meiner Situation das Einkommen nicht im Mittelpunkt. Außerdem federt die Abfindung meines bisherigen Arbeitgebers Übergangsprobleme ab. Ich bin daher sicher, dass wir im Rahmen Ihrer Vorstellungen und Bandbreiten eine zufriedenstellende Lösung finden werden.“

Pauschale Empfehlung: Selbstverständlich müssen Sie zwischen Hamburg, Leipzig und München absolut flexibel sein und gegebenenfalls tatsächlich umziehen.

Sie sollten auch „total verrückte“ Positionen (von der Aufgabe, der Branche, der Position selbst oder vom Standort her) prüfen: Der „kampfstarke“ jüngere Bewerber, der Ihr härtester Konkurrent auf dem Markt ist, wird so etwas meiden. Er muss sich in fünf Jahren wieder bewerben – und wie sähe das dann aus? Für Sie entfällt das! Je ungewöhnlicher der offerierte Job ist, desto weniger müssen Sie unbedingt auf Übereinstimmung Ihrer Qualifikation mit dem Anforderungsprofil achten – den idealen Bewerber bekommt dieser Inserent ohnehin nicht. Denken Sie bei diesem Thema auch besonders an den Standort: Wer langfristig plant und zwei schulpflichtige Kinder hat, unterliegt anderen „Gesetzen“, auch darin kann Ihre Chance liegen.

Als Abschluss noch eine Anmerkung: Natürlich sind das nur pauschale Empfehlungen. Sie sollen weder meine Formulierungen wörtlich übernehmen, noch ausrechnen, wie lang das Anschreiben dann werden würde. Für den letzten Aspekt gilt: Wenn der Leser erst weiß, wie alt Sie sind, haben Sie ein Problem – gegen das die Überschreitung der Regel „kurzes Anschreiben“ geradezu harmlos ist. Wie stets gilt es, zwischen mehreren denkbaren Übeln abzuwägen und das kleinste auszuwählen.

Liest man meine Formulierungsvorschläge, dann könnte man zum Ergebnis kommen, dass es eigentlich beschämend sei, sich als Gesellschaft so zu organisieren und zu konstituieren, dass ein erfahrener Akademiker von 55 sich praktisch überall verbiegen und für seine Existenz auch noch entschuldigen muss – sofern er eine neue Anstellung sucht. Ich würde dem zustimmen: Wenn Sie den „Zeitgeist“ treffen, machen Sie ihm energisch klar, was Sie von ihm halten. Ich fühle mit Ihnen. Aber davon haben Sie nichts: Er ist auch nicht mein Kind.

Kurzantwort:

Nach 34 Dienstjahren bei einem Arbeitgeber im Alter von 55 entlassen zu werden, ist der „größte anzunehmende Unfall“ (GAU) in diesem Zusammenhang. Eine Lösung des Problems ist ungewiss und erfordert diverse Zugeständnisse.

Frage-Nr.: 1897
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-11-25

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