Heiko Mell

Spontanbewerbung und was nun?

Es ist bereits mehrfach vorgekommen, dass ich durch eine Spontanbewerbung zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. In den Gesprächen stellte sich heraus, dass zwar Bedarf vorhanden war, mein Profil aber dann doch nicht zur offenen Stelle passte. Man behielt sich vor, meine Unterlagen zu behalten. Sollte ein zu meiner Qualifikation passender Bedarf entstehen, würde man wieder auf mich zukommen.

Wenn ich jetzt mindestens ein Jahr nach diesem Gespräch noch in meiner alten Position, aber weiter an einem Wechsel interessiert bin und es kommt zu einem neuen Gespräch mit dieser Firma (die dann einen konkret zu mir passenden Bedarf hat), ergeben sich Fragen:

1. Wie begründe ich den Umstand, trotz damaliger Wechselwilligkeit zwischenzeitlich keine neue Position gefunden zu haben? Den Grund „Ich konnte nichts finden“ schließe ich eigentlich aus, auch wenn meine Entwicklungsmöglichkeiten in dieser Branche mit nur sehr wenigen geeigneten Arbeitgebern stark eingeschränkt sind.

2. Wie sieht der Bewerbungsempfänger einen solchen Fall, wenn die inzwischen verstrichene Zeit sehr lang ist, z. B. zwei Jahre? Unterstellt er mangelndes Engagement oder fehlende Fähigkeiten? Schließlich muss er davon ausgehen, dass ich innerhalb der letzten Jahre unzählige Bewerbungen versandt habe (fast wie ein Langzeitarbeitsloser).

3. Sollte ich erneut eine Einladung aufgrund einer Spontanbewerbung erhalten: Wie kann ich schon im ersten Gespräch vermeiden, später einmal in die Verlegenheit gemäß Frage 1 zu kommen?

Antwort:

a) „Spontan“ gefällt mir als Begriff in dem Zusammenhang nicht so gut, es klingt so chaotisch-ungeplant. Der Markt nennt die Dinger „Initiativbewerbung“, was die Sache auch nur sprachlich verbrämt: Es sind „unerbeten eingesandte Bewerbungen“, nichts anderes. Und Sie sehen jetzt, was dabei herauskommen kann.

Alle Probleme, von denen hier die Rede ist, rühren ausschließlich daher, dass Sie das eigentlich bestehende System der Personalsuche auf den Kopf stellen: Standard ist, dass ein Unternehmen erst einmal Bedarf hat, also konkret neue Mitarbeiter braucht. Dann wird es aktiv, es unternimmt etwas (wie der Begriff „Unternehmen“ schon sagt). Es wendet sich an den Arbeitsmarkt, veröffentlicht auf diesem seinen Bedarf. Es spricht bei qualifizierten Positionen den überregionalen Markt an, um sicher zu sein, den besten Bewerber aus ganz Deutschland zu gewinnen. Der Weg läuft z. B. über ein Inserat in den VDI nachrichten, in einer anderen Zeitung oder auch über eine Internetstellenbörse.

Dieses „Stellenangebot“ lesen Sie, dann bewerben Sie sich um diese Position – sofern der konkret beschriebene Job Sie interessiert und Sie die wichtigsten Kriterien des Anforderungsprofils erfüllen. Dann werden Sie eingeladen oder auch nicht – aber wenn Sie hinfahren zum Gespräch, wissen Sie, dass da auch wirklich eine offene, zu Ihnen passende Position vorhanden ist!

Übrigens kann in „schlechten Zeiten“ mit extremem Kostendruck der Fall eintreten, dass das suchende Unternehmen die offene Position erst einmal nur auf seiner eigenen Homepage ausschreibt, schauen Sie also bei Interesse auch dort gelegentlich nach.

Aber als Arbeitnehmer in solider, ungekündigter Position unerbetene Bewerbungen „auf Verdacht“ an fremde Firmen abzuschicken, ist generell problematisch. Sie sehen es ja.

b) Dass man Sie einlädt, wenn Sie aus der Branche kommen, ist nicht untypisch – was solche Bewerber erzählen, ist immer von Interesse. Das gilt auch dann, wenn man schon beim Lesen Ihrer Unterlagen weiß, dass man eigentlich gar nichts mit Ihnen anfangen kann.

Oder die Schuld liegt bei Ihnen – und Sie beschreiben Ihre Qualifikation so diffus und mehrdeutig, dafür aber Ihre Motivation für den Stellenwechsel und Ihre mit der Bewerbung verbundenen Ziele gar nicht. Dann sagt der Empfänger: „Lassen wir ihn einfach mal kommen und schauen wir mal.“ Und dann sieht man, was bei mehr Präzision beim Aufbau der Bewerbung auf Ihrer oder bei mehr Sorgfalt beim Analysieren auf der anderen Seite vorher hätte erkannt werden sollen: Es passt nicht.

Um Ihren Begriff noch einmal zu benutzen: In fast allen Bereichen des Berufs sind „spontane“ Handlungen, die eine große Tragweite haben können, eine kritische Geschichte.

Zu Ihren konkreten Fragen: Zu 1: Die Unternehmen sind durchaus auch merkwürdig, handeln unlogisch und unsystematisch. Aber sie sägen nicht den Ast ab, auf dem sie sitzen. Man lässt Sie nicht ein Jahr später kommen – um Ihnen zu beweisen, dass Sie jetzt eigentlich gar nicht mehr hätten kommen dürfen. Weil Sie, wenn Sie „gut“ wären, längst etwas Neues hätten gefunden haben müssen. Das würde ja bedeuten, dass der Entscheidungsträger beim suchenden Unternehmen denkt:

„Den laden wir jetzt ein. Wenn er in der Zwischenzeit eine neue Position hat, kommt er gar nicht erst. Kommt er aber, weil er immer noch den alten Job ausübt – schicken wir ihn wieder nach Hause, weil er offensichtlich nichts taugt.“ Das wäre schon ein wenig schwachsinnig.

Nein, wer Sie in Kenntnis bestimmter Umstände einlädt, gibt Ihnen trotz dieser Umstände eine reale Chance. Schön, er könnte(!) fragen – aber mit dem Ziel, eine beruhigende Antwort zu bekommen, mit der er leben kann.

Beispielsweise: „Ich stand damals ebenso wie heute keinesfalls unter Wechseldruck, seitdem habe ich auch keine weiteren ernsthaften Versuche mehr unternommen. Nur damals wie heute hatte und habe ich großes Interesse an einer Position in Ihrem Unternehmen.“ Und dann kommt irgendeine Begründung, die sich einigermaßen gut anhört (so eine Begründung muss es ja geben, sonst hätten Sie sich dort damals nicht beworben).

Die Begründung kann auch bei Ihrem damaligen (und heutigen) Arbeitgeber liegen: „Damals war intern eine etwas kritische Situation eingetreten (z. B. wirtschaftliche Probleme, ungewisse Zukunft der Abteilung, Gerüchte über Verkauf der Firma), die sich dann wieder etwas beruhigt hat. So bin ich durchaus weiter an einer Alternative interessiert, fühle mich aber nicht mehr so unter Druck stehend.

„Keine Angst, die wollen Sie ja haben. Die suchen nach Argumenten für, nicht gegen Ihre Einstellung (das gilt für jedes Vorstellungsgespräch – auch wenn es anders wirkt auf den Bewerber).

Zu 2: Siehe zu 1. Sie sind eben kein Langzeitarbeitsloser und hatten keinen Grund, „unzählige“ Bewerbungen zu versenden!

Zu 3: Präzisieren Sie im Anschreiben Ihre Vorstellungen so weit wie möglich, damit sich nicht wieder die Situation ergibt, dass Sie zu keiner offenen Position dort passen. Beispiel: „Nach fünfjähriger Tätigkeit als Entwicklungsingenieur suche ich jetzt den Einstieg in die Führungsverantwortung, z. B. als Projekt-, Team- oder Gruppenleiter.“

Vielleicht beschreiben Sie auch Ihre heutige Tätigkeit zu wenig, so dass der Empfänger Ihrer Bewerbung nur schwer merken kann, dass Sie gar nicht zum derzeitigen Bedarf dort passen.

Am besten aber warten Sie, bis ein Unternehmen mit Personalbedarf etwas unternimmt und seinerseits aktiv wird – worauf Sie dann reagieren.

Man soll übrigens generell nicht in ein bestimmtes Unternehmen hinein wollen, das ist stets recht problematisch. Man soll hingegen eine bestimmte Art von Position bei einem definierten Unternehmenstyp (oder mehreren davon) anstreben, das ist einfacher und absolut systemkonform.

Kurzantwort:

„Spontan-“ oder Initiativbewerbungen richten sich nicht auf eine bestimmte, definierte Position, sondern sind eher diffus, ins „Blaue“ gerichtet. Für Angestellte in solider, ungekündigter Position ist dies ein eher problematischer Weg. Das System sieht grundsätzlich einen anderen vor.

Frage-Nr.: 1891
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-11-04

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