Heiko Mell

Es ist alles noch viel schlimmer …

Ihre Serie lese ich seit Jahren und habe bei den meisten Sachen gedacht, das ist doch selbstverständlich, warum erwähnt er das immer wieder.

Vor kurzem bin ich im karrieremäßigen Greisenalter von Mitte 40 in die Position des Abteilungsleiters gekommen (es geht also doch, wenn vielleicht auch selten). Seitdem lese ich Bewerbungen, führe Einstellungsgespräche – und denke manchmal, ich bin im falschen Film!

Oft habe ich bei Ihren Hinweisen gedacht, das kann doch nicht sein, aber es ist viel schlimmer:

Da bewerben sich Leute, bei denen ich denken muss, die haben die Anzeige nicht gelesen. Oder sie bewerben sich gleichzeitig auf zwei Stellen (was wollen die denn eigentlich?).

Neulich hatte ich einen Techniker zum Vorstellungsgespräch, den ich aufgrund der Bewerbungsunterlagen vom Fleck weg eingestellt hätte. Dann kam er zum Gespräch (offenes Sporthemd, Sandalen) und erklärte mir auf Nachfrage, warum er sich gerade um diese Stelle beworben hätte, er hätte sich auch noch um eine Stelle im Vertrieb beworben und wollte jetzt mal sehen, was sich so ergibt (Danke, das war’s).

Für mich war es immer selbstverständlich, dass das Bewerbungsgespräch ein Verkaufsgespräch ist, in dem ich etwas verkaufen will (mich). Vielleicht daher mein später Erfolg? Bisher habe ich zwei Firmenschließungen hinter mir und hatte übergangslos immer direkt wieder eine neue (bessere) Stelle.

Andere scheinen das lockerer zu sehen. Auch die ordentliche Form einer Bewerbung hat sich noch nicht überall herumgesprochen (Mappe etc.).

Beim Lebenslauf bin ich übrigens Ihrer Meinung: Bitte chronologisch in der richtigen Reihenfolge. Die neumodischen Lebensläufe, die mit der letzten Beschäftigung anfangen, kosten mich fast doppelt so viel Zeit, weil ich jedes Mal umdenken und suchen muss.Und wo sind eigentlich die älteren Ingenieure? Haben die schon resigniert und schreiben gar keine Bewerbungen mehr? Wir schreiben in unsere Anzeigen ausdrücklich hinein, dass langjährige Berufserfahrung erwünscht ist. Die Resonanz ist mager. Leute, wo seid ihr, wir suchen euch!

Ein paar Worte zu unserer Firma, damit nicht der Eindruck entsteht, dies wäre eine Pommes-frites-Bude: Als deutsche Niederlassung einer internationalen Engineering-Firma sind wir hier seit zwei Jahren ansässig und derzeit bei ca. 200 Leuten angelangt, Tendenz steigend. Meine Abteilung besteht derzeit aus acht Leuten, 75 % Ingenieure, 25 % Techniker. Weltweit gehören über 30.000 Mitarbeiter zur Firma.

Antwort:

Ein besonders wichtiger Beitrag. Vor allem: Hier schreibt ein Fachvorgesetzter aus der Praxis, nicht „bloß“ ein Personalleiter oder -berater. Ein Mann wie dieser hier hat – immer – das letzte Wort bei der Beurteilung einer Bewerbung oder eines Vorstellungskandidaten.

Zu den einzelnen Themen dieses Beitrags:1. Das mit den Bewerbern (nicht mit allen, aber mit der Mehrheit) ist wirklich so schlimm oder wirklich noch viel schlimmer.

Warum das so ist, liegt im Dunkeln. Wenn der gebildete Akademiker sich bewirbt, unterliegt er offensichtlich einer geheimnisvollen Mutation, über deren Endstadium man dann nur noch den Kopf schütteln kann. Verstehen Sie, liebe Leser, bitte das Problem in seiner gesamten Komplexheit: Unser Einsender denkt bei vielen Bewerbern gar nicht daran, sie einzustellen – und viele Entscheidungsträger (sehr viele!) denken wie er. Es wird klar, dass sich diese Kandidaten nicht wundern dürfen, wenn sie keine anspruchsvolle Position bekommen und letztlich irgendwie „übrig“ bleiben. Natürlich trägt nicht jeder, der davon betroffen ist, allein die Schuld daran. Aber nicht alle aus dieser Gruppe sind völlig unschuldig an ihren Problemen. Die nötigen Informationen werden – u. a. hier – sogar kostenlos angeboten.

Und es muss auch gelobt werden: 10 % aller Bewerber lesen die Anzeige, geben sich Mühe, haben einen den Vorgaben entsprechenden Werdegang mit guten Zeugnissen, kommen mit den richtigen Kenntnissen und Erfahrungen aus der richtigen Branche, bemühen sich um ein erfolgreiches „Verkaufen“ ihres Anliegens. Na schön, handeln Sie mich auf 15 % hoch. Aber es bleibt immer noch eine gewaltige Menge an Menschen, die kürzlich, früher oder schon immer im Sinne der Regeln vieles falsch gemacht haben -oder gerade anlässlich ihrer Bewerbung/Vorstellung dabei sind, es zu tun.

Warum bloß? Beim Fußball kommt ja auch niemand auf die Idee, sich den Ball für eine Weile unter den Arm zu klemmen. Weil man es in diesem Spiel nicht tut, weil die Regeln es verbieten. Die man von Beginn an kennen muss! Und selbst als Zuschauer kennt, als Spieler ohnehin.

Und wer dies jetzt liest und kopfschüttend – wie früher unser Einsender – sagt, das könne doch alles nicht wahr sein, dem sei gesagt: Es ist! Dieser Mann hier ist mein Zeuge.

2. Ich sage es seit Jahren: Der „Lauf“ eines Flusses geht von der Quelle zur Mündung, der „Lauf des Lebens“ beginnt mit der Geburt und endet „heute“. Ich kann auch eine Zeitung verkehrt herum drehen und dann lesen – aber warum sollte ich? Kostenloses Muster (von Praktikern viel gelobt und meines Wissens noch nie kritisiert) auf meiner Homepage (Adresse unter diesem Beitrag).

3. Die Sache mit den vielen älteren Ingenieuren, die angeblich keiner haben will, ist – vor allem im Bereich der Führungskräfte – auch mir ein Rätsel. Wir schreiben mitunter gezielt in die Schlagzeile: „… bis Mitte 50“ – und schlagen uns am Telefon gerade dann mit „rüstigen“ Endzwanzigern herum, die energisch argumentieren, warum sie grade hier besonders gut passen. An älteren Managern jedoch mangelt es dann im Feld.

Als Tipp für suchende Firmen: Wer aufgeschlossen ist für ältere Bewerber sollte dies in seinen Anzeigen deutlich machen – um irgendein „schlummerndes Potenzial“ zum Schreiben zu ermutigen. Wenn viele Firmen so in ihren Inseraten vorgehen, führt das vielleicht zu mehr Mut bei älteren Bewerbern.

Kurzantwort:

Bitte wundern Sie sich nicht, wenn Sie auf Bewerbungsempfänger stoßen, denen es an pauschaler Hochachtung vor Bewerbern mangelt. Diese Leute haben Erfahrungen gesammelt, die ein Laie nicht für möglich hält. Natürlich gibt es auch Ausnahmen (auf Bewerberseite).

Frage-Nr.: 1884
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-09-30

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