Heiko Mell

Ist „Journalist“ zu sein eine Empfehlung in der Industrie?

Mit großem Vergnügen verfolge ich regelmäßig Ihre Beiträge; und zwar umso mehr, als da Sie mir persönlich mit Ihrer Antwort vor einigen Monaten sehr viel weitergeholfen haben (danke; aber, lieber Herr Freiberufsjournalist, an der Formulierung „als da“ arbeiten wir noch etwas, versprochen? d. Autor).

Heute wende ich mich mit einem Problem bezüglich meiner Nebentätigkeit an Sie. Bereits seit meinem 12. Schuljahr bin ich freiberuflich journalistisch tätig, zunächst bei einigen lokalen Blättern, in letzter Zeit aber auch regelmäßig bei überregionalen Zeitschriften. In meinen bisherigen Bewerbungen für Praktika o. ä. (ich bin Student) habe ich dies regelmäßig betont, da ich davon ausging, dass eine solche Nebentätigkeit implizit (?, d. Autor) positiv „besetzt“ sei („Bewerber zeigt Problembewusstsein, kann gut recherchieren, kann mit Menschen umgehen und unter Druck arbeiten, hält Deadlines ein“).

Allerdings musste ich nun häufiger feststellen, dass meine Bewerbungen – vermutlich aufgrund ebendieser Nebentätigkeit – pauschal abgelehnt wurden. Ein Personaler antwortete mir auf Nachfrage sogar frei heraus: „Ich bin doch nicht blöd und hole mir einen Journalisten auch noch freiwillig ins Haus!“ Es erübrigt sich ja wohl zu betonen, dass ich für die Zeit meiner Anstellung die Nebentätigkeit selbstverständlich – je nach Vereinbarung – ruhen lassen, auf unternehmensferne Bereiche beschränken oder sogar zum Wohl des Unternehmens einsetzen würde (Stichwort PR).

Soll ich also zukünftig meine journalistische „Vorbelastung“ tiefer hängen oder ganz verschweigen? Damit bliebe aber beinahe keine Praxiserfahrung mehr in meinem Lebenslauf übrig.

Antwort:

1. Ich komme aus der Welt der Industrie, kenne diverse Kunden aus diesem Metier und aus verwandten Bereichen, habe viel geschrieben und tue es noch. Eigentlich sollte ich ideal vermitteln können zwischen Unternehmen und Journalisten. Aber ich signalisiere Hilflosigkeit. Nicht einmal ich kann sagen, wie Journalisten denken oder funktionieren. Nur eines weiß ich ganz sicher: anders. Es scheint sich zu unserer um eine Art Parallelwelt zu handeln: Man weiß voreinander, trifft sich aber nie.

Da sind die ganzen Enthüllungsgeschichten, veröffentlichte Vertraulichkeiten aus der Politik, ausgegrabene Einzelheiten aus dem Leben Prominenter – das alles lesen wir täglich. Schön, mitunter sogar gern. Aber die von uns Laien dahinter vermutete Welt, die dort unterstellten Denkstrukturen sind – eben anders. Ich glaube, jedes Wirtschaftsunternehmen hat etwas zu verbergen. Die Firma als solche, die Menschen darin auch. Vor dem Finanzamt, vor dem Wettbewerb, vor dem Chef, dem Arbeitgeber generell, den Kollegen. Wir neigen dazu, das unter der Decke zu halten. Bloß nichts nach außen dringen lassen, heißt die Devise. Bei der schreibenden Zunft dürfte der entgegengesetzte Drang vorherrschen.Hinzu kommt bei manchen – beileibe nicht bei allen – Journalisten die Fähigkeit, die Jobs der anderen Menschen gleich mit zu erledigen. Sie sagen dem Kanzler, wie er zu regieren, dem Architekten, wie er zu planen und dem Automobilkonstrukteur, wie er zu konstruieren gehabt hätte. Das erfreut die Betroffenen etwa ähnlich wie meine Kritik manchen Ratsuchenden, dem ich hier antworte.

Menschen, die darauf aus sind, vieles vor vielen geheim zu halten und solche, die von Berufs wegen den Eindruck machen, sie würden am liebsten „alles“ als Nachricht verarbeiten, leben nun einmal in verschiedenen Welten und harmonieren nur bedingt miteinander. Welche Rolle die freie Presse in einer demokratischen Gesellschaft spielt und wie wichtig daher die Journalisten für das Funktionieren derselben sind, muss ich sicher nicht betonen, das versteht sich von selbst.

Natürlich, aber das gehört bei einem Vorurteil dazu, ist vieles von dem, was hier steht, entsetzlich pauschal und wirft den politischen Leitartikler mit dem Autotester in einem Topf – aber auf dem steht halt „Journalist“.

Man ist sich also gegenseitig ein bisschen fremd – und will das auch bleiben. Der Außenminister mag sich einen Journalisten als Pressesprecher engagieren – aber als Chef der Hauptabteilung „Außenpolitik Europa“ holt er keineswegs den Mann, der in der führenden Tageszeitung jeden Tag neu schreibt, wie diese Politik zu gestalten wäre. Zum Ausgleich lässt Mercedes nicht das nächste Auto gleich vom Tester des letzten entwickeln (was nicht ausschließt, dass man gelegentlich einander zuhört).

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich habe überhaupt keine Probleme mit den Journalisten dieser Zeitung (wobei ich nicht ausschließe, dem einen oder anderen schon einmal etwas suspekt gewesen zu sein). Aber mit anderen schon: Eine große deutsche Tageszeitung beispielsweise fordert seit einiger Zeit keine Beiträge von mir mehr an. Und zwar seit ich den Journalisten dort schrieb, der Mensch, der immer meine halbwegs brillanten und stets aussagefähigen Überschriften durch andere ersetzt, solle doch bitteschön den Text des jeweiligen Artikels wenigstens lesen, damit ein Mindestmaß an Übereinstimmung zu erkennen sei. Ich bin ganz sicher, wäre ich Journalist, würde ich ebenso handeln – und mich über Amateure hinwegsetzen, die von außen kommen und denken, sie könnten etwa schreiben.

So, geehrter Einsender, damit wollte ich – in der Sache völlig wertneutral – nur erläutern, warum diese „Parallelwelten“ im Detail des Tagesgeschäfts so schwer zusammenkommen. Ich verstehe auch Ihren „Personalen“ (heißt das im Akkusativ so?) ganz gut. Als ehrliche Antwort auf eine ungestellte Frage: In mein Unternehmen kämen Sie als Praktikant auch nicht. Wer weiß, was dann eines Tages irgendwo in der Zeitung stünde … (verantwortet von meinem Überschriften-Gegner).

2. Bitte seien Sie doch nicht naiv: Wenn Sie versprechen, Ihre journalistische Tätigkeit während des Praktikums ruhen zu lassen, so wären doch „Geheimnisse“ in Ihrem Kopf, eventuell auch in Ihrer Aktentasche, gespeichert. Und wer schützt das Unternehmen gegen einen enthüllenden Artikel in sechs Monaten?

Bitte, liebe Leser, ich sage hier nicht, Journalisten seien … Ich erläutere hier nur, dass Leute aus dem Wirtschaftsbereich vermutlich denken, einzelne Journalisten könnten …

Selbst wenn das falsch wäre, so denken sie doch.

3. In diesem Lande (vielleicht auch woanders) gilt die Fähigkeit zu schreiben als Fähigkeit zu schreiben – erwarten Sie generell keine allzu positive Akzeptanz Ihrer schreibenden Person bei den Leuten, die tun, worüber Sie schreiben. PR ist ein anderes Thema, dafür hat man Fachleute …

4. Generell sollten Sie tatsächlich Ihre spezielle Nebentätigkeit tiefer hängen. Vieles könnten Sie abbauen, wenn Sie über „uninteressante“ Themen schrieben, z. B. „Das Leben der Stubenfliege im norwegischen Spätsommer“.

5. Gut, dass Sie die Zurückhaltung der Unternehmen schon jetzt gemerkt haben, so können Sie planen: Entweder eine hauptberufliche Karriere als Journalist (Hände weg von meinen Überschriften!) oder Konzentration auf Ihr Studiengebiet und aufhören mit dem Schreiben. Später, bei einer „richtigen“ Anstellung, spricht der Arbeitgeber im Sinne des 1. Gebotes: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst nicht haben andere Götter neben mir.“ Da ist wenig Raum für Zweitjobs nebenbei.

Und jetzt hoffe ich nur, dass gerade viele Journalisten im Sommerurlaub sind – obwohl ich gar nichts Angreifbares/Kritisches sagen wollte. Außer der Geschichte mit den Überschriften, das musste einmal gesagt sein.

Kurzantwort:

In Angestellten-Arbeitsverträgen heißt es meist: Jede auf Erwerb gerichtete Nebentätigkeit ist untersagt. Das gilt auch – und aus anderen Gründen gerade – für den nebenbei schreibenden Hobby-Journalisten.

Frage-Nr.: 1875
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-08-23

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