Heiko Mell

Mehr Akzeptanz von „gebildeten Deutschen“?

(Zunächst ein Hinweis: Der hier vorgestellte Fall sieht auf den ersten Blick sehr speziell aus – Sie, liebe Leser, könnten versucht sein, nach einem kurzen Blick auf die Fakten abzuschalten und sich anderen Problemen zu widmen. Ich möchte das gern verhindern. Denn irgendwie betrifft uns das Thema alle – und auch die Berührungspunkte mit allgemeinen Fragen der Bewerbungstechnik sind sehr zahlreich. Widerstehen Sie also der Versuchung …, d. Autor).

Frage/1: Ich bin deutscher Staatsbürger afrikanischer Herkunft. In meinem Heimatland habe ich eine Ausbildung zum Industriemechaniker machen können. Anschließend konnte ich als Baustellenleiter tätig werden und habe später jahrelang als technischer Leiter des Gesamt-CVJM dort fungiert. In dieser Zeit leitete ich mehrere Projekte – vor allem Bauvorhaben -, die mit internationalen Teams ausgeführt wurden.Als ich vor elf Jahren nach Deutschland kam, habe ich unter schwierigen Umständen mein Leben hier gestalten müssen und die deutsche Sprache erlernt. Später durfte ich arbeiten, jedoch wurde meine Ausbildung als Industriemechaniker hier nicht anerkannt. So jobbte ich in verschiedenen Bereichen und arbeitete mich stets neu ein.

Um eine anspruchsvollere Tätigkeit als die Hilfsarbeit ausüben zu können, musste ich erneut eine Ausbildung machen. So entschloss ich mich zu einem deutschen Fachabitur und anschließendem FH-Maschinenbaustudium, auch in der Hoffnung, von gebildeten Deutschen mehr Akzeptanz zu erfahren.

Da meine Frau aufgrund meines Studiums berufstätig bleiben musste, war ich auch während des Studiums zeitweise für die Betreuung unserer zwei kleinen Kinder verantwortlich. Dennoch schaffte ich das Studium in meiner vierten Sprache innerhalb von zehn Semestern mit gutem Ergebnis (1,9).

Mittlerweile liegt das Studienende fünf Monate zurück, ich bin 38 Jahre alt und bewerbe mich erfolglos (weit über 100 Versuche) bei deutschen und einigen französischen (Muttersprache) Firmen, Studienkollegen mit sehr viel schlechteren Ergebnissen, die häufig meine Hilfe benötigten, um Klausuren bestehen oder Praktika bewältigen zu können, haben alle eine Stelle erhalten. Anscheinend zählen meine beruflichen Vorerfahrungen für deutsche Firmen nicht und man beachtet mein Persönlichkeitsprofil, das meine hohe Lernbereitschaft und die Fähigkeit zeigt, sich in neuen Situationen zu bewähren, zu wenig.

Was kann ich tun, um eine berufliche Chance zu erhalten? Wie muss ich mich darstellen?Frage/2: Ich füge eine typische Bewerbung mit Anschreiben und Absage bei.

Antwort:

Antwort/1: Seit vielen Jahren beobachte ich Schicksal und Erfolge von Ausländern in Deutschland, meiner beruflichen Ausrichtung entsprechend mit dem Schwerpunkt „Akademiker im industriellen Umfeld“.

Unser Land bietet ganz sicher keine einfache Basis für diesen Personenkreis. Erblich und umfeldbedingte Prägungen führen offenbar zu Integrationsproblemen, die vor allem im persönlichen, selten im rein fachlichen Bereich liegen. Trotz aller Sprachkenntnisse (an denen es oft genug zusätzlich hapert) bleiben vermutlich so viele mentalitätsbedingte Unterschiede, dass schließlich leicht Ablehnung auf der einen und Verständnislosigkeit auf der anderen Seite entstehen. Nun muss sich, daran dürfte kein Zweifel bestehen, der Gast dem Gastland anpassen – wenn er seinerseits in letzterem Erfolg haben will. Würde ich nach Frankreich, in die USA oder in ein schwarzafrikanisches Land auswandern, müsste ich das auch.

Integration heißt also für den Einzelnen, der von draußen kommt und etwas will (hier: Arbeit) unter anderem auch Anpassung. Dazu muss man auch wissen, in welchen Bereichen man den Standards der neuen Heimat schon entspricht, in welchen man – möglichst „noch“ – abweicht. Dass Sie, geehrter Einsender, inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit haben, ist politisch von Bedeutung, für die hier im Mittelpunkt stehenden Fragen jedoch weniger (die anderen 80 Millionen Menschen hier sind alle Deutsche, das hilft ihnen bei Bewerbungen jedoch auch nicht).

Fangen wir mit einem winzigen Detail an: Ihren Vornamen könnte ich aussprechen, Ihren Nachnamen nicht. Dafür können Sie nichts, aber es ist Teil des Gesamtproblems. Sie haben jedes Recht der Welt, auf Ihren Namen stolz zu sein. Aber ist es auch klug, ihn als Signal doppelt so groß auf Ihren Briefkopf zu drucken wie jede andere Information?

Sie hatten in Ihrem Heimatland etwas absolviert, das wir eine „gewerbliche Lehre“ nennen. Gut. Dass diese später hier nicht anerkannt wurde, ist Pech – aber damit muss man bei einem solchen Schritt, wie Sie ihn unternommen haben, immer rechnen. Ihre auf dieser Basis erworbene Berufspraxis in Afrika ist sicher interessant – aber:

Baustellenleiter, später technischer Leiter und Projektleiter internationaler Teams wird man nach deutschem Standard auf der Grundlage einer gewerblichen Lehre nicht. So etwas kennt hier also kein Bewerbungsempfänger. Also schüttelt man symbolisch den Kopf und sagt (verhalten): ganz anders eben, nicht vergleichbar, Afrika eben, alles so weit weg. „Niemand“ hier weiß etwas über Ihre Heimat, über den industriellen oder Bildungsstandard, über politische Verhältnisse. Und das Führen von Menschen dort verleiht nach allgemeiner Auffassung keine Qualifikation für die Übernahme entsprechender Verantwortung hier.

Also denkt man auf Seiten der Bewerbungsempfänger auch weniger: Toll, was der dort alles gemacht hat, er ist ein hochinteressanter Leistungsträger. Sondern man zuckt eher die Schultern, kann das alles nicht einordnen, weiß nichts damit anzufangen. Und man besinnt sich darauf, dass der Nachweis der zu einer anspruchsvollen offenen Position passenden Qualifikation eine Bringschuld des Bewerbers ist. Der können Sie nicht genügen!

Also, mein Rat, streichen Sie diese ganze „technische Leitungsphase“, aus Ihrem Gedächtnis und aus Ihren Unterlagen. Sie haben eine gewerbliche Lehre in Afrika abgeschlossen und haben dann dort einige Jahre in Ihrem Beruf praktisch gearbeitet. Details dazu interessieren kaum.

Wenn Sie meinen Landsleuten imponieren wollen, müssen Sie aus den USA kommen. Frankreich und England liegen im Empfinden etwa auf unserer Linie, andere europäische Länder auch. Afrika nicht. Nicht aus Bosheit, sondern aus Unkenntnis. Und, da wir gerade dabei sind: Wie ein Mann, der von Ihrem Heimatland geprägt wurde, denkt, wie er sich anderen gegenüber benimmt, wie empfindlich er worauf reagiert, wie er sich als Arbeitnehmer in Deutschland einfügt, weiß auch niemand. „Produkten“ mit unbekannten Eigenschaften aber bringen „Käufer“ stets Zurückhaltung entgegen. Das ist leider so – und eine Ursache für Ihre weit über 100 Absagen auf Bewerbungen.

Sie sind ein intelligenter, tüchtiger Mann, der etwas erreicht hat, das jeder anerkennen muss. Aber Ihre Geschichte mit der Begründung für das Studium schwebt irgendwo zwischen kurios und bedenklich. Dabei ist die Sache viel einfacher: In jedem hochentwickelten Industrieland, in dem eine hochwertige, begabungsgerechte Ausbildung die Norm ist (wie bei uns), braucht man ein solches Studium, um halbwegs anspruchsvolle Jobs zu bekommen. Unter diesen Aspekten ist ein Studium hier weder etwas Besonderes, noch Ausdruck einer Elite, sondern normal im Sinne von üblich.

Jetzt sind Sie Dipl.-Ing. (FH), das ist toll – für Ihre Ausgangssituation. Aber, das ist Ihr zentraler Denkfehler, um Ihre Ursprünge geht es nicht in diesem „Geschäft“! Es geht um Fakten, um Ihre heutige Qualifikation: Und da sind Sie als Ingenieur Berufsanfänger mit 38 – und damit mehr als zehn Jahre zu alt. Schön, Sie können nichts dafür und es ist aus der Sicht Ihrer Herkunft ganz toll – aber das spielt im Leben praktisch keine Rolle.

Sie sind also für Ihren Status viel zu alt und noch dazu unkalkulierbar, weil in jedem Fall irgendwie „anders“ geprägt. Ein Risiko. Ein großes, das haben die 100 Bewerbungsempfänger gedacht. Es ist meine Aufgabe, Ihnen das zu erläutern. Dieses Denken müssen Sie zunächst einmal akzeptieren, sonst integrieren Sie sich hier nie.

Frage/2: Ich füge eine typische Bewerbung mit Anschreiben und Absage bei.

Antwort/2: Ihr (Anschreiben (mit dem übergroß geschriebenen, für Deutsche unaussprechlichen Namen obendrauf) ist an einen der größten, traditionsreichsten deutschen Konzerne gerichtet. Sie beziehen sich auf ein Stellenangebot für Ingenieure, nennen gleich noch zwei andere offene Stellen, um die Sie sich dort auch noch bemühen und sprechen von einer nicht näher bezeichneten vierten, auf die Sie sich vorher schon gemeldet hatten. Das ist nie gut – da alle Stellen irgendwo verschieden sind, haben „Schrotschussmethoden“ keinen großen Wert.

Von den drei konkreten Anzeigen, auf die Sie sich jetzt beziehen, sagt eine: „Eine Lehre oder praktische Erfahrungen im Arbeitsgebiet sind von Vorteil. Daneben haben Sie Erfahrungen im Bereich der Planung, Auswertung und Dokumentation von Versuchen sowie in der Projektarbeit.“ Selbstverständlich ist stets gemeint: „eine Lehre hier in diesem Lande, Versuchsplanung hier in diesem Lande, Projektarbeit mit hiesigen Mitarbeitern hier in diesem Lande.“ Das alles haben Sie nicht. Die beiden anderen Stellenangebote fordern jeweils „möglichst Berufserfahrung“ sowie kompromisslos „Berufserfahrung“. Gemeint ist, wenn – wie hier – ein Ingenieur gesucht wird, „Erfahrung als Ingenieur“. Und die haben Sie nicht!

Weiter im Text: Sie schreiben im ersten Absatz Ihres Anschreibens, Sie hofften, „dass Kompetenz, Leistungsmotivation, internationale Erfahrung und Persönlichkeitsentwicklung in Ihrem Unternehmen zählen“. Was glauben Sie, was das da ist, eine Würstchenbude? Das, geehrter Einsender, ist arrogant – und glauben Sie mir, davon verstehe ich eine Menge. Natürlich ist Deutsch nicht Ihre Muttersprache; da besteht immer die Gefahr, dass eine Wendung anders gemeint war als sie interpretiert wird. Aber Ihr – schriftliches – Deutsch ist ganz hervorragend. Nachteil: Man glaubt schon, dass Sie meinen, was Sie schreiben.

Selbst Kleinigkeiten gilt es zu beachten: Sie schreiben: „Meine große Lernbereitschaft und mein starkes Engagement zeigen sich darin, dass ich mich in meinem bewegten Leben stets in neuen Situationen bewährt habe. So konnte ich bereits nach kurzer Zeit in einer mir bis dahin fremden Sprache das anspruchsvolle Maschinenbaustudium innerhalb weniger Semester mit gutem Ergebnis (1,9) abschließen.“

Darin stecken:

– Eigenlob („meine große Lernbereitschaft …“),

– das Eingeständnis eines „bewegten Lebens“ – nicht optimal für einen traditionsbewussten Elite-Konzern,

– der Hinweis, dass Sie Deutsch erst seit Studienbeginn sprechen – dann kann erfahrungsgemäß heute nur ein „gebrochenes“ Sprechen mit starkem Akzent vorherrschen; zwar ist Ihr Schriftdeutsch gut – aber vielleicht sind Sie mit einer Deutschen verheiratet, die für Sie schreibt?

– die „wenigen Semester“, die man sofort nachrechnen wird: Es sind zehn – anständig für einen „Ausländer“, aber nicht kurz.

Wäre ich Graphologe, läse ich etwas aus Ihrer Unterschrift: Das sind 55 mm Krakel ohne erkennbaren Bezug zu einer Schriftsprache. Und mussten Sie Ihr Foto so übergroß mitten auf ein fast weißes Blatt Papier drucken? Ich rate stets zu einem kleinen Bild oben rechts auf dem Lebenslauf.

Versuch einer Zusammenfassung und Empfehlung:

Wie so viele Menschen in Ihrer Situation sitzen Sie als „Wanderer zwischen den Welten“ irgendwie zwischen zwei Stühlen: Aus der Sicht Ihrer Lebens-Startposition haben Sie ungeheuer viel erreicht, haben Sie Erstaunliches geschafft. Toll! Aus der Sicht der Entscheidungsträger, bei denen Sie sich bewerben, sind Sie ein viel zu alter Berufsanfänger, Ihre Ausbildung als Dipl.-Ing. (FH) haben wir hier massenweise (will heißen, das allein ist noch keine Auszeichnung), ganz erkennbar sind Sie durch einen völlig anderen Kulturkreis geprägt, wobei man nicht weiß, wie sich das mit unseren Standards vertragen wird. Ihr Schriftdeutsch ist sehr gut, aber Sie wirken in Teilbereichen sehr anspruchsvoll und riskieren den Vorwurf, arrogant zu sein. Und Sie greifen mit den angestrebten Positionen zu hoch.

Sie backen heute, wie man hier sagt, sehr große Brötchen – backen Sie lieber kleine. Als viel zu alter Anfänger sollte nicht die Elite deutscher Großkonzerne Ihr Ziel sein, sondern eher das kleinere Unternehmen in etwas großstadtferner Lage. Sie müssten nicht argumentieren: „Seht her, ich bin besonders toll!“, sondern eher „Leider habe ich einige Handikaps, aber ich werde für eine Chance dankbar sein und durch Leistung sowie die unbedingte Bereitschaft zur Anpassung an die betrieblichen Gegebenheiten hier zu überzeugen versuchen“. Denken Sie auch daran, vielleicht zunächst – als Ingenieur – ein längeres Praktikum anzustreben, um später zeigen zu können, dass Sie sich einfügen in die hiesige Berufswelt.

Wenn dann Ihre Integration in das deutsche Arbeitsleben erfolgreich und nachweisbar gelungen ist, also etwa in drei Jahren, dann wäre an einen Job zu denken, der vielleicht wirklich Ihrer ganz sicher eindrucksvollen Qualifikation entspricht.

Ganz wichtig ist mir der abschließende Hinweis, dass ich Ihnen nur helfen wollte. 100 vergebliche Bewerbungen sind eine unübersehbare Warnung. Ihnen ist mit allgemeinen Aussagen wie „Das ist aber böse von den vielen Unternehmen, Sie nicht einzustellen“ auch nicht geholfen.

Frage-Nr.: 1860
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-07-02

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