Heiko Mell

Was sind Ihre Stärken und Schwächen?

Frage: Zu der im Vorstellungsgespräch gestellten Frage „Nennen Sie mir jeweils drei persönliche gute und schlechte Eigenschaften, die Sie haben“, würde ich gerne wissen:
Was ist deren Sinn?
Wie gibt man darauf (oder gibt es darauf überhaupt) eine richtige Antwort?
Ist es üblich, so etwas zu fragen?

Antwort:

Zur letzten Frage zuerst: Leider ja, es handelt sich um eine weitverbreitete Leidenschaft unter den Führern von Vorstellungsgesprächen. Voller Stolz berichten viele davon: „Also ich frage stets: Was sind Ihre größten Stärken und Schwächen?“ Die Geschichte mit den auf drei zu beschränkenden Antworten ist lediglich eine Variation, die von Ihnen zitierte, etwas abweichende Formulierung der Fragen desgleichen.

Es geht dabei niemals um die jeweilige Antwort an und für sich. Vielmehr hofft der Fragesteller, den Kandidaten dabei beobachten zu können, wie er reagiert, wenn er plötzlich mit einer schwierigen Situation konfrontiert wird!

Das geht bei den Stärken (oder den guten Eigenschaften) los: Keine zu haben, verbietet sich – warum sollte das Unternehmen diesen „Bewerber ohne Stärken“ überhaupt einstellen? Also gilt es blitzschnell, sich einige (oder drei) Vorzüge im Sinne der zu besetzenden Position zu überlegen. Dabei verbietet sich penetrantes Eigenlob wie: „Ich bin brillant, fast genial und besser als die meisten anderen.“ Ein wenig harmloser muss es schon klingen.

Schwieriger werden die Schwächen! Die Wahrheit verbietet sich „von selbst“. Wer will sich schon mit „Ich bin ein bisschen faul“ um seine Chancen bringen. Oder mit „Ich habe eine Schwäche für alles, was Röcke trägt“ oder einem deutlichen „Ich kann keine Kritik vertragen“. Gar keine Schwächen zuzugeben, kommt auch nicht in Frage. Sonst sagt der Arbeitgebervertreter: „Sie haben also gar keine negativen Seiten. Das sagt nicht einmal unser Vorstandsvorsitzender von sich. Sie sind also entweder völlig unkritisch sich selbst gegenüber oder feige oder Sie lügen. Suchen Sie sich etwas aus.“

Zu sehen, wie der Bewerber damit umgeht, wie er sich aus der anerkannt schwierigen Lage wieder herauswindet, das war der ursprüngliche Sinn der Geschichte. Ich hoffe nicht, dass je ein Fragesteller auf Arbeitgeberseite die Hoffnung hatte, auf diesem simplen Weg wirklich die guten und die schlechten Eigenschaften eines Bewerbers zu erfahren. Dann könnte man Zeugnisse und Vorstellungsgespräche abschaffen – und einfach den Bewerber fragen!

Inzwischen hat die Methode einen gewaltigen Nachteil: Sie ist überall bekannt! Jedes Kind weiß, dass man im Laufe des Prozesses damit konfrontiert werden kann – und wird sich entsprechend vorbereiten. Es wäre ein Wunder, gäbe es kein Buch, das dazu geeignete Muster-Antworten präsentiert.Ich hatte mir für den Fall aller Fälle (wenn ich also entsprechend gefragt worden wäre) als Antwort zurechtgelegt: „Meine größte Schwäche ist, dass ich in einem so wichtigen Gespräch niemals meine wirklichen Schwächen nennen würde, sondern immer nur harmlose, vorher für diesen Fall zurechtgelegte.“ Allein ich bin nie gefragt worden. So ist das, wenn man sich vorbereitet.Mein Rat für Arbeitgebervertreter: Verzichten Sie auf diese Frage.

Mein Rat für Bewerber: Wer sie Ihnen stellt, tut das mit großem Ernst – ihm ist das wichtig. Also passen Sie sich an und bereiten Sie sich vor. Die Stärken sind nicht das Problem. Zwei oder drei davon werden Ihnen schon noch einfallen.Aber nun die Schwächen. Es wäre wider die menschliche Natur, die Wahrheit zu erwarten – und ebenso, sie zu sagen. Also, da ein Mensch ohne Schwächen nicht denkbar ist, lassen Sie sich einige einfallen, die weitgehend harmlos sind. Beispiele: „Die Ordnung, z. B. am Arbeitsplatz, ist nicht immer so perfekt, wie sie sein sollte. Ich orientiere mich spontan an der Sache, an sachlichen Gegebenheiten – und widme taktischen Gesichtspunkten nicht immer so viel Aufmerksamkeit, wie vielleicht angebracht wäre.“

Die „hohe Schule“ besteht nun darin, Schwächen zu nennen, die eigentlich schon wieder Stärken sind: „Ich bin oft ungeduldig gegenüber Kollegen/Mitarbeitern, die nicht so schnell/gut arbeiten können wie ich. Ich erwarte von anderen ein ebenso großes Engagement für die jeweilige Sache wie ich es habe und überfordere sie damit gelegentlich. Mitunter fehlt mir die Toleranz gegenüber Kollegen/Mitarbeitern, für die ihr Beruf nur ein Job ist und die sich eigentlich für die Angelegenheit nicht wirklich interessieren.“

Aber Achtung: Auch „Personaler“ in den Betrieben ebenso wie Berater lesen diese Rubrik, zitieren Sie also nicht wörtlich daraus.

Kurzantwort:

Bitte, liebe Personalfachleute und sonstige Vorstellungsgesprächs-Führer: Geben Sie die Frage nach den größten Schwächen eines Bewerbers auf. Sie provozieren nur unsinnige Antworten. Und: Der Gag ist verbraucht.

Frage-Nr.: 1858
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-06-24

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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