Heiko Mell

Bewerber: Wie Recht Sie doch haben

Ich lese Ihre „Karriereberatung“ seit Jahren begeistert und war bis auf spezielle Ausnahmen der Meinung, dass Sie die Realität wiedergeben. Nun konnte ich das erste Mal erleben, wie Recht Sie mit den Fähigkeiten von Bewerbern haben.

Als Projektleiter bei der … GmbH brauchte ich für mein Projekt einen …-Ingenieur mit Erfahrungen in …, … und …. Ein Abteilungsleiter, der den Bewerber in seine Abteilung aufnehmen würde und für ihn mit seinen Fähigkeiten auch nach dem Projektabschluss weiterhin gute Einsatzmöglichkeiten haben würde, fand sich schnell. Zusammen formulierten wir eine Stellenausschreibung für diese spezielle Aufgabe.

Wir bekamen 35 Bewerbungen. Der Abteilungsleiter prüfte sie zuerst und fand sieben am ehesten geeignete Kandidaten. Nun übergab er mir den ganzen Stapel Bewerbungen und meinte, ich sollte ebenso prüfen, damit wir eine zweite Meinung bekämen.

Das war nun das erste Mal, dass ich eine größere Zahl von Bewerbungen auf Eignung zu prüfen hatte. Ich war überwältigt ob der Realität der Bewerbungsunfähigkeiten von deutschen Akademikern.

Es gab- Bewerbungen ohne jegliches Hochschul- oder Arbeitszeugnis,- Bewerber mit sechs Anstellungen in vier Jahren,- handschriftlich verfasste Anschreiben mit PC-erstellten Lebensläufen,- ca. ein Drittel schrieb am Thema vorbei (völlig unpassende bisherige Tätigkeiten, die absolut nichts mit der Zielposition zu tun hatten; jahrelang selbstständig gewesen; ohne jede Kenntnis auf den im Inserat herausgestellten Fachgebieten, …),- viele hübsche Vorseiten mit Bildern, Zitaten, Wahlsprüchen etc., aber wenig Belege.

Nachdem der Abteilungsleiter bereits seine Auswahl nach den fachlichen Fähigkeiten gestaffelt hatte, beurteilte ich noch nach sachlichen Kriterien wie Arbeits-, Praktikums- und Hochschulzeugnissen. Wobei es sich zeigte, dass die Existenz solcher Zeugnisse in meiner Hand das wesentliche Problem war: Hier wurden fünf Jahre angeblicher Beschäftigung als Projektleiter nicht mit Arbeitszeugnissen nachgewiesen, dort wurde stolz die nichtssagende Diplomurkunde gezeigt ohne die dazugehörigen Noten. Immerhin konnte ich die Auswahl auf drei Bewerber reduzieren, die wir jetzt einladen werden.

Aber: Wer bringt den Akademikern denn bitte bei, wie sie sich erfolgreich beerben sollen? (Weil es so hübsch aussieht und klingt, habe ich Ihr „beerben“ aus dem Original unkorrigiert übernommen; im Übrigen lautet die Antwort auf Ihre Frage schlicht: Ich, an dieser Stelle, seit genau 20 Jahren; d. Autor).

In diesem Sinne ist nur zu hoffen, dass die VDI nachrichten und besonders Ihre Karriereberatung an Hochschulen stärker zur Lektüre empfohlen wird.

Antwort:

Danke für den überzeugenden, absolut realistischen Bericht aus der Praxis.Sie haben erkannt, was Profis schon wussten: Wer viele Bewerbungen von Akademikern liest, verliert „den Glauben an die Menschheit“ oder wie ich es gern ausdrücke: So viel Studium für so wenig Ergebnis.

Zum Gesamtresultat Ihrer Aktion: Sie liegen völlig im allgemeinen Trend. Etwa 90 % aller Bewerbungen erweisen sich letztlich als „ungeeignet“, etwa 10 % sind „einladungswürdig“.

Um Ihnen und anderen Lesern in Ihrer Situation ein bisschen zu helfen, hier einige bewährte Erfahrungsgrundsätze:

– Nicht Sie müssen mühsam herausfinden, ob der Bewerber eventuell trotz fehlender Angaben, Dokumente o. ä. nicht doch geeignet sein könnte – Sie müssen keinesfalls recherchieren(!) -, er muss seine Qualifikation beweisen! Tut er das nicht, ist da auch nichts! Der Nachweis der geforderten Qualifikation ist eine „Bringschuld“ des Bewerbers. Hier liegt nicht die Situation des „Angeklagten vor Gericht“ vor! Dort muss der Richter die Wahrheit herausfinden. Im Bewerbungsfall jedoch gilt: Wenn der Bewerber Erfahrungen aus der XY-Branche mitbringen soll, dann muss er die hinreichend nachweisen. Schreibt er, die letzten sieben Jahre sei er bei „Müller & Tochter in Wiesweiler-West“ tätig – und sonst nichts, fehlt der Nachweis. Gehört „Müller & Tochter“ zufällig zur XY-Branche, so muss er das bei der Vorstellung des Unternehmens im Lebenslauf dazuschreiben (siehe Lebenslaufmuster auf meiner Homepage), der Leser muss das keineswegs wissen.

Nur dass die Volkswagen AG Autos baut, darf als Teil des Allgemeinwissens vorausgesetzt werden. Aber der Kreis ähnlich zu sehender Unternehmen ist extrem klein, es sind vielleicht nicht mehr als eine Handvoll(!).

– Gehen Sie davon aus, dass alles fehlt, wozu nichts gesagt ist in der Bewerbung. Gibt es keinen Hinweis auf gesuchte Sprachkenntnisse, hat der Bewerber keine.

– Fehlen Dokumente, hat der Bewerber entweder keine oder sie sind miserabel. Einser-Absolventen und Eigentümer erstklassiger Arbeitgeberzeugnisse halten mit Ihren „Papieren“ nie hinter dem Berg. Fehlt das Examensblatt mit den Noten, dürfen Sie von „ausreichend minus“ ausgehen.- Bisher ist kein lebender Mensch dahintergekommen, warum Bewerber so sind. Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht mit Überlegungen dazu, nehmen Sie es einfach als Tatsache – und legen Sie die 90 % wie die Profis auch nach einer Schnelldurchsicht von 20 bis 40 Sekunden auf den Stapel „ungeeignet“. Was für eine Vergeudung von was auch immer: Dreizehn Jahre Schule, sechs Jahre Studium, mehrere Jahre Praxis und „weg damit“ nach einer halben Minute. Vielleicht liest das hier einmal jemand und sagt uns, warum er sich so viel Mühe gibt, zu jenen 90 % zu gehören (in meiner Verzweiflung habe ich tatsächlich schon einmal angenommen, sie täten es vielleicht absichtlich; aber warum?).

Man braucht übrigens gar kein besonderes Bewerbertraining, um mit diesem Instrument zurechtzukommen. Zumindest gilt das für Leser dieser Serie und für Interessenten, die sich meinen kostenlosen Musterlebenslauf und meine Erläuterungen zum Anschreiben (www.heiko-mell.de) anschauen. Bleiben dennoch Fragen, stellen Sie sie hier!

Was die Hochschulen angeht, kann ich zwar keine exakten statistischen Daten vorlegen, weiß aber von Trends zu berichten: Viele Professoren verteilen diese „Karriereberatung“ an ihre Studenten, diskutieren mit ihnen darüber, hängen ausgeschnittene Artikel ans Schwarze Brett. Und – so viel Werbung muss erlaubt sein – die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg z. B. bietet seit Jahren regelmäßig u. a. eine Lehrveranstaltung „Spielregeln für Beruf und Karriere“ im Rahmen der „nichttechnischen Wahlpflichtfächer“ an, die ich dort abhalte. Es geht doch! Solange neunzehn Jahre Ausbildung so oft in weniger als einer Minute „verheizt“ werden, kann man nur engagiert zur Nachahmung aufrufen (damit kein Missverständnis aufkommt: Ich rede nicht von mir, ich bin mit regelmäßigen Veranstaltungen ausgelastet; aber es muss doch noch ein paar andere Praktiker geben, die auf Anforderung gern ihr Wissen zur Verfügung stellen – wenn es diese Anforderungen nur gäbe).

PS: Für den Fall, dass Sie, liebe Leser zweifeln, sei gesagt, dass der Einsender und ich keinesfalls allein stehen mit unserer Meinung. Nahezu einhellig kommen Personal-Fachleute zu vergleichbaren Resultaten. Und sie teilen meine Meinung, dass doch die ganze Bewerbungstechnik eigentlich keine Geheimwissenschaft sei und man mit ein bisschen Nachdenken auch allein hätte auf den richtigen Weg kommen können. Also: Warum tun die Bewerber (sich) das (an)?

Meine Empfehlung an Menschen, die sich bewerben: Man muss nur einmal versuchen, sich in die Rolle des Lesers solcher Unterlagen zu versetzen. Der bekommt dann Ihre Zuschrift als 87. von 112 auf den Tisch. Dann ist längst jedes Interesse an originell aufbereiteten Unterlagen, an Allgemeinplätzen (gefragt sind „Fakten, Fakten, Fakten“, siehe die Werbung eines großen Magazins) oder an einer Eigenrecherche abgestumpft, wer denn nun „Müller & Sohn“ überhaupt ist.

Frage-Nr.: 1838
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 14
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-04-02

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