Heiko Mell

Schwächen offen zugeben?

In der Antwort zu Frage 1.806 raten Sie dazu, Schwächen im Vorstellungsgespräch offen zu äußern. Wenn ich nun angebe, für mich wäre eine fachliche Laufbahn das Richtige, wie vermittle ich dann dem Bewerbungsempfänger meine langfristige Motivation?

Denn für eine Führungsposition fühle ich mich aufgrund meiner Fähigkeiten nicht geeignet. Die Motivation „mehr personelle Verantwortung“ entfällt also. Bleibt also nur noch „mehr fachliche Verantwortung“. Die ist aus meiner bisherigen Erfahrung aber nur in Großunternehmen möglich, weniger in mittelständischen oder kleineren Unternehmen. Wenn ich aufgrund meines Lebenslaufes und meiner Qualifikation aber keine Möglichkeit habe, einen Arbeitsplatz in einem Konzern zu bekommen, welche Alternative bleibt mir dann noch?

Antwort:

Ich habe als Schüler und als Student – als Teammitglied und „Gleicher unter Gleichen“ – die besondere Fähigkeit gehabt, blitzschnell zu erkennen, was meine Kameraden und Kommilitonen hätten eigentlich sagen wollen, wenn sie denn etwas sagten – und was der Lehrer/Dozent nun davon verstehen konnte und was nicht. Dann trat ich als „Dolmetscher“ auf und sagte in Richtung Pädagoge etwas, das mit „Er meint, …“ begann. Fast immer lag ich damit richtig, sofort glitt ein Leuchten des Verstehens über die Züge des Lehrenden, die bis dahin ein völliges Unverständnis deutlich erkennbar geprägt hatte. Übrigens warne ich Nachahmer – die „Gleichen“ mögen das nicht besonders, warum auch immer.

Warum erzähle ich das? Nun, geehrter Einsender, durch Ihre Frage fühle ich mich in jene früheren Zeiten zurückversetzt. Nur waren es früher Menschen, mit denen ich täglich Kontakt hatte, deren Aussagen ich „übersetzte“; wir jedoch kennen uns nicht. Kurz gesagt, ich verstehe Sie kaum (garantiere aber, dass ich damit nicht allein stehe!).

In jener Frage ging es um in der Persönlichkeit liegende Schwächen, „die Sie nicht verbergen können“. Ich schrieb: „Lassen Sie es nicht den Gesprächspartner entdecken, sondern sprechen Sie es selbst offen an.“ Es ging dabei stets um Auffälligkeiten im Vorstellungsgespräch (typische Beispiele: besonders unpersönliches, steifes Verhalten, leichtes Stottern). Und es ging um etwas, das der Partner auch selbst in diesem Gespräch(!) herausgefunden hätte.

Das alles trifft auf Ihren Fall gar nicht zu.Aber noch viel unverständlicher ist: Um was für eine Art von Position bewerben Sie sich eigentlich? Um Führungspositionen doch wohl nicht, denn dafür fühlen Sie sich nicht geeignet.

Also um nichtführende (Sachbearbeiter-)Positionen. Dabei stellt sich doch diese Frage mit der größeren Personalverantwortung gar nicht, sie passt nicht einmal als Beispiel.Also worum geht es Ihnen denn nun überhaupt? In Anlehnung an alte Zeiten versuche ich es einmal: „Also er meint, er könne und wolle nicht führen. Damit führt er auch heute nicht, und er bewirbt sich auch nicht um Positionen, in denen es um eine (größere) Führungsverantwortung geht. Damit entfällt eine Standard-Motivation für eine Bewerbung überhaupt, fürchtet er.

Er ist hingegen Sachbearbeiter, will das auch bleiben und bewirbt sich folgerichtig um eine andere Sachbearbeiterposition in einem anderen Unternehmen. Beispielsweise, weil der Arbeitsplatz heute unsicher ist, weil ihm die Arbeitsumstände nicht (mehr) zusagen oder weil er tatsächlich die neue fachliche Herausforderung in einem anderen Umfeld oder die größere fachliche Gestaltungsmöglichkeit sucht. Seine Frage lautet: Was sagt man denn in einem solchen Fall, wenn jemand nach der Motivation für die Bewerbung fragt?

Und dann sagt er noch, er glaube gar nicht, dass diese Überlegung sinnvoll sei. Denn so richtig schöner wäre es für ihn doch nur im Großbetrieb, dort aber nähme man ihn wegen seines Werdeganges gar nicht.“Unterstellen wir einmal, dass ich das richtig interpretiere. Dann lautet die Antwort:

Nun lassen Sie doch einmal die ganzen Überlegungen mit der größeren Führung, das betrifft Sie ja alles gar nicht. Die Frage lautet doch nur: Wie motiviert ein Sachbearbeiter eine Bewerbung um eine andere Sachbearbeiterstelle? Meine Antwort:

1. Wahrheitsgemäß, sofern die Wahrheit nicht negativ wirkt. Also: Irgendeinen Grund werden Sie ja haben, nennen Sie den einfach. Und wenn es der Ortswechsel aus persönlichen Gründen ist. Auf dieser Ebene stört das kaum bis gar nicht. Negativ hingegen wären: Krach mit Chef und/oder Kollegen, Unterbezahlung, nicht eingehaltene arbeitgeberseitige Versprechungen, Bevorzugung von Kollegen durch den Chef.

 

2. Die Suche nach der „neuen fachlichen Herausforderung“ nach z. B. fünf Jahren im selben Job überzeugt! Keine zwei Positionen bei zwei Firmen sind gleich, immer ist das neue Arbeitsgebiet irgendwie anders. Für einen Einkäufer, Arbeitsvorbereiter oder Konstrukteur ist es legitim, sich z. B. in einer anderen Branche bewähren zu wollen, sein Wissen in ein neues Umfeld einzubringen und neue Erfahrungen zu erwerben.

 

3. Es gibt zwar im Mittelstand kaum eine „echte“ Fachlaufbahn (übrigens auch nicht in allen Großbetrieben), aber durchaus Positionen mit jeweils größerem Gestaltungsspielraum, mit größerer Fachverantwortung, die einen Wechsel „lohnen“. Aber: Das tastet man vorsichtig im Gespräch ab und fordert es besser nicht pauschal schriftlich ein.

 

4. Ideale Wechselbegründung („Motivation“): Sie lesen eine konkrete Stellenanzeige und finden das genau umrissene Aufgabengebiet toll, besser als ihr heutiges, sehen darin eine „attraktive Herausforderung“ (gern auch mit größerer fachlicher Verantwortung). Der dort angesprochene „intensive Kundenkontakt“ reizt Sie, die „Mitwirkung in anspruchsvollen länderübergreifenden Projekten“ macht den neuen Job für Sie interessant. Oder das dort geschilderte „Wachstum“ (während der heutige Arbeitgeber schrumpft). Da Anzeigen stets werbewirksam formuliert sind (insbesondere die Aussagen zur Aufgabe und zum Unternehmen), wird sich schon etwas finden. Und das führen Sie dann an.

 

5. In kleinen Mittelstandsbetrieben ist man nicht „ein“ Einkäufer, sondern „der“ Einkäufer (oder Arbeitsvorbereiter oder Vertriebsingenieur). Da „leitet“ man ein ganzes Sachgebiet, hat eine entsprechend große Verantwortung, ohne dass da noch Kollegen als „Konkurrenz“ auftreten. Auch dafür kann ein Wechsel lohnen („die fachliche Alleinverantwortung reizt mich“).

PS. Ich hätte präziser antworten können, wenn Sie mehr Details Ihres Falles genannt hätten.

Kurzantwort:

Wenn man eine Standard-Stellenanzeige sorgfältig liest, erkennt man schnell, welche der dort werbewirksam formulierten Aspekte der ausgeschriebenen Position sich als „Motivation für die Bewerbung“ eignen. Es geht dem idealen Bewerber genau um das, was dort geboten wird (und sei es der Standort in der Provinz).

Frage-Nr.: 1816
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-01-14

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