Heiko Mell

„Richtiger“ Lebenslauf oder falsch herum?

Auf der Website Ihres Unternehmens geben Sie dem deutschen Lebenslauf eine erhöhte Durchschlagskraft gegenüber dem amerikanischen. Ich persönlich halte es für sinnvoller, wenn der Empfänger sofort sieht, wo man steht. Auf der zweiten Seite ist dann zu sehen, wie man dieses Ziel erreicht hat.

Antwort:

Für den Fall, dass mir einmal gar nichts mehr einfällt, machen wir das hier zum Dauerthema.

Da ich mein sehr schönes, informatives und mit zahlreichen Erläuterungen und Anmerkungen versehenes Lebenslauf-Muster auf der Homepage meines Hauses kostenlos zur Verfügung stelle und also keine kommerziellen Interessen damit verfolge, darf ich hier ein wenig Werbung dafür machen (alter Beratergrundsatz: Tue ein wenig Gutes und dann sprich ausführlich darüber).

Fangen wir einmal so an: Uneinsichtig wie ich nun einmal bin, empfehle ich natürlich auch den Kandidaten, die ich in diesen Fragen intensiv und individuell persönlich berate, „meine“ Lebenslaufversion. Auf der steht später dann natürlich nicht mein Name, ich habe letztlich auch in diesen Fällen nichts davon. Halt, das stimmt so nicht! Es ist schließlich meine Aufgabe, diese von mir betreuten Persönlichkeiten möglichst schnell und effizient zum Bewerbungserfolg zu führen.

Ich bekomme später – nachdem diese Klienten meinen Empfehlungen gefolgt sind und meine Version in der Praxis ausprobiert haben – sehr viele sehr positive Rückmeldungen. Arbeitgebervertreter, so wird mir berichtet, hätten ausdrücklich gelobt, dass „endlich einmal“ ein völlig klarer, höchst informativer, alle Fragen beantwortender Lebenslauf vorgelegt worden wäre.

Gerade gestern (wenn Sie das lesen, ist es ein wenig länger her) ging bei mir der – unerbetene, aber gern gelesene – Dankesbrief eines Outplacement-Kandidaten ein, der sich nach erfolgtem Abschluss eines Arbeitsvertrages mit einem neuen Arbeitgeber so äußerte:

„Alle meine Gesprächspartner, denen ich in den vergangenen Monaten gegenüber gesessen habe, bestätigten einhellig, dass die Aufbereitung meiner Bewerbungsunterlagen einwandfrei war und vor allem Anschreiben und Lebenslauf sehr informativ gehalten waren. Dieses Kompliment muss ich uneingeschränkt an Sie weiterleiten, da es nur Ihrer Beratung zu verdanken ist, dass eine Änderung in die beschriebene Form erfolgt ist.“ Der Absender ist promovierter Diplom-Kaufmann und bewarb sich erfolgreich um die Position eines kaufmännischen Leiters.

Ich zähle Ihnen hier noch einmal meine Argumente für den chronologischen Aufbau des tabellarischen Lebenslaufes auf (Muster wie gesagt auf meiner Website, Adresse unter diesem Beitrag):

1. Wo „Zucker“ draufsteht, muss auch Zucker drin sein. Das ist ein geradezu fundamentaler, durch nichts zu erschütternder Grundsatz. Und die Inserenten von Stellenangeboten (Anzeigen) wollen Lebensläufe, die Bewerber versenden folgerichtig etwas, das „Lebenslauf“ heißt.

Ein Lebenslauf aber ist der „Lauf des Lebens“. Selbiger beginnt mit der Geburt und reicht – vorläufig – bis zum heutigen Tag. Daran ist nicht zu rütteln. Auch ein Aufsatz über den Lauf eines Flusses müsste mit Aussagen über die Quelle anfangen und sich über den Mittellauf bis zur Mündung vorarbeiten.

Sofern also ein potenzieller Arbeitgeber etwas anderes will – was sein gutes Recht wäre -,dann müsste er es in Anzeigen ausdrücklich fordern, dürfte es also nicht „Lebenslauf“ nennen. Verschonen Sie mich mit Beispielen, wie die Amerikaner das nennen – ein anderes Land mit anderen Gepflogenheiten, anderen Gesetzen und anderen Regeln (in dem Sie nach meinen Informationen z. B. keine Fotos beilegen dürfen).

Ich schließe natürlich grundsätzlich nie irgendwelche Ausnahmen aus. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, dass mir in 39 Berufsjahren noch kein einziger Fall untergekommen ist, in dem Bewerber berichtet hätten, sie seien mit einem Lebenslauf gemäß der – auch – von mir propagierten Form auf Ablehnung gestoßen. Zumindest ich habe jedoch schon oft vor „falsch herum“ aufgebauten Läufen des Lebens gesessen und mehr oder minder gereizt versucht, Klarheit in die Dinge zu bringen.

2. Wenn Sie den besten Köder herausfinden wollen, dürfen Sie nicht überlegen, was Ihnen als Angler schmeckt. Sie müssen sich dafür interessieren, was der Fisch mag. Sie, geehrter Einsender, sind „Angler“. Interessant ist die Meinung von „Fischen“. Ihre Vorliebe ist uninteressant, Ihre Wahl müsste sich, wenn sie überzeugen soll, auf diverse Aussagen von berufsmäßigen Bewerbungslesern stützen (von möglichst vielen, nicht nur von einem Zufallskandidaten).

3. Unmittelbar nach dem Lebenslauf folgen in der Bewerbung die Arbeitgeberzeugnisse. Diese sind ausnahmslos(!) chronologisch geschrieben. Also: „Am 01.01.19XX trat er bei uns ein. Dann tat er dieses und jenes (wird in mehreren Absätzen ausführlich dargestellt). Wir beurteilen ihn und seine Leistungen so und so (wieder mehrere Absätze). Am 31.10.200X endet sein Arbeitsverhältnis auf eigenen Wunsch.“Dieses Zeugnis vergleicht der gewissenhafte Analytiker mit dem Lebenslauf. Es geht um Daten, um Beförderungen, um Zeitpunkte von Übernahmen neuer Aufgaben etc. Es treibt einen unter Zeitdruck stehenden Menschen schier zum Wahnsinn, wenn der Lebenslauf von hinten nach vorn, das jeweilige Zeugnis aber von vorn nach hinten aufgebaut ist – und man die Dinge systematisch abgleichen muss.Die Amerikaner nun kennen gar keine Zeugnisse, sie haben auch ein völlig anderes Arbeitsrecht und völlig andere Gepflogenheiten.

4. In einer regelgerechten Bewerbung liegt vor dem Lebenslauf ein Anschreiben. In diesem stellt sich der Bewerber kurz vor, beschreibt er fast immer sein derzeitiges Tun. Damit macht er sich interessant. Was dieser Kandidat also so ungefähr heute macht, weiß der sich von vorn nach hinten durcharbeitende Leser also durchaus schon, bevor er überhaupt den Lebenslauf gesehen hat. Und es ist „normal“, dass der heutige Job zur Zielposition passt – sonst bewirbt sich ein „anständiger“ Bewerber doch im Regelfall gar nicht erst.

5. Die heute eingenommene Position ist durchaus nicht die zentrale, alles andere erdrückende Kerninformation einer Bewerbung. Wie sieht die Ausbildungsbasis aus, wie hat sich der Werdegang entwickelt, ist der Bewerber sprunghaft oder beständig, gibt es einen „roten Faden“ in der Laufbahn, passen Einkommensrahmen und Kündigungsfrist? Das alles sind Fragen, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Und an jeder einzelnen davon kann man scheitern.

6. Beileibe nicht immer sind die Details zur heutigen Position die schmeichelhaftesten für den Bewerber. Nur allzu oft liegt es überhaupt nicht in seinem Interesse, gerade diese Information als Kernaussage an den Anfang zu stellen. Das gilt beispielsweise, wenn

– der Bewerber derzeit arbeitslos ist oder er schon in der Darstellung der Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber deutlich machen muss, dass die derzeitige Beschäftigung in Kürze endet;

– gar nicht die heutige Tätigkeit die entscheidende für diese Bewerbung ist, sondern die davorliegende (weil ein Wechsel stattgefunden hat, der jetzt als falsch eingestuft wurde; weil eine der üblichen Umstrukturierungen zu einer Degradierung geführt hat – wobei der Bewerber sich lieber auf frühere Größe stützen würde als auf die derzeitige „zweitklassige“ Position);

– das derzeitige Arbeitsverhältnis erst seit kurzer Zeit existiert und der Bewerber natürlich als erste Reaktion die vorwurfsvolle Frage riskiert: „Was will er denn jetzt schon wieder, er macht das doch erst seit einem Jahr?“

7. Der erstens „analog“ und zweitens chronologisch von vorn nach hinten denkende Mensch hat – man sieht es an den „Machwerken“ – ziemliche Probleme damit, ein Leben, das sich dem Zeitablauf entsprechend entwickelt hat, „falsch herum“ darzustellen: Wenn man mit der letzten Tätigkeit anfängt, also alles umgekehrt chronologisch darstellt, schreibt man dann systemwidrig „01.01.1998 – heute“ (was ja wieder eine chronologische Darstellung innerhalb eines umgekehrt chronologischen Systems wäre) oder „heute – 01.01.1998“ – was schlicht blödsinnig klingt? Und was ist mit den einzelnen verschiedenen Unterpunkten (verschiedene Positionen innerhalb eines Beschäftigungsverhältnisses)? Können Sie sich vorstellen, wie anstrengend es ist, den Verlauf der Karriere allein beim heutigen Arbeitgeber nachzuvollziehen, wenn man dafür den „falsch herum“ aufgebauten Werdegang wiederum „falsch herum“ (nämlich von unten nach oben auf der Seite) lesen muss?

Empfehlung: Falls Sie diese sieben Argumente „kippen“ können, dann machen Sie es halt anders. Aber tun Sie es nur, wenn Ihnen für die Alternativversion gute, überzeugende Argumente vorliegen. „Man macht das so“, „ich habe das in einem Buch gelesen“, „die Amerikaner tun es“, sind keine solchen Argumente. „Ich bin auf verschiedene Bewerbungsempfänger gestoßen, die mir dringend von der klassischen, auch von Herrn Mell empfohlenen Version abrieten“, das hingegen wäre eines, das Sie dann in Ihre Überlegungen einbeziehen könnten.

Aber wenn Sie meinem Vorschlag folgen, dann übernehmen Sie das komplette System mit allen Details, nicht nur einige Punkte daraus. Das Kombinieren verschiedener Einzelpunkte aus unterschiedlichen Systemen zu einer neuen „Bastard“-Lösung ist nämlich mit das Schlimmste, was man überhaupt tun kann. Dann passt nämlich gar nichts mehr zueinander, die Einzelheiten geben kein vernünftiges Gesamtbild.

Als abschließende Warnung: Ein Lebenslauf, den der Bewerbungsleser nicht auf Anhieb versteht und nachvollziehen kann, führt schnell zu einer Absage.

PS. Das Thema ist es nicht wert, deswegen einen Glaubenskrieg anzufangen. Tun Sie nun einfach, wovon Sie überzeugt sind.

Kurzantwort:

Die klassische, von „vorn nach hinten“ laufende (chronologische) Form des sorgfältig gestalteten, nach Rubriken geordneten Lebenslaufs kann uneingeschränkt pauschal zur Anwendung empfohlen werden.

Frage-Nr.: 1814
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 52
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-12-20

Top Stellenangebote

Technische Universität Darmstadt-Firmenlogo
Technische Universität Darmstadt Universitätsprofessur Fahrzeugtechnik (W3) Darmstadt
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2 Professur Nachhaltige Werkstoffe in der Kunststofftechnik Aalen
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft W2-Professur für das Fachgebiet "Digitale Signalverarbeitung" Karlsruhe
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Automatisiertes Fahren / Fahrerassistenzsysteme (W3) Zwickau
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Sachverständigenwesen / Unfallrekonstruktion (W2) Zwickau
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Fahrzeugmesstechnik / Technische Akustik (W2) Zwickau
Stadt Dreieich-Firmenlogo
Stadt Dreieich Projektingenieur*in Kanal im Produkt Abwasserentsorgung Dreieich
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart Professur (W3) "Thermische Energiespeicher" Stuttgart
DEKRA Automobil GmbH-Firmenlogo
DEKRA Automobil GmbH Bausachverständiger / SiGeKo (m/w/d) keine Angabe
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professorin / Professor (m/w/d) für das Lehrgebiet Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.