Heiko Mell

Selbstkritik + vorgeschobene Kündigungsgründe

Beim Übergang von der analogen zur prozessgesteuerten Technologie in einem kleinen Unternehmen, in dem ich Entwicklungsleiter für entsprechende Geräte war, wurden neue Werkzeuge notwendig. Auf einer Messe, die ich außerhalb der Dienstzeit besuchte, erhielt ich bei einer Verlosung solche Werkzeuge, betrachtete sie jedoch als mein Privateigentum und behielt sie der Firma (meinem Arbeitgeber) vor.

In dieser Firma waren auf meinen Vorschlag hin zuvor preislich günstige, jedoch nur umständlich zu bedienende Entwicklungswerkzeuge angeschafft worden.

Es ging dort mit der Entwicklung nicht so recht weiter, ein wichtiger Termin konnte nicht eingehalten werden und mir wurde gekündigt.

Heute kann ich diese Entwicklungswerkzeuge zwar in meinem Ein-Mann-Unternehmen einsetzen, möchte aber lieber im Team arbeiten. Jetzt muss ich mich bei einem mittelständischen Unternehmen einer der damaligen Branche ähnlichen bewerben. Dabei brauche ich eine gute Erklärung, warum mein früherer Arbeitgeber mir gekündigt hatte.

Nun möchte ich als Kündigungsgrund meinen damaligen Fehler angeben, das Werkzeug damals nicht für das Unternehmen verwendet zu haben. Das möchte ich so darstellen, dass meine Gesprächspartner annehmen, so etwas mache ich nicht noch mal. Da ich Selbstkritik nicht so gern verkaufe, bitte ich Sie um einen Tipp.

Antwort:

Sie suchen nach einer halbwegs guten Erklärung, warum man Ihnen damals gekündigt hatte – und sind bereit, eine hochbrisante, sehr komplexe, schwierig zu verstehende, mehr Fragen aufwerfende als Antworten gebende, nie zuvor gehörte Geschichte anzubieten. Puh! Man nennt so etwas „Den Teufel durch Beelzebub austreiben“ (z. B. nach Matth. 12).

Ich war ja auch einmal Vater (formal bin ich es natürlich noch immer) und durfte/musste mit den Kindern die Sesamstraße im Fernsehen anschauen. Mit Ernie und Bert. Eine Geschichte ist mir im Gedächtnis geblieben: Ernie und Bert liegen im Bett. Bert kann nicht schlafen, der Wasserhahn tropft. Ernie fällt spontan eine Lösung ein – er macht das Radio an. Die laute Musik übertönt problemlos das Tropfen des Wassers. Bert beschwert sich, es störe nun die Musik. Für Ernie kein Problem: Er steht auf und lässt den Staubsauger heulen – Musik und Wasserhahn stören nun überhaupt nicht mehr, dafür dröhnt es aber vom Fußboden her.

Es sei, sagt ein Mitarbeiter an dieser Stelle zu mir, schon ein weiter Bogen von Matthäus zur Sesamstraße. Das gestehe ich gern zu – weite Bögen sind meine Spezialität. Aber so lässt sich erläutern, was mit dem obigen Zitat gemeint sein dürfte. Als Tipp für Sie, liebe Leser: Verwenden Sie bei Vorträgen oder Artikeln niemals irgendwelche Bezüge zur oder Beispiele aus der Religion! Darauf reagieren auch manche Nicht-Pastoren ziemlich humorarm. Wie empfindlich die Sesamstraßen-Leute sind, weiß ich nicht, wir werden es aber ggf. bald merken.

Übrigens ist die von Ihnen zum Glück nicht gestellte Frage, ob Sie damals dieses „Werkzeug“ hätten dem Arbeitgeber zur Verfügung stellen müssen, sicher äußerst schwierig zu beantworten. Ich erspare mir das (gemusst haben Sie vielleicht nicht, aber gesollt hätten Sie schon).

Aber von Ihrer Idee rate ich Ihnen dringend ab! Wenn man Ihnen deswegen gekündigt hätte, dann wäre Ihr Verhalten ja wohl absolut falsch gewesen, dann läge ja für den juristischen Laien, der das hört, ein Vorwurf irgendwo zwischen Betrug und Unterschlagung sowie irgendetwas in Richtung Vertrauensmissbrauch in der Luft – und wer stellt „so jemanden“ für eine halbwegs verantwortliche Position ein!

Und da bei Bedarf jeder Übeltäter vor Gericht schwören würde, er täte es nicht wieder, hätte auch das keinerlei Bedeutung.

Ich verstehe ja, dass Sie die Wahrheit scheuen, die eine doppelte Blamage für Sie bedeutet: Das unter Ihrer Verantwortung stehende Entwicklungsprojekt kam nicht zum Ziel und das angeschaffte Werkzeug , das sich als unzulänglich erwies, war auch von Ihnen ausgesucht oder empfohlen worden. Wer mag sich damit schon belasten?

Mein Rat: Lassen Sie die Finger von der Geschichte mit dem „erfundenen“ Kündigungsgrund dieser speziellen Art. Entlassen worden sind Sie beispielsweise wegen allgemeinen Personalabbaus, wegen Änderung der Entwicklungspolitik, Ausdünnung der Hierarchie, Veränderung innerhalb der Produktstrategie o. ä.

Für zweifelnde Leser: Wer wegen Leistungsmangels oder Unfähigkeit, ausbleibender Erfolge o. ä. entlassen wurde – wird in Vorstellungsgesprächen kaum je die Wahrheit sagen. Daher glaubt der Arbeitgebervertreter in solchen Gesprächen auch kaum alles, was er zu hören bekommt. Aber wenigstens gut „klingen“ muss die Geschichte; der Arbeitgebervertreter will wenigstens ein gutes Gefühl haben, wenn er sich entschließt, das alles zu akzeptieren („es könnte durchaus so gewesen sein“).

Ich kann bei der Gelegenheit nur meine Warnung wiederholen: Vermeiden Sie es nach Möglichkeit, entlassen zu werden und sich aus arbeitsloser Position bewerben zu müssen. Natürlich empfindet man das wie Hohn, wenn man „unschuldig“ in die Mühlen geraten ist – die Lebenserfahrung lehrt jedoch, dass durchaus nicht alle Entlassungen für den Betroffenen unvermeidbar waren.

Vergessen Sie, geehrter Einsender, auch nicht, Ihre heutige Selbstständigkeit als von Anfang an geplante Überbrückung bis zum nächsten Angestelltenverhältnis darzustellen.

Kurzantwort:

Niemand glaubt, dass alle vom letzten Arbeitgeber entlassenen Bewerber im Hinblick auf die Gründe dafür die Wahrheit sagen. Aber man erwartet, dass die „Geschichte“ wenigstens glaubhaft klingt. Rationalisierung, Umstrukturierung, Rückzug auf Kernkompetenzen, unergründliche Strategieänderung der ausländischen Mutter sind Standardaussagen und „klingen“ gut – hochkomplizierte individuelle „Geschichten“ eher nicht.

Frage-Nr.: 1808
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-12-01

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