Heiko Mell

Hängt mir das ewig an?

Direkt nach dem Studium habe ich nach einer Initiativbewerbung eine Stelle in einem kleinen Unternehmen angenommen. Ich lasse einfach einmal die Details weg, jedenfalls wurde meine Tätigkeit durch Kündigung beendet. Mein Arbeitgeber ist mir damit zuvorgekommen: Die Arbeit war meilenweit von dem entfernt, was ich mir darunter vorgestellt hatte.

Zum Schluss habe ich ein Zeugnis erhalten, das nun in heftigem Gegensatz zu meinen sonstigen Beurteilungen steht.

Danach bin ich wieder bei dem Institut als wissenschaftliche Hilfskraft untergekommen, bei dem ich auch meine Diplomarbeit geschrieben hatte. Nach drei Monaten dort bin ich an meine heutige Position gekommen, in der ich seit drei Jahren tätig bin.

Meine Frage: Ist es günstiger, dieses schlechte Zeugnis einer zweimonatigen Episode bei einer Bewerbung vorzulegen oder die Zeit als „Arbeit suchend“ oder anders zu verschleiern?

In einem Bewerbungsgespräch hat mir jemand geraten, dieses Zeugnis einfach wegzulassen. Was raten Sie?

Antwort:

Ich muss mit der Mahnung beginnen, im gesamten Bewerbungsprozess nur wahrheitsgemäße Angaben und korrekte Aussagen zu machen. Das Risiko: Wenn Falschaussagen später ans Licht kommen, kann die Entlassung drohen. Andererseits müssen Sie selbst abwägen, wie bei einzelnen Handlungsalternativen Risiken und Chancen verteilt sind. Dann kommt es auf den Einzelfall an: Wie viele „Werdegangleichen“ haben Sie sonst noch im Keller?

Auch ist wichtig, ob Sie aktiv lügen oder bloß einen Teil der Wahrheit weglassen. Schließlich spielt der Zeitpunkt eine Rolle: Unmittelbar nach dem Studium ist Ihr „Spielraum“ größer als zwischen dem 8. und 9. Jahr der Berufstätigkeit; einige Anfänger beginnen ihr „Berufsleben“ ja ohnehin mit Weltreisen o. ä.

Nun zu den Details:

Sie haben also nach dem Studium etwa zwei Monate in dieser ersten Position gearbeitet. Dabei wurden Sie „von Kollegen und Vorgesetzten gleichermaßen geschätzt“ (das ist gut), haben „in allen Bereichen zu unserer vollen Zufriedenheit“ gearbeitet (das ist „mittel“, aber bei der Minimaldienstzeit kaum anders zu erwarten) und wurden arbeitgeberseitig („aus betrieblichen Gründen“) entlassen (das ist sehr schlecht).

Dann waren Sie drei Monate an jenem Institut (das ist wiederum auffällig kurz und damit „verdächtig“). Über ein Zeugnis aus dieser Phase wissen wir nichts.Schließlich folgt die längere Dienstzeit im heutigen Job (das ist schon besser).

Stets müssen Sie damit rechnen, dass das Berufsleben Ihnen noch mehr kurze Dienstzeiten und schwache Zeugnisse beschert. Dann addieren sich die Fälle und Sie werden zum „Wiederholungstäter“. Also:

1. Wenn Sie in der heutigen Position noch zwei oder drei Jahre bleiben, dort befördert und nicht entlassen werden, ist Ihre Situation bei späteren Bewerbungen so stabil, dass Sie die beiden ersten kurzen Phasen wahrheitsgemäß im Lebenslauf angeben und das fragliche Zeugnis beilegen können.

2. Eine erste leichte „Retusche“ der Wahrheit bestünde darin, das fragliche Zeugnis wegzulassen und im Lebenslauf alles korrekt anzugeben. Gelogen wäre das noch nicht, Sie hätten einfach „vergessen“, das Zeugnis beizufügen.

3. Als nächste Stufe käme in Frage, nur das Zeugnis wegzulassen und im Gespräch den Eindruck zu erwecken, sie seien auf eigene Initiative gegangen, ein Zeugnis gäbe es nicht. Das ist dann schon eine aktive (kleine) Lüge mit der Gefahr, wegen einer Falschaussage eines Tages harten Vorwürfen oder weitergehenden Konsequenzen ausgesetzt zu werden. Aber: Das Risiko, dass diese Wahrheit jemals ans Tageslicht dringt, ist gering. Sie müssen entscheiden.

4. Dann folgt die Möglichkeit, diese ersten zwei Monate nach dem Studium im Lebenslauf gar nicht zu erwähnen. Das würde praktisch nicht auffallen – viele Studenten denken erst nach dem Examen ans Bewerben (falsch, aber unausrottbar bei einer bestimmten Kategorie). Solange Sie einfach nichts dazu sagen, lügen Sie nicht, sondern schwindeln Sie bloß (einem Juristen würden sich jetzt die Haare sträuben). Natürlich existiert bei dieser Version gar kein Zeugnis.

5. Wenn Sie schon dabei sind, könnten Sie die zweite Tätigkeit von drei Monaten auch noch wegfallen lassen, dann ist die Lücke nur etwas länger.

Hierbei bleiben dann die ersten beiden Zeugnisse weg. Jetzt schwindeln Sie dann aber schon stärker.

6. In der letzten Stufe werden Sie raffinierter: Sie geben alles zu, hängen die Geschichte aber anders auf:“11/99 – 03/01: Überbrückungstätigkeiten bis zum Antritt der nachfolgend genannten Position“

Mehr geben Sie nicht an, legen auch keine Zeugnisse bei. Dann haben Sie korrekt angegeben, in der Zeit „irgend etwas“ gemacht zu haben – und warten ab. Im Vorstellungsgespräch überspringen Sie diese unwichtigen Kleinigkeiten und fangen gleich mit dem heutigen Arbeitgeber an. Vermutlich fragt niemand. Ist dies doch der Fall, lassen Sie anklingen, „der heutige Arbeitgeber wollte mich erst zum 01.04.2001 haben“, was irgendwie stimmt, „und bis dahin habe ich zwei Jobs ausgeübt, unter anderem als wissenschaftliche Hilfskraft am mir vertrauten Institut; der Professor war so freundlich.“

Das ist fast ganz wahrheitsgemäß, die Abweichungen sind beinahe marginal. Dies folgt dem Prinzip: Bei Fakten korrekt aussagen, bei Motivationen und Hintergründen taktisch geschickt argumentieren.

Aber denken Sie daran: Immer schön die Wahrheit …

Warum ich das hier überhaupt mache? Aus Fairness: Wir auf der anderen Seite arbeiten in Notfällen auch manchmal ein bisschen so. Ich natürlich nie, aber die bösen anderen Berater und Unternehmen gelegentlich … Es ist eben eine schlechte Welt. Aber macht es nicht auch ein wenig Spaß, gelegentlich?

Kurzantwort:

Mit Unwahrheiten im Bewerbungsprozess geht man ein hohes Risiko ein. Mit der Darstellung der vollen Wahrheit allerdings auch. Im Zweifelsfall ist individuell abzuwägen …

Frage-Nr.: 1796
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-10-11

Top Stellenangebote

VGH Versicherungen-Firmenlogo
VGH Versicherungen Trainee Ingenieur für Umweltschutz / Umweltschutztechnik (m/w/d) Hannover
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart Professur (W2) im Studiengang Elektrotechnik Stuttgart
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Mechatronische Systeme (W2) Merseburg
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Professur für Mechatronik (m/w/d) Mosbach
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach Lehrbeauftragter (m/w/d) Mosbach, Bad Mergentheim
Hochschule Merseburg-Firmenlogo
Hochschule Merseburg Professur Fertigungstechnik (W2) Merseburg
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)-Firmenlogo
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) Leitung (w/m/d) der Hauptstelle Facility Management "Neubau" Berlin
Hochschule Schmalkalden-Firmenlogo
Hochschule Schmalkalden Professur (W2) für Elektrotechnik Schmalkalden
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2-Professur "Automatisierungstechnik in der Fertigung" Aalen
Hochschule Ravensburg-Weingarten-Firmenlogo
Hochschule Ravensburg-Weingarten Professur (W2) Fertigungstechnik Weingarten
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.