Heiko Mell

Warum nimmt mich der Konzern nicht?

Ich bin bei einem größeren Zulieferer beschäftigt und suche trotz grundsätzlicher Zufriedenheit mit meiner jetzigen Stelle seit zwei Jahren nach einer Wechselmöglichkeit. Gründe sind: Hier sind mir zu wenige „Sparringspartner“, von denen ich lernen kann. Später habe ich vielleicht nicht mehr die Chance, eine andere Firma, ein anderes Aufgabengebiet kennen zu lernen. Ich sehe die Gefahr, stehen zu bleiben. Auf die noch anstehenden 35 Berufsjahre gesehen, ist mir auch die berufliche Zukunft hier zu unsicher.

Vor einiger Zeit habe ich eine Stelle im Internet gefunden, die in meinen Augen gut auf mich passen würde. Es geht um einen großen Hersteller-Konzern meines Metiers; Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten dort wären zusätzlich für mich interessant.Ich habe mich beworben und eine Absage erhalten. Dort heißt es: es gibt einige andere Bewerber, die wesentlich besser passen. Inzwischen habe ich die Stelle auf der Homepage des Konzerns jedoch erneut gefunden.Anbei meine Unterlagen. Was habe ich falsch gemacht, was kann ich daraus lernen?

Antwort:

Ein erster Fehler war es, mir keinen Ausdruck der damaligen Stellenausschreibung mitzusenden. Wie soll ich sonst Ihre Eignung für eine konkrete Position prüfen? Aber: Sie hatten Namen genannt, ich habe nachgeschaut – und die offene Stelle gibt es immer noch. Glück gehabt!

Die Position: ein technischer Sachbearbeiter mit diversen Aufgaben im Versuchsbereich, aber ohne Führungsfunktion und auch ohne Entwicklungsperspektiven.

Die Anforderungen: abgeschlossenes Studium (Uni/FH) Maschinenbau; bei einem bestimmten Vertiefungsfach genügt es, frischgebackener Absolvent(!) zu sein, sonst sucht man „mehrjährige“ Berufserfahrung (nicht spezifiziert); diverse Fachkenntnisse und Erfahrungen werden gesucht (letztere kann der Absolvent gar nicht haben), ebenso bestimmte DV-Anwenderkenntnisse, „Steherqualitäten“, Bereitschaft zu mehrwöchigen Aufenthalten in Gegenden mit extremem Klima, „perfektes“ Englisch.

Nun schauen wir einmal zu Ihnen:

Studium Maschinenbau (Uni), vor fünf Jahren nach ziemlich vielen Semestern mit gutem Ergebnis abgeschlossen, das im Anforderungsprofil genannte Vertiefungsfach wird ausgewiesen. Damals also hätten Sie gepasst (damals!).

Seither fünf Jahre Praxis beim heutigen Arbeitgeber. Seit mehreren Jahren Leitung einer Gruppe, die inzwischen sogar vergrößert wurde. Ihre Berufserfahrungen passen aus meiner laienhaften Sicht zum Thema. Ihr Gehalt entspricht dem eines größeren Gruppen- bzw. kleineren Abteilungsleiters.

Von Ihrer Bereitschaft, sich in extremem Klima aufzuhalten, steht im Anschreiben nichts! Auch nichts von „perfektem Englisch“! Letzteres wird dann immerhin aus dem Lebenslauf ziemlich deutlich, ersteres nicht.

Meine Beurteilung: Man würde dort auch einen FH-Absolventen nehmen (Berufsanfänger), hätte der bloß die richtige Studienspezialisierung.

Sie sind Uni-Absolvent, haben die richtige Vertiefungsrichtung, sind seit mehreren Jahren mit fachlicher Personalführung betraut, verdienen fast doppelt so viel wie ein Absolvent, sagen nichts zum Klima – und lassen die Frage völlig offen, was Sie dort wollen. Der Job wäre kein Fortschritt, sondern ein Abstieg, Sie sind überqualifiziert und vermutlich zu teuer.

Die Absage ist aus meiner Sicht konsequent. Dass man dort auf einen Standardtext zurückgriff, hat nichts zu bedeuten. Man hat Sie nicht gewollt und sucht noch immer.

Hinzu kommen noch zwei Aspekte grundsätzlicher Art:

a) Aus der Sicht dieses Bewerbungsempfängers ist er (Konzern) sehr groß, Ihr Arbeitgeber jedoch sehr klein. Der enorme Größensprung nach oben ist stets schwierig, umgekehrt ist es deutlich leichter: Der Name des heutigen Arbeitgebers verleiht einer Bewerbung „Schubkraft“ – aber es geht um die Wirkung des Namens aus Sicht des Empfängers. Der hat mehr Putzfrauen im Einsatz als Ihr Unternehmen insgesamt Mitarbeiter. Es gibt dabei stets auch eine „Arroganz der Größe“ – die der Konzern weder so meint, noch so nennt. Aber er geht davon aus, dass er Strukturen und Regelungen hat, die Sie, in der Größe so deutlich von unten kommend, gar nicht kennen. Insofern gilt für viele Konzerne: Am besten kommt man als Absolvent dorthin, später wird es immer schwieriger.

b) In manchen Branchen gibt es ein besonderes Verhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern. Mitunter sagen erstere: Mit jedem Bewerber, den wir unseren Partnern im Markt wegnehmen, schwächen wir diese. Das liegt langfristig nicht in unserem Interesse. Also sind wir da sehr zurückhaltend. Hören Sie sich doch hausintern vorsichtig um: Wie viele Mitarbeiter sind von dort vor Ihnen zu einem der großen Hersteller-Konzerne gewechselt?

Ausblick für Sie: Der logische (Standard-) Weg ist es, sich nach etwa fünfjähriger Gruppenleitertätigkeit als Abteilungsleiter bei einem anderen Zulieferer zu bewerben. Oder Sie warten, bis Sie einmal mindestens eine Position auf Ihrer Führungsebene von einem Hersteller ausgeschrieben sehen und versuchen es dann. Aber erstens sind die Konzerne vorrangig bestrebt, offene Führungspositionen mit eigenen Leuten zu besetzen (es gibt ja genug Anwärter, die nur darauf warten) und zweitens haben Sie es dann immer noch mit a + b zu tun.

Als Trost: So furchtbar glücklich sind viele der Angestellten der großen Konzerne auch nicht, interne Entwicklungschancen vermisst man auch dort und so richtig „sicher“ ist ein Job dort schon lange nicht mehr. Und letzten Endes ist es wie beim Heiraten: Mit jeder Festlegung auf irgendeine Variante schließen Sie gleichzeitig viele andere Möglichkeiten aus.

Kurzantwort:

Der Wechsel vom kleinen zum deutlich größeren Unternehmen ist erheblich schwerer als umgekehrt – und für einen Wechsel von der Führungskraft zum Sachbearbeiter gilt das auch. Treffen beide Fälle zusammen, addieren sich die Vorbehalte.

Frage-Nr.: 1794
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-10-02

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