Heiko Mell

Vorher anrufen oder lieber nicht?

Mehrmals haben Sie Bewerbern davon abgeraten, vor der schriftlichen Bewerbung bei dem inserierenden Unternehmen anzurufen. Darum wundere ich mich darüber, dass die Personalberatung XY die Bewerber geradezu dazu auffordert, dieses zu tun. Oder gibt es hier eigentlich kein richtiges oder falsches Vorgehen?

Antwort:

Sie legen als Beweis einen Zeitungsausschnitt bei. Dort heißt es u. a.: „Ist der erste Satz im Anschreiben interessant formuliert, steigt die Chance, im Gedächtnis zu bleiben“, sagt … … von der Personalberatung XY. Sie rät deshalb, vor jeder schriftlichen Bewerbung bei den Unternehmen anzurufen. Das zeige Engagement, außerdem könne der Bewerber Aspekte des Telefonats im Anschreiben aufgreifen. “Das zwingt den Leser, über das Gespräch nachzudenken“‘.

Ich lasse den Namen der (sehr großen, renommierten) Beratungsgesellschaft bewusst weg. Es wäre kein guter Stil, sich hier mit Wettbewerbern namentlich auseinanderzusetzen – so lange diese gar nicht selbst an mich herangetreten sind. Und das werden sie erfahrungsgemäß nicht tun.

Also zur Sache:

1. Den ersten jetzt hier von mir zitierten Satz aus dem Zeitungsartikel ziehe ich stark in Zweifel. Bewerber bleiben nicht im Gedächtnis von professionellen Bewerbungslesern, die sich mit hunderten von Zuschriften pro Fall auseinandersetzen müssen. Der erste Satz kann auffallen, kurzfristig zu erhöhter Aufmerksamkeit und – vor allem bei simplen Routine-Jobs – durchaus zu erhöhtem Interesse an gerade dieser Bewerbung führen. Aber das ist im positiven Falle auch schon alles.

Niemals wird jemand zum Gespräch gebeten, weil sein erster Satz im Anschreiben „im Gedächtnis blieb“. Nein, dann müssen schon eine gute Ausbildung, eine interessante Praxis, gute Zeugnisse etc. hinzukommen.

Ich glaube, die Lösung liegt bei den „simplen Routine-Jobs“. Ich schreibe hier nahezu ausschließlich für Akademiker. Bei denen Schulbildung und -noten, Studien und Noten, Themen von Diplomarbeiten, frühere und heutiger Arbeitgeber (Namen, Größe, Marktbedeutung, Branche), Art der Tätigkeit und der daraus resultierenden Fachkenntnisse und -erfahrungen, Dienstzeiten pro Arbeitgeber, Beförderungsintervalle und Steigungsgrad der Aufstiegskurve sowie Zeugnisqualitäten ebenso eine Rolle spielen wie Motivation für den angestrebten Stellenwechsel und passende Gehaltsklasse. Das ist ein fein abgestimmtes, vielsaitiges Instrument, auf dem da zu spielen ist und dessen Spiel ich „lausche“. Und da soll man mit einem ersten Satz im Anschreiben etwas im positiven Sinne herausreißen oder überspielen können? Nein, das erkenne ich nicht an!

Aber: Sie haben diesen Artikel aus einer Zeitung irgendwo in der „Provinz“ (nicht böse gemeint) ausgegraben. Ich zitiere aus den Mediadaten dieser Publikation einmal die Eckstädte des Verbreitungsgebietes: Jever, Friesoythe, Damme, Delmenhorst, Nordenham. Und Wangerooge (keine Stadt, schöne Insel, ich weiß).

So, und der Artikel ist mit „Jobsuche“ überschrieben. Es geht dort also, der breitgestreuten Leserschaft entsprechend, im Durchschnitt um ganz andere Positionen. Zu denen auch Verkäuferinnen, Zahnarzthelfer und Vorarbeiter gehören. Alles ganz ehrenwerte Berufe, keine Frage. Aber dort spielt man bewerbungstechnisch in einer anderen (nicht schlechteren, nicht besseren) Klasse.

2. Diese XY-Personalberatung veröffentlicht ja auch die üblichen Berateranzeigen, mit denen Bewerber für offene Führungspositionen gesucht werden.Dort heißt es z. B. ganz sachlich: „Für weitere Informationen stehen Ihnen unsere Berater, Herr … und Herr … unter der Telefonnummer … … zur Verfügung.“ Nicht etwa: „Rufen Sie unbedingt an, das zeigt Engagement.“

3. Viele meiner Kunden sträuben sich schon, bei Anzeigen unter dem Namen ihres Hauses (also ohne Berateradresse) noch Telefonnummern abdrucken zu lassen. Natürlich beugen sie sich schließlich der Argumentationskette, man müsse doch, und man könne doch nicht, und wie sehe das denn aus, überhaupt sei doch Kundenfreundlichkeit das oberste Gebot der Stunde. Und dann akzeptieren sie doch wieder die Telefonnummer. Aber sie fluchen. In Erwartung der extrem(!) zeitaufwändigen Telefonate mit – Zweiflern. Weil meist nur anruft, wer nicht recht zum Profil passt und also Zweifel hat. Und die bestätigt man ihm dann. In achtkommafünf Minuten. Wobei 120 Interessenten à 8,5 Minuten über die Woche verteilt schon erheblichen Bedienungsaufwand verlangen.

4. Ich sage ja nicht: Jeder Anruf schadet. Meist merkt sich der Profi am anderen Ende der Leitung den Namen des Anrufers nicht, sondern legt schließlich auf und stöhnt dann. Ich sage nur: Wenn Sie eine kurze konkrete Frage haben, tun Sie es. Aber nicht aus Prinzip. Und nicht um zu fragen, ob die „zwingend“ geforderten Sprachkenntnisse „wirklich so wichtig sind“. Soll der Angerufene darauf antworten: „Nein, aber ich nehme die Leser gern auf den Arm.“?

5. Wenn jeder professionelle Bewerbungsleser bei Bewerbungen, mit denen Akademikern anspruchsvolle Fach- und Führungspositionen anstreben, über das vor Tagen(!) geführte Telefonat mit einem Bewerber nachdenkt, weil im Anschreiben darauf Bezug genommen wird, dann sind das alles bewundernswerte Gedächtniskünstler. Und ich gehöre nicht dazu.

6. Sofern aber ein Inserent (Berater oder suchendes Unternehmen) durch den Text der Anzeige direkt und eindeutig zum vorherigen Anruf auffordert, dann tun Sie es und ich habe in diesem Fall nichts gesagt. Es ist denkbar, dass man dann dort eine spezielle Organisation aufgebaut hat, die diesem Ansturm gewachsen ist oder dass man die Anrufe gleich nutzt, um die Spreu vom Weizen zu trennen (dann müsste man weniger Bewerbungen lesen). Oder man hat spezielle nervenstarke Mitarbeiter ans Telefon gesetzt. Oder man hat dort Leute, die besser sind als ich. Alles ist möglich.

Außer dass ich Ehrenbürger von Jever oder Friesoythe werde. Nach diesem Beitrag nun wohl nicht mehr. Aber ich war schon da und das Bier war absolut … Lassen wir das.

Kurzantwort:

Ratschläge in Medien müssen auch im Hinblick auf die Zielgruppe bewertet werden, an die sich das Medium richtet. Und die Bewerbungstechnik ist nicht für alle Berufsgruppen identisch.

Frage-Nr.: 1781
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-08-24

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