Heiko Mell

Entscheidung à la Steak

Als regelmäßiger Leser Ihrer wohlgemeinten Ratschläge in den VDI nachrichten habe ich die Auftragskrise, in der sich unsere Firma derzeit befindet, als Warnsignal erkannt und begonnen, mich aus ungekündigter Stellung heraus nach einem sicheren Arbeitsplatz umzuschauen.

Aus fünf Bewerbungen haben sich spontan drei Vorstellungsgespräche ergeben, an deren Ende sich die Gesprächspartner mit einem freundlichen „Wir melden uns bei Ihnen“ verabschiedet haben.

Eines der Gespräche mündete mittlerweile in eine Absage, die beiden anderen sind bis jetzt ohne Antwort geblieben. In einem Fall handelt es sich um einen Konzern (das Gespräch ist jetzt fünf Wochen her, die Online-Anzeige ist inzwischen von der Internetseite des Unternehmens verschwunden), im anderen geht es um einen größeren mittelständischen Betrieb (dieses Gespräch ist fast zehn Wochen her, das Unternehmen hat nach wie vor eine entsprechende Online-Anzeige auf seiner Internetseite und publiziert diesen Bedarf auch über Online-Stellenmärkte).

Wie ist die lange Wartezeit auf eine Antwort einzuschätzen? Verhandeln die Firmen mit ihrem Wunschkandidaten und halten sich mit Absagen zurück, bis dieser Vertrag unter Dach und Fach ist oder sind solche Wartezeiten generell üblich? Wie soll man sich verhalten (nachfragen oder abwarten)?

Antwort:

Die statistische Basis ist hier nicht so groß, dass sich daraus absolut sichere Erkenntnisse ableiten ließen, aber mit hinreichend hoher Wahrscheinlichkeit gilt:

1. Ihre schriftliche Bewerbung ist in Ordnung: Drei Einladungen bei fünf Bewerbungen – das ist eine sehr gute Quote! Damit können Sie Ihren beruflichen Werdegang in allen Details einschließlich seiner Darstellung im Lebenslauf, Ihre Zeugnisse und Ihre Argumentation im Anschreiben erst einmal abhaken.

2. Es besteht der Verdacht, dass die Unternehmen auf Ihre Persönlichkeit nach dem Kennenlernen im Vorstellungsgespräch nicht mehr so positiv reagieren. Es beginnt schon damit, dass Sie in keinem der Fälle von einer besonderen Geste der Partner nach Gesprächsschluss berichten:

Sehen Sie, der Unternehmensvertreter ist bei solch einem Kontakt ja nicht nur (falls überhaupt) in der Rolle des gnädigerweise eine Gunst gewährenden Menschen. Er vergibt nicht vorrangig Jobs als Existenzgrundlagen an Bittsteller, er befriedigt vor allem den dringenden Personalbedarf seines Hauses. Er sucht bei seiner Tätigkeit den Erfolg (wie wir alle). Und der besteht darin, einen Kandidaten gefunden zu haben, der die bestehende personelle Lücke im Hause zu schließen verspricht.

Er führt etwa fünf bis zehn (letztere eher selten) Vorstellungsgespräche, bevor eine Einstellung zustande kommt. Viele Kandidaten erweisen sich dabei als ungeeignet, unsympathisch, ungewollt, unbezahlbar, unakzeptabel, unschön aussehend, unmöglich riechend oder sonst etwas in dieser Richtung.Taucht in der Gesprächsrunde plötzlich ein Kandidat auf, der aus der Sicht des Arbeitgebervertreters uneingeschränkt passt – ist das jeweils eine kleine Sensation! Dann hat der Gesprächsführer Angst, diesen – überraschenderweise – unter allen Aspekten hochinteressanten Bewerber letztlich nicht gewinnen zu können.

Also wird der Unternehmensvertreter, wenn er einen Gesprächspartner kennen gelernt hat, den er unbedingt haben will, nicht einfach sagen: „Sie hören von uns.“ Sondern er wird durch sein Verhalten oder sogar durch sein Reden verdeutlichen, dass er an diesem Gesprächspartner besonders interessiert ist. Dies auch dann, wenn er weiß, dass danach noch drei weitere Gespräche mit Kandidaten in diesem Fall anstehen.

Routinierte Bewerber erkennen also durchaus, ob ein Gespräch „gut gelaufen“ ist und ob der Gesprächspartner echtes Interesse hatte oder nur höflich sein Gespräch abgespult hat – obwohl er nach drei Minuten wusste, dass er diesen Kandidaten nie einstellen würde (es ist nicht üblich, Absagen gleich im Gespräch zu formulieren und sich womöglich noch in Diskussionen mit Bewerbern über die Gründe einzulassen).

Solche positiven Signale haben Sie in Ihren Gesprächen nicht gespürt – davon berichten Sie nicht. Also besteht der Verdacht, dass die Ursachen nicht in den Fakten liegen (die kannte man ja aus Ihren Unterlagen), sondern in Ihrer Persönlichkeit, in Ihrem Verhalten etc.

Ein Beispiel: Sie schreiben mir, Sie sähen sich jetzt nach einem „sicheren Arbeitsplatz“ um. Abgesehen davon, dass es den außerhalb des öffentlichen Dienstes nicht (mehr) gibt: Allein mit drei oder vier bohrend-hartnäckigen Fragen danach, wie endgültig/langfristig sicher das jeweilige Unternehmen denn eigentlich sei und ob man gewährleiste, dass nicht doch in Zukunft …, können Sie aus dem Rennen fliegen („Soll der doch Beamter werden“, denkt Ihr Partner dann).

Fazit: Versuchen Sie zu ergründen, ob Sie im Gespräch etwas falsch machen oder eklatante Schwächen zeigen. Gegebenenfalls müssen Sie beispielsweise nach einem Personalberater suchen, der gegen Honorar mit Ihnen einen solchen Vorstellungskontakt simuliert und Ihnen anschließend Tipps gibt oder zumindest diese Frage beantwortet.

3. Das Verhalten der potenziellen Arbeitgeber nach dem Gespräch (Wartezeit) zeigt: Man hat Sie keineswegs spontan haben wollen. Sie waren nicht so schwach, dass alle Ihnen gleich eine Absage geschrieben haben – aber „angebissen“ hat auch keiner.

4. Vermutlich hat man Sie (Ihre Unterlagen) intern „auf Reserve“ gelegt – und vergessen. Oder man wartet (man weiß als Außenstehender nie, worauf. Vermutlich auf Godot). Oder man verhandelt nebenbei mit interessanter erscheinenden Mitbewerbern.

5. Eine Woche bis vierzehn Tage nach dem Vorstellungsgespräch im Hause des potenziellen Arbeitgebers sollten Sie eine positive Nachricht haben. Ist das nicht der Fall, läuft die Geschichte vermutlich an Ihnen vorbei.

6. Mit Nachfragen erreichen Sie gar nichts. Warten Sie ab – oder ziehen Sie vier Wochen nach dem Gespräch die Bewerbung (freundlich, höflich, ohne zu meckern) zurück. Sie fühlen sich dann besser, nützen wird es im angestrebten Sinne natürlich auch nichts.

7. Mit ursächlich für die Warterei ist sicher die Tatsache, dass die Anzeigen nicht in der Zeitung, sondern z. T. nur auf der Homepage des Unternehmens standen oder über mehrere Wochen hinweg in Internet-Stellenbörsen veröffentlicht wurden. Beides ist billig – und verführt daher die Unternehmen dazu, die Dinge gelassen anzugehen, vielleicht auch einmal nur „Versuchsballons“ zu starten. Außerdem tröpfeln naturgemäß die Bewerbungen über einen längeren Zeitraum herein, was der Geschwindigkeit des ganzen Prozesses nicht förderlich ist.

Nichts geht in diesem Zusammenhang über die gute alte Stellenanzeige in der Zeitung. Sie ist – u. a. – so teuer, dass man sie nur schaltet, wenn es dem Inserenten ernst ist mit der Suche. Und die Bewerbungen kommen relativ geschlossen herein. Dass viele Unternehmen dennoch ewig lange für die Entscheidungen brauchen, gehört offensichtlich – ich bin seit mehreren Jahrzehnten dabei – zum Ritual.

Sagen wir es einmal so: Ein Manager ist jemand, der schnelle, präzise Entscheidungen trifft. Außer, er stellt jemanden ein. Dann bevorzugt er plötzlich eine „Entscheidung à la Steak“ (gut abgehangen).

Kurzantwort:

Eine gute Quote an Einladungen pro x Bewerbungen steht für einen guten, marktgerechten Werdegang, gute Zeugnisse und eine gute Problemlösung beim Anschreiben. Eine schlechte Quote an Vertragsangeboten nach Vorstellungsgesprächen ist ein Alarmsignal: Ursachenforschung ist angesagt; entweder macht man Fehler oder die Persönlichkeit überzeugt nicht.

Frage-Nr.: 1746
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-04-10

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