Heiko Mell

Väter und Kinder, Beziehungen u. a. m.

Beim Lesen der Frage 1.719 (Vater fragt, warum die Bewerbungen seiner Tochter erfolglos blieben, ihm konnte geholfen werden; d. Autor) kamen mir zusätzliche Fragen und Gedanken:

1. Ist das Problem Nr. 1 der jungen Dame nicht in allererster Linie die Tatsache, dass sich ihr Vater um die studierte Tochter kümmert (kümmern muss) und sie nicht selbst zu Lösungsansätzen bzw. zur konkreten Bitte um Hilfestellung in der Lage ist?

2. Muss man von einem erwachsenen, wenn auch noch jungen Menschen nicht verlangen können, dass er völlig auf sich gestellt eine so lebens- und berufsentscheidende Phase wie die der Bewerbung durchzieht? Bei der späteren Berufsausübung kann der Vater ja auch nicht dauernd zur Hand gehen.

3. Wie wichtig ist Vitamin B („Beziehungen“) bei der Auswahl von Bewerbern, den tatsächlich erfolgreichen Bewerbungen und den weiteren Karrierestufen? In dem Zusammenhang fällt mir der Ausspruch ein: „Beziehungen schaden nur demjenigen, der sie nicht hat!“

4. Hat es das Kind des leitenden Angestellten leichter, in dem Unternehmen, in dem auch der Vater tätig ist, Karriere zu machen? Oder ergeben sich etwaige Vorteile ausschließlich für die Ausbildungs-/Studienphase? Sind Fälle, wo in Großbetrieben Onkel oder Väter im Vorstand sind und der Sohn auch dort eintritt, die Regel oder sind sie statistisch nicht relevant?

5. Welche Rolle spielen akademische Verbindungen, Landsmannschaften, Burschenschaften? Dabei interessiert mich weniger die Anzahl als die Erfolgsquote bei Bewerbungen im Falle solcher Mitgliedschaften.

Antwort:

Zu 1: Nun, es gibt mehrere Möglichkeiten, warum ein Vater so etwas tut: Er kann nicht anders (sehr verbreitet); er hat als Leser der VDI nachrichten die Möglichkeit zum Fragen und denkt, die „fachfremde“ Bewerbung der Tochter hätte ich sonst nie angefasst (nicht ganz falsch); die Tochter weiß gar nichts davon, hätte das vielleicht nicht einmal gebilligt (kann durchaus sein).

Zu 2: Im Prinzip ja – in der Praxis nutzt man für seine „Brut“ gern alle Chancen, die man nun einmal hat, das ist wohl ein Urinstinkt. Übrigens ist der Berufseinstieg nach dem Studium meist die letzte Hilfe, die ein junger Mensch in Anspruch nimmt. Ab dann schwimmt er sich frei.

Es gibt eine Radsportart, die mir nichts sagt, aber in die ich gelegentlich versehentlich im Fernsehen hineinschalte: Da schiebt ein „Fußgänger“ den Radfahrer ein paar Meter an – dann fährt der schließlich den Rest des Weges selbst. So etwa müssen Sie das auch hier sehen. Und: Als leidgeprüfter Vater habe ich einen Seufzer wie: „Müsste die halberwachsene Jugend nicht eigentlich …“ in meinem Standardrepertoire. Und ich sage Ihnen: Wir waren in dem Alter irgendwie anders, weiter, reifer, jawohl. Oder?

Zu 3: Extrem hilfreich sind alle Arten von Kontakten, Verbindungen, Beziehungen. Dem liegt ein ganz einfaches Prinzip zugrunde: Man beschäftigt sich viel lieber mit Menschen, die man kennt (oder die jemand empfiehlt, den man kennt) als mit Unbekannten. Letztere sind stets für eine Überraschung gut – erstere stellen ein geringeres Risiko dar, sie sind „vorgeprüft“.

Das spielt auch in der Berufsausübung eine große Rolle: Wenn man etwas will, etwas braucht (z. B. Informationen!) ist es von ungeheurem Vorteil, „Leute“ zu kennen, die man anrufen kann. So etwas öffnet Türen. Ob Sie eine Lehrstelle oder einen Praktikantenplatz für Ihr Kind brauchen, von Ihrer Gemeinde ein Grundstück billig erwerben oder firmenintern einen begehrten, freien Job ergattern wollen – stets ist im Vorteil, wer die richtigen Leute kennt.

Daher rate ich jedem halbwegs ehrgeizigen jungen Menschen: Bauen Sie Verbindungen auf, pflegen Sie Kontakte, lernen Sie Leute kennen. Fangen Sie damit in der Schule an, setzen Sie das im Studium konsequent fort, im Berufsleben ohnehin.

Und: Nehmen Sie keinerlei Rücksicht darauf, ob der jeweils kennen gelernte Mensch etwa ein „Idiot“ oder in einem völlig „abseitig“ erscheinenden Beruf tätig ist: Irgendwann können Sie eine solche Beziehung gebrauchen – und sei es, um Ihrerseits einem Menschen mit einer Empfehlung einen Gefallen zu tun, der dann wieder für Sie nützlich sein kann („Kompensationsgeschäft“).

Ach ja: Der „moderne“ Begriff für Beziehungen ist „Netzwerk“, aber das Prinzip ist unverändert – man kennt sich, man hilft sich.Das ist so und niemand wird das jemals ändern. Und obwohl ich nicht die geringste Detailkenntnis in diesem Bereich habe, behaupte ich: Das galt auch schon, wenn man Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU werden wollte. Oder Senator im Rom Caesars.

Zu 4: Im Finanzbereich kennt man für neue Firmen oder Aktivitäten den Begriff „Anschubfinanzierung“ (ähnlich wie mein Fußgänger, der den Radrennfahrer anschiebt). So etwas gilt auch hier: Lehrstellen, Praktikantenplätze, Semestertätigkeiten, Studienförderungen – da überall ist der „leitende Vater“ im Hause nützlich.

Beim Berufseintritt und später sieht das anders aus: Vater und „Kind“ sind gut beraten, die Finger davon zu lassen, es kommt nichts Gutes dabei heraus: Beim Sohn oder der Tochter munkelt die halbe Firma, er/sie lebe ja hausintern nur von der väterlichen Protektion. Und wer täglich sieht, was junge Leute so alles anstellen, der wünscht sich als Vater sehr, der eigene Nachwuchs möge weit entfernt das berufliche Laufen erlernen – dort, wo nicht jeder Fehler der Jungen auf den Alten zurückfällt.

Jeder junge Mensch muss sich irgendwann von den Eltern abnabeln, aus dem Elternhaus ausziehen, beruflich auf eigenen Füßen stehen. Alles andere ist nicht gut für seine Entwicklung. Anders sieht es aus, wenn dem Vater die Firma gehört oder er wenigstens Großaktionär ist: Man hat dann gern „eigenes Blut“ als Nachfolger, übersieht dabei schon einmal eklatante Begabungsschwächen, vertraut aber stets einem Familienmitglied eher als einem Fremden.

Zu 5: Jeder(!) Entscheidungsträger fühlt sich zu einem Bewerber hingezogen, der mit ihm Gemeinsamkeiten hat. Das fängt bei derselben Geburtsstadt an, geht weiter über Schule, Hochschule (vielleicht sogar beim „eigenen“ Professor promoviert), über identische Arbeitgeber, gleiche Hobbys und Vereinsmitgliedschaften. Das heißt nicht, dass der entsprechende Bewerber sofort eingestellt wird, aber ein paar Punkte Vorsprung hat er. Das gilt für die Mitgliedschaft des Entscheidungsträgers und des Bewerbers in der Jungen Union ebenso wie für die Zugehörigkeit zur Burschenschaft „Teutonia“ (den Namen habe ich nur beispielhaft hingeschrieben, ich weiß nicht, ob das korrekt dargestellt ist).

Sofern der Bewerber seine Zugehörigkeit/Mitgliedschaft gezielt einsetzt, um in eine bestimmte Firma hineinzukommen, fällt das unter Punkt 3 „Beziehungen“. Aber: Mitgliedschaften können auch schaden: Sie wissen nie, wie die Einstellung eines unbekannten Entscheidungsträgers ist (vielleicht kann der Burschenschaften nicht ausstehen und ist gegen einen Bewerber eingenommen, der sich einer solchen Mitgliedschaft rühmt).

Kurzantwort:

Beziehungen sind das halbe Leben. Daher gilt: Knüpfen, halten und pflegen Sie von der Schule an Kontakte – ohne Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit eines Nutzens. Vielleicht ist „Müller, Josef“ niemals im Leben von Belang für Sie, aber mit etwas Glück hat der einen Onkel – und der wird Vorstand bei der XY AG.

Frage-Nr.: 1727
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2003-01-30

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