Heiko Mell

Startposition: Unzählige Bewerbungen scheiterten

Als eifriger und begeisterter Leser Ihrer Karriereberatung bitte ich Sie einmal um eine Analyse der Bewerbung meiner Tochter, die seit geraumer Zeit vergeblich versucht, eine erste Anstellung nach erfolgreichem Studienabschluss zu bekommen. Unzählige Bewerbungen scheiterten. Es schmerzt und betrifft mich sehr, dass ein junger Mensch nach einer guten Ausbildung mit leeren Händen, ohne erkennbare Perspektive auf der Straße steht, was ungeheuer frustrierend ist. Macht sie eventuell etwas falsch?

Auch ihr Versuch, jetzt über den Umweg eines Praktikums/Volontariats zum Ziel zu kommen, hat bisher nicht zum Erfolg geführt.

Antwort:

Dies ist sicher ein Grenzfall, auch weil die Tochter keine Ingenieurin ist. Aber vieles davon passt immer und überall. Und schließlich haben auch andere Leser Kinder.

Also schauen wir zunächst in den Lebenslauf: Abitur mit 19 Jahren und 2,3. Das ist akzeptabel. Dann finden sich zwei Semester Studium der Sozialwissenschaften. Hm! Da ich Ingenieur bin und industriegeprägt, erspare ich mir einen Kommentar. Wobei unabhängig vom Fach gilt: Jeder abgebrochene Versuch ist viel schlechter als ein konsequent durchgezogenes Studium – man sollte zum Abiturzeitpunkt möglichst wissen, was man danach will (erstens weiß ich, dass viele in der Spaßgesellschaft damit ihre Probleme haben – und zweitens wäre ein(!) Fehlversuch ja noch gar nicht so furchtbar schlimm).

Dann folgt ein zweiter Fehlstart: Neue Uni, neues Fach. Nun heißt es Ökotrophologie (das ist Haushalts- und Ernährungswissenschaft). Abbruch wieder nach zwei Semestern.

Nun folgt das dritte, diesmal nach neun Semestern abgeschlossene, Studium des wiederum völlig neuen Fachs Kommunikationswissenschaft, es endet vor sieben Monaten mit 2,4 und einem Magister Artium. Und wo bleibt bei den drei Fachrichtungen der rote Faden?

Sie wissen, dass die Zielbranche, die jetzt angesprochen wird, außerhalb meines Metiers liegt; ich kenne auch die Arbeitsmarktsituation dort nicht. Aber das Studium sieht so aus, als wäre Ihre Tochter (wechselnden) Neigungen gefolgt, weniger einem Ziel. Das gilt sehr oft als Nachteil, nicht nur in der stets etwas konservativen Industrie. „Der Weg ist das Ziel“ – diese Einstellung hat auch ihren Charme, aber sie kommt nicht aus dem europäischen Kulturkreis. Hier bei uns geht es vorrangig um das Ziel, der Weg dorthin ist eher nur Mittel zum Zweck. Dafür kennen wir das Wort „zielstrebig“.

Es finden sich im Lebenslauf dann noch mehrere Praktika und Nebentätigkeiten bei Firmen, die der durch das Studium angesprochenen Branche nahe stehen und bei denen die Arbeitgeber durchaus interessant klingen (gab es da keine Beschäftigungschance?).

Sehen wir uns jetzt einmal ausgewählte Formulierungen aus dem Anschreiben an (mein Kommentar ist natürlich nur meine Meinung – die Angeschriebenen können anders denken; allerdings lehrt die Erfahrung, dass Chefs überall ähnliche Empfindungen haben):

1. „… vielen Dank für unser gestriges Gespräch in lockerer Atmosphäre auf der … (folgt der Name einer der großen deutschen Volksbelustigungs-Veranstaltungen).“

Kommentar: Es ist richtig, dem Angeschriebenen auf die Sprünge zu helfen mit Zeit- und/oder Ortsangaben des Kennenlernens. Aber ob der Hinweis auf die „lockere“ Atmosphäre dem künftigen Chef hinterher noch gefällt, bezweifle ich. Wer weiß, ob der überhaupt noch weiß, mit welchen jungen Damen er nach der wievielten Maß geflirtet hat – und ob er an alle diese Situationen hinterher erinnert werden will. Konkret: Die Bewerberin war vielleicht irgendwie „locker“ – er jedoch offiziell eher nicht. Vielleicht hat er sogar Bedenken, sie könnte hinterher in der Firma Geschichten erzählen, was er auf dem Volksfest alles so getrieben hat …

2. „Ich habe … studiert und meinen Abschluss erlangt. Neben meinem theoretischen fundierten und umfassenden Studium ziele ich auf eine ergebnisorientierte praktische Ausbildung in der …-Branche ab, die sich mit meinen Interessen deckt und mir vor allem ‚Lust auf mehr‘ macht. Durch … das einzigartige internationale Netzwerk der XY KG bin ich mir sicher, einen abwechslungsreichen und vor allem ständig aufs neue hausfordernden Partner gefunden zu haben.“

Kommentar: Es geht nicht um den ersten Satz, den zitiere ich nur zum Verständnis. Aber nehmen wir den zweiten:

– Entweder muss es „theoretisch fundierten Studium“ heißen oder zwischen „theoretischen“ und „fundierten“ muss ein Komma stehen – sonst taugt die Konstruktion nichts.

– Jetzt „zielt“ die Bewerberin, macht sie deutlich, was sie will, welche – präzise beschriebene – Erwartung sie hinsichtlich einer Tätigkeit dort hat. Anders ausgedrückt: Ich will, ich erwarte, ich suche. Firmen stellen Bewerber ein wegen der Qualifikationen, die diese mitbringen oder der Taten, die sie für das jeweilige Unternehmen vollbringen können – nicht aber, weil das Unternehmen zufällig das bietet, was der „Antragsteller“ jetzt gern alles hätte. „Da haben wir ja Glück“, soll der Leser des Briefes wohl denken, „dass sich unsere Praktikanten-Ausbildung mit den Erwartungen der Bewerberin deckt.“ Auch wenn es um ein Praktikum geht, bietet man Mitarbeit an und fordert nicht „ganz cool“ Ausbildung ein.

– „Also Leute, verschafft mir Lust auf mehr!“ Oder kürzer: „Erheitert mich!“. Ich will, ich erwarte, ich suche – siehe oben. Die Bewerberin merkt die Diskrepanz wohl nicht: Sie ist seit sieben Monaten arbeitslos, sucht verzweifelt einen Job – aber stellt Bedingungen.

Und dann noch den dritten Satz:

– „Durch das … bin ich mir sicher, …“ ist sprachlich Unfug. „Wegen des …“ hätte beispielsweise da hingemusst. Wobei stets ein Grundsatz gilt: „Ich liebe dich“, ist einfach. „Ich liebe dich wegen …“, wird schwierig. Wenn überhaupt Begründungen, warum nicht: „Ich liebe dich. Dein Haar erinnert mich an …, deine Augen strahlen wie …“ usw.

– Ich weiß nicht, ob es „abwechslungsreiche“ Partner überhaupt gibt. „Abwechslungsreiche Tätigkeiten“ hingegen gibt es.

– „Ich bin mir sicher, in der Firma XY KG einen … Partner gefunden zu haben“ – alles falsch. Sie hat ja noch keinen – beruflichen – Partner gefunden, sie sucht ja erst! Schließlich ist sie ja noch Bewerberin! Und Arbeitgeber sind ohnehin keine Partner für Praktikanten oder Berufsanfänger. Wenn Firmen das gelegentlich schreiben, ist das in Ordnung, aber „von unten her“ ist es anmaßend.

Noch ein Zitat:“Nach Erfahrungen während meiner Praktika in … und … möchte ich mich einer neuen Aufgabe widmen … Ich bin dem Reiz eines strategischen, kreativen und kommunikativen Umfeldes erlegen und suche eine verantwortungsvolle Aufgabe, die mir Spielraum für eigenes Engagement und selbstständige Errungenschaften lässt.“

Kommentar: Das ist ganz schön großartig für die Situation! Nach nunmehr sieben Monaten Arbeitslosigkeit sollte die Devise in Arbeitgeberaugen lauten: „Suche Chance, mich in der Praxis bewähren zu dürfen, tue (fast) alles dafür!“ Das muss man nicht wörtlich so ausdrücken, aber doch dem Sinne nach.

Die Bedeutung der Formulierung „… bin einem … Umfeld erlegen“ bleibt nebulös, die Aufzählung der Attribute des Umfeldes kommt Bedingungen schon wieder gefährlich nahe. Praktikanten kochen Kaffee und lernen nebenbei – sie arbeiten nicht strategisch, sie suchen eine Bewährungschance, sie erliegen nicht. Ja und dann die zweite Satzhälfte: Bedingungen, Forderungen en masse. Als Praktikantin, die eigentlich Kaffee …, na lassen wir das. Bliebe die Frage, was eine „selbstständige Errungenschaft“ ist. Das geht so nicht.

Das wäre ja alles nicht so schlimm, wäre die Bewerberin Ökotrophologin geworden bzw. dabei geblieben. Aber hier: Angeschrieben wird eine PR-Agentur von offensichtlichem Rang, studiert hat die Kandidatin nun Kommunikation und am Schluss ihres Anschreibens lobt sie sich selbst: „Neben einem ausgereiften Schrift- und Ausdrucksstil bringe ich …“ Na ja.

Also rate ich: Lassen Sie die Sozialwissenschaften und die Ernährungsangelegenheiten irgendwie verschwinden. Vielleicht war die junge Dame ja während der Hälfte dieser Zeit au pair in England (beispielsweise) und für das andere Jahr hat das dritte Studium länger gedauert. Oder etwas in der Art (wobei man eigentlich immer schön bei der Wahrheit bleiben soll, keine Frage; man nennt das „konkurrierende Ziele“). Und dann soll sie das Anschreiben radikal umformulieren. Leider kann niemand garantieren, dass damit die Lösung sofort erreicht wird. Aber so wie bisher geht es gar nicht.

Ihnen, geehrter Einsender, versichere ich, dass ich absolut nicht verletzen wollte. Aber aufrütteln. Ihre Tochter und andere. Was habe ich denn jetzt hier geschrieben, auf das man als Betroffener nicht auch allein hätte kommen können? Und bevor jemand denkt, ich sei besonders „schlimm“: Ich bin bloß ein höchst(!) unvollkommen aus- und vorgebildeter Ingenieur. Viele Entscheidungsträger sind ungleich (vor-)gebildeter und damit automatisch anspruchsvoller als ich. Von einigen im Industriebereich weiß ich es – von denen in internationalen PR-Agenturen will ich es immerhin hoffen.

Ach ja, so ganz am Schluss: Man schreibt beispielsweise nicht „Kanzleramt, z. H. Gerhard Schröder“. Er bleibt „Herr Schröder“, auch wenn man ihn nicht gewählt hat. Und so bleibt auch der Manager einer PR-Agentur ein „Herr“, selbst wenn man ihn vom Volksfest kennt; „z. H. Max Müller“ ist ein bisschen wenig.

Na, Sie wussten ja, an wen Sie hier schrieben. Und meine Stammleser können sich trösten: Auch Leute, die vom Studium her viel vertrauter mit der Muttersprache sein sollten als Ingenieure, verbrechen einen Haufen Unsinn. Man liest es mitunter später in PR-Kampagnen. Aber nur mitunter.

Kurzantwort:

1. Junge Menschen dürfen Fehler machen. Dennoch empfiehlt es sich zu unterscheiden zwischen Fehlern, die „aktenkundig“ werden (Lebenslauf) und solchen, die später Dritten nicht mehr auffallen (besser zwei unglücklich verlaufene Beziehungen als zwei unglücklich verlaufene Studienversuche).

2. Bei Briefen (z. B. Bewerbungsschreiben) gilt es, den fertig ausgedruckten(!) Text nach zwei Richtungen hin sorgfältig zu prüfen:

a) Ist jeder einzelne Satz klar, eindeutig und sprachlich richtig formuliert (im Zweifel – also oft – umformulieren)?

Frage-Nr.: 1719
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-12-13

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