Heiko Mell

54 und was nun?

Frage/1: Ich wende mich an Sie, um Sie um Mithilfe bei der „Fehlersuche“ zu bitten. Seit zehn Monaten bemühe ich mich, eine neue Arbeit zu finden, bisher erfolglos.

Die Verwaltung der Bewerbungen habe ich zuerst mit einer Excel-Tabelle vorgenommen, mir dann aber ein kleines ACCESS-Programm geschrieben. Darauf aufbauend habe ich eine Bewerbungsanalyse erarbeitet, die in erster Linie als Arbeitsprobe gedacht war, mir aber doch geholfen hat. Sie liegt bei.

Frage/2: Anbei meine Bewerbungsmappe.

Antwort:

Antwort/1: Ihrem Brief folgen erst einmal fünfzehn Seiten Papier. Die haben zu meinem Erstaunen noch gar nichts mit der eigentlichen Bewerbung zu tun, sondern umfassen ausschließlich Ihre Tabellen, Auswertungen, Analysen und Statistiken rund um Ihre Bewerbungen.

Ich verspreche ja auch, dass ich Ihnen zu helfen versuche. Aber meine herzliche Bitte lautet: Machen Sie das nicht so! Seit Jahren empfehle ich Bewerbern mehr Sorgfalt, mehr Aufwand, mehr Denkarbeit. Aber es gibt für alles auch eine Obergrenze – die haben Sie hier überschritten.

Vor allem gilt: Sie haben, wie ein flüchtiger Blick in Ihre Auswertungen zeigt, Ihre Suche ungeheuer breit angelegt. Darunter sind sehr viele Jobs, bei denen Sie im Rahmen der Gegebenheiten niemals eine Chance hatten oder haben werden. Ich rate sehr, sich auf die Grundregeln des Bewerbungsprozesses zu konzentrieren und nicht das Heil in extrem – und hoffnungslos – stark gestreuten Aktivitäten zu suchen, die dann eigener Verwaltungsprogramme bedürfen.

Antwort/2: Das hilft schon eher. Hier die wichtigsten Daten daraus:

Sie sind 54 Jahre alt: Dass dies ein Problem ist, wissen alle. Es bringt nichts, an dieser Stelle über Sinn und Unsinn des Jugendwahns in der Gesellschaft zu diskutieren – ändern werden wir damit nichts. Fakt ist, dass deutliche Vorbehalte der Bewerbungsempfänger bei 45 Jahren beginnen, dass diese ab 48 schwerwiegend und ab 50 nahezu unüberwindlich werden. Von erfolgreichen Bewerbungen eines Zweiundfünfzigjährigen hört man gelegentlich, darüber wird es extrem „dünn“ mit den Chancen.

Auf die sich auch daraus ergebenden Regeln für die Bewerbungen gehe ich gleich ein. Erst muss leider noch Ihr zweites Handikap angesprochen werden: Die seit zehn Monaten andauernde Arbeitslosigkeit verschlimmert die Situation. Und wenn nur durch den Umstand, dass viele Bewerbungsempfänger denken, hunderte von potenziellen Arbeitgebern hätten die Unterlagen geprüft – und negativ entschieden. Was ja stimmt. Also meinen die Empfänger, sie könnten sich das Lesen fast schon ersparen …

Nun zu den Fakten: Sie sind das, was man im Jargon hinter Ihrem Rücken einen „Ost-Mann“ nennt: Geboren in der ehemaligen DDR, Abitur mit Facharbeiterbrief sowie TU-Studium dortselbst („gut“). Es folgen Anstellungen als Ingenieur in DDR-Betrieben mit sich positiv entwickelndem Werdegang.

Dann vor etwa fünfzehn Jahren Ausreise in die Bundesrepublik mit drei Arbeitgebern seitdem. Werkserhaltung/Instandhaltung/Betriebstechnik ist das zentrale, ausschließliche Fachthema. Bei den beiden ersten West-Firmen sind Sie auf eigenen Wunsch gegangen, die dazu gehörenden Zeugnisse sind gut.

Die überaus wichtige (das ist immer so) letzte Position: Leiter Instandhaltung eines kleineren (von den Mitarbeitern her) Konzern-Werkes mit hohem Investitionsvolumen (teure Produktionsanlagen). Dort führten Sie einen großen Mitarbeiterstab und waren mehrere Jahre tätig.

Das Zeugnis daraus (auch wieder extrem wichtig, weil das letzte): Es werden zahlreiche positive Eigenschaften gewürdigt. Kernsatz: „Er erledigte seine Aufgaben … zu unserer vollen Zufriedenheit.“ Das ist etwa „befriedigend“. Dann kommt der Hinweis auf Reorganisationsmaßnahmen mit Zusammenführung einiger Abteilungen.

Was dann kommt, ist ein bisschen viel für einen Zufall oder eine Gedankenlosigkeit! Es heißt: „… wurden einige Fachbereiche … zusammengeführt und Herr X wird daher unser Unternehmen betriebsbedingt und im Rahmen einer Sozialauswahl … zum … verlassen.“

Wissen Sie, wo ich einhake? Beim Wort „daher“! Das ist nämlich keinesfalls wirklich logisch. Wenn man drei Bereiche zusammenlegt, kann man nicht sagen, dass dieser Herr X „daher“ gefeuert wird. Ich lese hier: „Einer musste gehen, wir wählten ihn.“ Dahinter könnte(!) etwas anderes stecken, das dem Formulierer bekannt war und sich in sein Unterbewusstsein schlich, als er um Worte rang. Vielleicht, die Spekulation ist erlaubt, war aus irgendwelchen Gründen allen Entscheidungsträgern klar: „Wenn hier einer fällig ist, dann Herr X.“ Als die Reorganisation kam, hatte man den lange gesuchten Anlass. „Daher“ traf es ihn. Es könnte(!) so sein.

Auf der Basis einer betriebsbedingten Entlassung gibt man gut beurteilten Mitarbeitern gerne und fast immer einen Zeugnisbonus mit auf den Weg. Papier ist geduldig, es kostet nichts und man fühlt sich besser. Also sind, wenn wirklich alles in Ordnung war, aus solchem Anlass „sehr gute“ Zeugnisse fast schon üblich – der Leser zieht dann eine Note ab und alle sind zufrieden. So toll ist Ihr Dokument nicht – zöge man eine Note ab, stünde man schnell im „Minus“.

Schön, man bedauert noch – nicht den Verlust, sondern „diese Entscheidung treffen zu müssen“, dankt für „seine gute Mitarbeit“. Und wünscht „ihm für seine persönliche und berufliche Zukunft …“. Die „persönliche“ vor der „beruflichen“? Das beweist nichts(!), wird aber gern als Hinweis gewählt, dass irgendwelche Probleme im persönlichen Bereich (z. B. Ehepartner, der nicht umziehen will etc.) vorliegen.

Also zusammengefasst: Ich habe keinerlei Beweise für wirklich Negatives. Aber ich sehe auch nicht so absolut uneingeschränkt positive Aspekte wie es unter den gegebenen Umständen wünschenswert gewesen wäre.

Es gibt Unternehmen, die „verschwenden“ bei der Gelegenheit noch ein bisschen mehr Druckertoner, z. B. mit solchen Formulierungen: „Wir bestätigen gern, dass diese Maßnahme in keiner Weise etwa mit der Person oder den Leistungen von Herrn X zusammenhängt, sondern ausschließlich auf wirtschaftlichen/sachlichen Gegebenheiten beruht.“ Das kann man nicht verlangen, aber …

Ein Anschreiben habe ich nicht vorliegen, also kann ich auch nichts zu Ihrer Argumentation sagen.Nun zu Ihren Chancen und zum empfohlenen Vorgehen:

1. Der Bewerber über 50 soll, so die Regel, vermarkten, was er schon hat und kann – und nicht auf die Fähigkeit setzen, Neues anzugehen.Das gilt für die Tätigkeit, in etwa auch für die Branche (und meint: Versuchen Sie keine großen Branchensprünge in völlig andere Bereiche), es gilt weitgehend für die Art und Größe der Firma. Konkret: Die jetzt angestrebte Position sollte der letzten so weit wie möglich gleichen.

2. Berufliche Fortschritte erzielen zu wollen, also Positionen anzustreben, deren Übernahme ein Aufstieg wäre, ist völlig aussichtslos.

3. Da das Alter eine deutliche Beeinträchtigung des „Marktwertes“ auf dem Arbeitsmarkt darstellt und die lange Arbeitslosigkeit sich dazu addiert, wird ein „Preis“ für diese Belastungen gezahlt werden müssen. Das bedeutet, es müssen Abstriche an der Zielposition gemacht werden. Ideal (lt. 1.) wäre ein Job, der in allem dem letzten entspricht. Abstriche sind denkbar

3.1 an der hierarchischen Stellung: Man wird z. B. nicht mehr Leiter des Ressorts, sondern Stellvertreter desselben.

3.2 am Gehalt: Dabei darf nach den Marktgesetzen noch nicht einmal zu deutlich werden, dass der Bewerber früher schon sehr viel mehr verdient hat. Beispielsweise ist im Anschreiben folgende Formulierung denkbar: „In meiner Situation steht die Suche nach einer interessanten Aufgabe klar im Vordergrund gegenüber Details der Vertragsgestaltung. Ich gehe davon aus, dass wir auch im Bereich des Einkommens eine Regelung finden, die Ihren Vorstellungen entspricht.“

3.3 an der Regelung zum Arbeitsvertrag: Denkbar sind hier befristete Arbeitsverhältnisse oder freiberufliche Engagements. Der unter 3.2 vorgeschlagene Satz deckt die Toleranzerklärung dazu gleich mit ab.

3.4 an der Art und Größe, an der Branche und am Standort des künftigen Arbeitgebers. Das Prinzip ist klar: Bereitschaft zu einem Job, den die „kampfstarken“ Enddreißiger nicht wollen – damit fallen die dann als Mitbewerber aus. Damit ist auch verbunden: Die Top-Konzerne der deutschen Industrielandschaft, zu denen fast jeder gerne ging, sind keine interessanten Adressen für Sie.

Für Sie, geehrter Einsender, heißt das: Sie sind ein ehemaliger Instandhaltungs-Manager. Konzentrieren Sie sich darauf, einschließlich der Bereitschaft zu den erwähnten Abstrichen. Und dann bewerben Sie sich in diesem Sinne auf breiter Front. Aber lassen Sie die Versuche, jetzt technischer Geschäftsführer o. ä. werden zu wollen. Das hat keine Chance und führt nur zu Frustrationen.

Die alles überstrahlende Grundregel lautet: Mit 45 soll man die Position innehaben, die „im Notfall“ bis zur Pensionierung akzeptiert werden kann – somit wären weitere Bewerbungen nicht erforderlich. Leider … Verzweifeln Sie nicht – da die Bewerbungsleser Individualisten sind, besteht immer eine Chance, dass der fünfzigste akzeptiert, was die davor von sich wiesen.

PS. Ich bin insgesamt nicht stolz auf den Inhalt dieses Beitrages, halte ihn aber sachlich leider für gerechtfertigt und erforderlich.

Kurzantwort:

Mit 54 Jahren und längerer Arbeitslosigkeit kann bei Bewerbungen nur gelten: Maßstab ist der zuletzt innegehabte Job, daran sind Abstriche hinzunehmen. Der Versuch, in neue Bereiche oder gar nach oben zu springen, hat kaum eine Chance.

Frage-Nr.: 1702
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-10-09

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