Heiko Mell

Betriebsbedingte Kündigung erwähnen?

Seit über zehn Jahren bin ich bei einem Arbeitgeber beschäftigt. Dort habe ich seit mehr als sieben Jahren Führungserfahrungen sammeln können. Seit Jahren werden in diesem Unternehmen kontinuierlich Stellen abgebaut, inzwischen haben wir nur noch gut ein Fünftel der ehemaligen Belegschaft.

Ich bin vor kurzem mit sechs Monaten Frist betriebsbedingt gekündigt worden, parallel dazu hat mein Arbeitgeber mir einen Aufhebungsvereinbarung angeboten. Ich habe bisher in Anschreiben den Sachverhalt der betriebsbedingten Kündigung nicht erwähnt, da ich es bevorzuge, meinem potenziellen neuen Arbeitgeber die Situation zu erklären.

Welchen Rat können Sie mir in meiner jetzigen Situation bei neuen Bewerbungen geben?

Antwort:

Ich möchte mehrere Komplexe ansprechen:

1. Kontinuierlicher Personalabbau: Da wird über lange Zeit (Sie haben es mir anvertraut, das läuft seit mehr als fünf Jahren) Personal abgebaut. Erst 10 %, dann 20, dann 30, später 40, dann war jeder zweite ehemalige Kollege weg. Dann waren 60 % abgebaut, dann 70, dann 75 %. Und Sie saßen immer noch da und hofften darauf, dass diese Entwicklung ausgerechnet an Ihnen vorüberging? Ihr Gottvertrauen hätte ich auch gern.

Also konkret: Niemand will im Detail Ihre Erklärung hören, wieso Sie meinten, hoffen zu dürfen. Aber jeder wird den Kopf schütteln und etwas über Dynamik, Vorausschau, Risikoabwägung und Weitblick eines Managers murmeln – sofern Sie das so erzählen wie mir. Niemand darf also erfahren, dass dieser Prozess dort so leicht überschaubar und gnadenlos Schritt um Schritt ablief – man würde sonst so über Sie denken, wie ich es hier andeute. Wie gesagt: Details spielen keine Rolle, jeder hat seine individuellen „Ausreden“. Argumentieren Sie mit „Personalabbau von mehr als 75 %“, aber lassen Sie den Eindruck entstehen, dies sei relativ kurzfristig geschehen.

2. Achten Sie bei der hier anstehenden Umwandlung der (einseitigen) Arbeitgeber-Kündigung in eine (zweiseitige) Aufhebungsvereinbarung darauf, dass Sie nicht Ihr wertvollstes Kapital verschleudern. Das ist nicht die Abfindung, das sind die sechs kommenden Monate, in denen Sie derzeit noch beschäftigt sind. Genau die brauchen Sie statistisch, um einen neuen Job zu finden. Das Risiko einer Bewerbung aus arbeitsloser Situation gleicht keine Abfindung aus, die Sie ja nicht für den Rest Ihres Lebens aller Sorgen enthebt. Also Vorsicht!

3. Sie sollten vor Vertragsunterzeichnung Ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber unbedingt(!) und auch ungefragt sagen, dass Sie unfreiwillig bei Ihrem heutigen Unternehmen ausgeschieden sind. Aber Sie müssen das keinesfalls in der schriftlichen Bewerbung tun. Fragt man Sie konkret („Sind Sie in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis?“), antworten Sie stets wahrheitsgemäß.

4. Es ist wichtig, dass Sie jetzt nicht schriftlich, also später beweisbar, lügen. Das wäre der Fall, schrieben Sie ab jetzt: „Ich stehe in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis.“ So also nicht!

Der Markt akzeptiert, dass ein Bewerber in Ihrer Situation nicht freiwillig sofort bei der Kontaktaufnahme jeden Aspekt beleuchtet, der gegen ihn spricht.

Schreiben Sie also im Anschreiben bis wenige Wochen vor dem Ausscheidetermin (der sich aus der Arbeitgeber-Kündigung oder dem Aufhebungsvertrag ergibt): „Ich bin Leiter …“ und im Lebenslauf: „Seit 01.0X.92 Müller & Sohn GmbH …“

Da Sie aber lt. 3. ohnehin irgendwann mit der etwas unangenehmen Wahrheit herausrücken müssen, sollten Sie schon im Anschreiben eine Brücke dahin bauen und eine Andeutung machen – aber offen lassen, ob Sie (was Sie hätten tun sollen) noch vorsorglich gehen oder schon direkt betroffen sind. Hinzu kommt, dass jeder(!) Bewerbungsempfänger gern wüsste, warum der Bewerber seinen Arbeitgeber verlassen will oder muss. Also empfiehlt es sich, etwa zu schreiben:

„Meine Bewerbung erfolgt auch im Zusammenhang mit tiefgreifenden strukturellen und organisatorischen Veränderungen im Unternehmen, das sich zu drastischen Personalreduzierungen gezwungen sieht.“

Wenn Sie dann im Satz davor noch schreiben: „Die ausgeschriebene Position ist insbesondere wegen … für mich besonders reizvoll; ich könnte dort meine umfassenden Erfahrungen auf den Gebieten … und … einbringen“, dann hat damit das Wort „auch“ in meinem vorgeschlagenen Kernsatz seinen tieferen Sinn.

Fragt man Sie dann im ersten Vorstellungsgespräch nicht nach Details Ihrer arbeitsrechtlichen Situation, dann müssen Sie auch nichts dazu sagen, können aber beispielsweise das zweite Gespräch mit der Mitteilung eröffnen, die ja schon von Ihnen im Anschreiben angedeutete Situation sei eskaliert (stimmt weitgehend), auch Ihnen habe man einen Aufhebungsvertrag vorgelegt (stimmt), den Sie unterschrieben hätten (stimmt auch). Nach dem Datum der Unterschrift fragt normalerweise niemand, vorgelegt wird im Bewerbungsprozess weder ein Aufhebungsvertrag noch ein Kündigungsschreiben.

Als Warnung: Dies sind bewährte Empfehlungen, die einen optimalen Ausgleich zwischen dem Recht auf wahrheitsgemäße Information des potenziellen neuen Arbeitgebers und den Interessen des Bewerbers versuchen. Natürlich gehört dazu der Hinweis, dass Sie stets nur die Wahrheit sagen sollten und dass Sie das Risiko tragen, falls ein potenzieller neuer Arbeitgeber auch nur ein winziges Detail Ihrer Darstellung nicht als einwandfrei empfindet. Aber wenn Sie in der Bewerbung schreiben: „Mir wurde betriebsbedingt gekündigt“, denkt der Empfänger: „Entlassen die dort wirklich ihre besten Leute zuerst?“ Und er lehnt Sie vielleicht ab, bevor Sie Ihre stärkste „Waffe“ im Kampf um die Position ins Gefecht führen können, nämlich den persönlichen Eindruck.

Ach ja: In Ihrer Situation wäre eine Bewerbung, die nur folgende Begründung enthielte, nicht korrekt, z. B. würde ich diese Formulierung später beanstanden und als „nicht ganz wahr“ deklarieren: „Ich bewerbe mich, weil die von Ihnen offerierte Position für mich eine besonders reizvolle Herausforderung (oder etwas in der Art) darstellt.“ Nein, würde der Partner später im Vorstellungsgespräch denken: „Du, lieber Bewerber, bewirbst dich, weil dir dein alter Arbeitgeber den Stuhl vor die Tür gesetzt hat und diese Position sich als Rettung vor dem Nichts eignet.“ Und die Wahrheit läge irgendwo dazwischen.

Kurzantwort:

Ein Unternehmen übersteht 10 % Personalabbau problemlos, verkraftet 20 % und vielleicht 30 %. Wer aber als Mitarbeiter 75 % über Jahre hinweg miterlebt und immer noch dabeibleibt, könnte ebenso gut Russisches Roulett spielen.

Frage-Nr.: 1697
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2002-09-13

Top Stellenangebote

Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) Konstruktion und Fertigungsmesstechnik Nürnberg
BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Elektrotechniker (m/w/d) Kempten
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieure / Techniker (m/w/d) für die Gewerke HVAC/S und medizinische Gase, im Geschäftsbereich Krankenhausprojekte Niederanven (Luxemburg)
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A.-Firmenlogo
Goblet Lavandier & Associes Ingenieurs-Conseils S.A. Ingenieur (m/w/d) Energie & Gebäudephysik Niederanven (Luxemburg)
KfW Bankengruppe-Firmenlogo
KfW Bankengruppe Experte / Sachverständiger (w/m/d) für Umwelt- und Sozialrisikomanagement Frankfurt am Main
Technische Hochschule Bingen-Firmenlogo
Technische Hochschule Bingen Präsident (m/w/d) Bingen
OST – Ostschweizer Fachhochschule-Firmenlogo
OST – Ostschweizer Fachhochschule Professor/in für Industrielle Automation Rapperswil (Schweiz)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Autonome Systeme / Mitgliedschaft in der Institutsleitung Dresden
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.